Junge Kunst So malt die "Generation Skepsis"

Ein Ausstellungsprojekt präsentiert 53 Künstler als aktuellen Querschnitt junger Malerei. Der Nachwuchs versucht, sich von Konventionen frei zu machen - und kämpft doch mit einem alten Imageproblem.

Museum Wiesbaden / Bernd Ficker

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Vivian Greven hat sich selbst lange Zeit erforscht, um zu sich zu finden. "Ich habe mich früh ausgebreitet", sagt die 33-jährige Künstlerin aus Düsseldorf, die dort nicht nur Malerei studiert hat, sondern daneben auch Literatur, und als sie sich von Pinsel und Leinwand limitiert fühlte, auch noch eine Bildhauerklasse besuchte. "Ich möchte, dass meine Gemälde zum Betrachter sprechen und eine Beziehung zu ihm aufbauen - sie sollen kommunizieren, sich ausdehnen", sagt Greven.

Das ist viel verlangt von einer Leinwand. Eigentlich galt die Malerei doch schon so lange als abgelöst, viele neue Medien machen ihr Konkurrenz. Malerei ist mit der Skulptur die älteste Kunstform, sie trägt jahrhundertealte Traditionen und ein konservatives Image mit sich herum. In der Malerei sei alles gesagt, hier passiere nichts mehr. So lautet das Vorurteil.

Bilder kann man außerdem kaufen, anfassen, an die Wand hängen, die Malerei ist auch deshalb zu einem Business geworden. Sie gilt als kommerziell, im Unterschied etwa zur Videokunst, die ideologisch widerständiger scheint. Der deutsche Pavillon in Venedig hat in den vergangenen zehn Jahren Installationen, Performances, Videos, Konzeptkunst ausgestellt. Die Preisträger der Nationalgalerie waren Video- oder Performancekünstler. Und Filmemacherin Hito Steyerl gehört zu den einflussreichsten Personen der Kunstwelt.

Und die Malerei? Vivian Greven ist weder eingeschüchtert vom altmodischen Image, noch lässt sie den Vorwurf gelten, Gemälde seien per se anfällig für Kommerz. Greven gehört zu einer neuen Generation von top ausgebildeten, vernetzten, kritischen Malerinnen - zur Generation Skepsis sozusagen. Sie setzt sich mit Fragen von heute auseinander, benutzt dafür aber die älteste Sprache der Kunst.

Malerei ist tot, es lebe die Malerei

Auf Grevens Bildern sind meist Menschen und Gesichter in Interaktion zu sehen, einige Figuren erinnern an Skulpturen, dazwischen finden sich abstrakte Flächen, die den Bildern irritierende Tiefe geben. Ihre Linien und Farben sind zart, die Formen glatt, unnahbar und absolut Instagram-tauglich. Und doch vermitteln die Gemälde Sehnsucht nach Berührung statt digitalen Rückzug. "Ob sich das verkauft? Das ist keine Frage, die ich mir im Atelier stelle", sagt Greven.

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Sie könnte aber auf einem guten Weg dorthin sein. Grevens Bilder "Lamia", "LEEA" und "Tru I" hängen nun in großen Museen in einem Ausstellungsprojekt, das den Status Quo der jungen Malerei in Deutschland beschreiben will. "Jetzt! Junge Malerei in Deutschland" zeigt Werke von Künstlern im Alter zwischen 30 und 40 Jahren. Drei Ausstellungshäuser haben sich dafür zusammengetan und schickten sieben Ausstellungsmacher zwei Jahre lang durch Ateliers in Deutschland. Man einigte sich auf 53 Namen, die mit jeweils drei Gemälden in Bonn, Chemnitz und Wiesbaden zu sehen sind.

Sind das nun die Besten, die Stars von morgen? Und was eint diese Künstler? "Wir zeigen einen Querschnitt, keinen Kanon", sagt Stephan Berg, Kurator und Intendant des Kunstmuseums Bonn. Man wolle Vielfalt zeigen, eine Momentaufnahme. Auf Gemeinsamkeiten habe es "Jetzt!" gerade nicht abgesehen.

Und doch gibt es sie. Zwar nicht unbedingt in der Bildsprache, doch gemeinsam ist den Künstlern etwa ihr Akademikertum: Alle haben studiert, die meisten an den großen Schulen in Düsseldorf und Leipzig, ein paar in Hamburg, München, Berlin. Keine Quereinsteiger, keine Autodidakten. "Das ist eben ein guter Nährboden", erklärt Kurator Berg. Es werde an den Akademien aber weniger nachgeahmt, so wie es früher in Frankfurt und Düsseldorf die Jörg-Immendorf-Schüler und in Leipzig die Neo-Rauch-Schüler gegeben habe. "Diese Generation entzieht sich Kategorisierungen, sie ist überall in between. Und sie ist skeptisch", sagt Berg.

Auch ein Modersohn ist mit dabei

Ein Marktphänomen bleibt die Malerei trotzdem. In den Ecken für emerging artists auf Kunstmessen hängen Galeristen die 53 "Jetzt!"-Namen nun etwas prominenter aus. "Wir waren vorsichtig mit im Markt schon verankerten Künstlern. Einige 35-Jährige sind nicht mit dabei, weil sie bereits international gut aufgestellt sind", sagt Berg. Doch sehr schnell werden seine 53 Kandidaten nun dazugehören. Ein striktes Ausschlusskriterium sei Prominenz deshalb nicht gewesen.

Sonst wäre Simon Modersohn wohl nicht dabei. Der 29-Jährige mit dem berühmten Namen ist der Jüngste unter den Jungen der "Jetzt"-Ausstellung, erst vor einigen Wochen beendete er sein Studium. Seine Familie gehört zu jener von Otto Modersohn und Paula Modersohn-Becker. Die Bilder des jüngsten Malersprösslings zeigen unter anderem dörfliche Szenen aus Fischerhude - wo seine Familie das Otto-Modersohn-Museum betreibt - oder der Künstlerkolonie Worpswede, dort starb 1907 die bedeutende Expressionistin Paula Modersohn-Becker. Andere Gemälde sind abstrakte Ansichten ohne Details, sie wirken künstlich, wie gemalte Bildschirme.

Simon Modersohn gehöre nicht aufgrund seines Nachnamens zu den wichtigsten Positionen Deutschlands, sagt sein Galerist Hagen Schümann, "sondern aufgrund seines ausgefallenen Perspektivenspiels, das zum aktuellen Diskurs beiträgt." Außerdem gebe es kaum einen Maler, der sich heute noch mit dörflichen Arrangements auseinandersetze. "Es haben sich schon einige Interessenten für die Arbeiten gemeldet, die jetzt in den Museen zu sehen sein werden", sagt Schümann, er habe aber dieses Jahr noch nicht mehr Modersohns als zuvor auch verkauft.

Ist ein Künstler korrumpiert, wenn er Marktwert hat? Kann gute Malerei nur im Abseits stattfinden? Oder sind diese jahrzehntealten Vorwürfe bald überkommen? Darüber wird man immer streiten können. Zu eng ist die Malerei mit ihrem Markt verwoben, um scharfe Trennlinien zu ziehen zwischen dem Ausstellungsbetrieb, der als seriöser gilt, und den Galerien, die so viel schneller interessante Kunst aufspüren als Museen. Die Ausstellungen in Bonn, Chemnitz und Wiesbaden wollen sich allen Kategorisierungen und Ideologien am liebsten ganz entziehen. Und einfach zeigen, was ist.


Ausstellung: "Jetzt! Junge Malerei in Deutschland", Kunstmuseum Bonn , Kunstsammlungen Chemnitz , Museum Wiesbaden , bis 19. Januar 2020



insgesamt 7 Beiträge
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Hudson, Jane 21.09.2019
1. Effeminage
Die Malerei entwickelt eine sehr dekorative und feminine Sprache. Fast möchte man ausrufen: Das hast Du aber schön gemalt. Bei den Damen. Bei den Herren. Diese Effeminage ist wohl der Preis für Morbus Wayfair. Farbkonzepte. Dekotipps. Saisonalien. Die Malerei kehrt zurück in das Interieur. Als Bonbon aus dem Baumarkt. Wirklich schöne Möbel!
louisesullivan 21.09.2019
2. erforschung
Na das ist ja mal ein 1. Satz, der unbedingt Lust auf mehr macht: Die junge Künstlerin hat sich selbst! lange erforscht. Ja, warum denn? Um sich selbst zu finden!
Thomas Magnum 21.09.2019
3.
Jugend als Ausschlußkriterium ist besonders dämlich und affektiert und sehr deutsch. Warum sollte die Kunst eines 80jährigen nicht richtungsweisend sein? Die Geschichte hat es mehr als einmal bewiesen. Hier gehts doch nur darum, künftige Marktwerte möglichst frühzeitig abzugreifen.
michael_kong 21.09.2019
4. "Frischer Farbauftrag"
Der Farbauftrag mag frisch sein. Das ist bei allen gezeigten Beispielen aber auch das Einzige, das frisch ist. Keins der Bilder verspricht auch nur annähernd, wenigstens neugierig zu machen.
SethSteiner 21.09.2019
5. Deviantart
Dieser Fokus auf irgendwelche Hinterherhofkünstler ist schon etwas seltsam. Die Kunstszene ist doch mittlerweile im Internet, Deviantart bspw..
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