Junges Theater in Göttingen Die fetten Jahre sind vorbei

Das Junge Theater in Göttingen war Heimstatt des Theaterpops. Stuckrad-Barre, von Uslar, Kracht - kein Popliterat, der sich hier nicht selbst verwirklichen durfte. Das Problem: Es wollte keiner sehen. Kurz vor der Pleite übernahm eine neue Mannschaft das Theater. Ihr Ziel: irgendwie ein Jahr überstehen.
Von Christoph Schlegel

Der arbeitslose Stahlarbeiter sagt: "Hey, wir haben einen Auftritt, Mittwoch in zwei Wochen." Jetzt gilt's. Die anderen arbeitslosen Stahlarbeiter stürzen sich in die Strip-Probe. Sie haben keine andere Wahl. Joblos, frustriert und abgebrannt werfen sie ihr letztes Hemd ins Publikum. Um der Welt und sich selbst zu beweisen, dass ein Mann mit der Arbeit nicht auch seine Würde verliert. Dass Mann es schafft. Aber nur: Ganz oder gar nicht.

"Ladies Night" heißt das Theaterstück der beiden Briten Stephen Sinclair und Anthony McCarten, das als Kinofilm ("Ganz oder gar nicht") zum Welterfolg wurde - und nun im Jungen Theater Göttingen nachgespielt wird. Die Komödie um das strippende Männerensemble, die heute Premiere feiert, lässt sich durchaus programmatisch deuten. Auch für den neuen Intendanten Andreas Döring, 36, gilt: Ganz oder gar nicht.

Die entscheidenden Fragen der Neuzeit

Denn die Theaterparty ist vorbei. Das Junge Theater in Göttingen galt einst als Paradies für ambitionierte Popliteraten. Hier durften sich in den vergangenen Jahren Autoren wie Benjamin von Stuckrad-Barre oder Moritz von Uslar poptheatralisch verwirklichen. Hier wurden die entscheidenden Fragen der Neuzeit gestellt: "Hatte Goethe Style?" oder "Darf man Frauen Fotze nennen?" Hier gab es die Theater-Soap "Herzen ohne Rast", die ein "Gute Zeiten, schlechte Zeiten"-Autor zusammengelötet hatte. Hier wurden Stücke wie "Arschkarte" oder "Freunde" inszeniert, Stücke, die inzwischen längst in den ewigen Jagdgründen der Theaterverlage ruhen.

Aber: Es war immer etwas los im Jungen Theater. Vor allem bei den Premieren, wenn das popgestählte Publikum aus Berlin und Hamburg anreiste. In Göttingen selbst wollte sich kaum jemand an den Pop-Epen berauschen. Die Zuschauer blieben spätestens nach der zweiten Vorstellung weg. Anfang 2004 musste das Junge Theater Göttingen schließlich Insolvenz anmelden. Es hatte sich ausgepopt.

Seit Juli reanimieren nun Andreas Döring und sein Dramaturg Peter Hilton Fliegel das Junge Theater. Sie wirken dabei ein wenig wie jene gutmütigen Partygäste, die dem Gastgeber helfen, am anderen Morgen die Flaschen wegzubringen und die Essensreste von den Tellern zu kratzen. Mit dem Unterschied: Sie haben nicht viel Zeit. Die Rettung muss innerhalb eines Jahres vollzogen sein, sonst erlebt das Junge Theater in Göttingen sein 50-jähriges Jubiläum im Jahr 2007 nicht mehr. "Wenn es nicht klappt, werden wir liquidiert", sagt Döring.

Schüler mit Wedekind und Nirvana locken

Also stampften die beiden, die sich einst im Theater Baden-Baden kennen gelernt hatten, kurzfristig ein Konzept aus dem Boden, das bis Sommer 2005 zehn Premieren vorsieht. Sie gründeten sowohl einen neuen Förderverein als auch eine neue Theater-GmbH mit Döring als Geschäftsführer. Schließlich stimmte die Stadt Göttingen einer weiteren finanziellen Unterstützung zu, und das Land Niedersachsen gewährte trotz massiver Einsparungen im Kulturetat eine einmalige Zuwendung von 100.000 Euro. Die 19 festen Stellen des Theaters konnten so gerettet werden.

Um keine Zeit zu verlieren, starteten sie bereits Mitte September mit der Premiere von "Frühlings Erwachen", bei der Intendant Döring nicht nur Regie führte, sondern auch gleich noch das Bühnenbild baute. Die Wedekind-Inszenierung folgt einer gewissen Berechnung. Denn der Klassiker wird auch in Göttingen im Schulunterricht seziert - und das bringt Schüler ins Theater. Damit die nicht wegdösen, hat Döring das Stück mit Musik von Nirvana und Kurt Cobains schmerzvoller Poesie verjüngt.

Trotz der spürbaren Dynamik im Haus scheint Göttingens Oberbürgermeister Jürgen Danielowski nicht eben von Zuversicht durchdrungen zu sein. Weil das Konzept nicht nur Zustimmung gefunden habe, "liegt es ausschließlich am Theater selbst zu beweisen, dass die veränderten Strukturen auf längere Sicht tragbar sind". Göttingens Kulturdezernentin fächelte der neuen Leitung immerhin etwas Mut zu: "An Krisen wachsen wir." Für Döring steht fest: "So etwas macht man nur einmal im Leben."

Der gelernte Schauspieler Döring hat in den letzten fünf Jahren als freier Regisseur in Salzburg, Baden-Baden und Hannover inszeniert. Anfang 2004 stellte er im Jungen Theater in Göttingen eine Rio-Reiser-Revue zusammen, deren Premiere fast exakt auf den Tag der Insolvenzmeldung fiel. Keiner wusste, wie es weitergeht. Da baten ihn die Schauspieler, Angestellten und Bühnenarbeiter, sich der Verantwortung zu stellen. Er sagte zu und war am 1. Juli plötzlich Intendant und Geschäftsführer. "Das war nicht Teil meiner Lebensplanung."

"Scheiße, wie geht das denn jetzt?"

Also vertiefte sich Döring in Bücher über "Kostenerstellung" und "Bilanzbuchhaltung", ließ sich von einem österreichischen Red-Bull-Manager beraten, wie das so geht, einen Betrieb zu führen, und entdeckte prompt im eigenen Haus Archaisches: Dort, wo einst die Pop-Trendsetter verkehrten, setzte man auf ein altertümliches Kartensystem: Für jede verkaufte Karte machte der Kassier von Hand einen Bleistiftstrich. Der Fälschung war Tür und Tor geöffnet. Also stellte man auf EDV um, und Döring engagierte eine Buchhalterin, die zwar noch nie im Theater gewesen war, aber mit Mitte Fünfzig längst keine Chance mehr in der freien Wirtschaft hätte. In Göttingen wird reformiert - weil einem nichts anderes mehr übrig bleibt.

Döring liest zwar nach wie vor neue Theaterstücke und probt unermüdlich mit seinem sehr unter Spannung stehenden sechsköpfigen Schauspielensemble, muss sich aber inzwischen mit Themen wie "Welche Telefongesellschaft hat das günstigste Angebot?" auseinander setzen. Da blieb nicht einmal die Zeit, eine Wohnung in Göttingen zu suchen. Die ersten vier Monate schlief er in seinem Intendantenbüro. "Aber Naivität hilft", sagt Döring. Er könne nicht auftreten wie ein erfahrener Intendant, nach dem Motto: "Ich weiß, wie es läuft", bei ihm sei es eher: "Scheiße, wie geht das denn jetzt?"

Es gebe kaum noch langwierige Diskussionen wie an anderen Häusern, sagt Dramaturg Fliegel. "Wir haben immer nur zwei Möglichkeiten: Geht oder geht nicht." Und jetzt müssen noch die Zuschauer mitziehen. Zwar hat man mit "Frühlings Erwachen" eine sichere Publikumsbank im Spielplan, aber das engagierte Stück "Die Wolken kehren nach Hause zurück" von Laura Forti, in dem es um eine albanische Prostituierte in Italien geht, ist bereits ein großes Risiko. Die rund 150 Plätze des Hauses blieben oft leer. Viel Vertrauen scheint auch das Feuilleton nicht zu haben. Ein Theaterkritiker versprach am Telefon: "Wir kommen erst wieder, wenn es daneben gegangen ist."