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Kabarettist Rainald Grebe: "Den ganz großen Zirkus"

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Kabarettist Rainald Grebe "Ich bin doch so gerne bei der Unterschicht"

Rainald Grebe wurde mit bösen Liedern über Brandenburg und Thüringen bekannt, inzwischen ätzt er gegen die Bürger-Boheme am Prenzlauer Berg. Im Interview spricht er über seine Angst vor dem Erfolg, die Sehnsucht nach Sesshaftigkeit und erklärt, warum ein Landsitz in Brandenburg nicht die Lösung ist.

SPIEGEL ONLINE: Herr Grebe, Sie werden an diesem Donnerstag 40, ist das der große Einschnitt im Leben, von dem man immer gern redet?

Rainald Grebe: Ich glaube das ja nicht, aber ich baue es mir gerade ein bisschen so hin. Es hat sich so eine Art Privat-Dramaturgie ergeben: Im Juni gibt es ein großes Konzert mit Orchester und Riesenshow auf der Berliner Waldbühne, danach backe ich wieder kleine Brötchen.

SPIEGEL ONLINE: Was genau haben Sie im Sinn?

Grebe: Kleine Dinger halt. Ich habe mir für den Mai so eine Idiotentour gebucht, ganz alleine, da spiele ich mal wieder in den merkwürdigen Butzen, im Jugendzentrum Hoyerswerda oder auf einem Schiff auf dem Bodensee.

SPIEGEL ONLINE: Und was soll das?

Grebe: In den letzten zwei Jahren ist alles immer größer geworden, ich darf jetzt ja sogar am Theater arbeiten, zuletzt in Leipzig mit 30 Statisten. Es gab immer mehr Spektakel, so wie jetzt auf der Waldbühne. Ich mag das ja auch, ich will immer alles haben, den ganz großen Zirkus! Aber dann kommt bei mir immer auch gleich die Gegenbewegung: Was geht dabei verloren? Ist das zu viel?

SPIEGEL ONLINE: Sie haben als Puppenspieler auf Kleinkunstbühnen angefangen. Haben Sie manchmal Angst, durch den Erfolg selbst zur Marionette zu werden?

Grebe: Nein. Es geht eher darum, die Dimensionen, die das alles erreicht hat, wegzudrücken, damit klarzukommen: Mit einem Orchester unterwegs zu sein, eine Halle mit mindestens 1000 Leuten füllen zu müssen, um den Break-Even-Punkt zu erreichen. Oder jetzt so etwas wie das Waldbühnenkonzert, da passen 22.000 Leute rein - auch wenn es nur halb voll wird: Vor so vielen Leuten habe ich noch nie gespielt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben gerade einen Aufruf an alle Opfer ihrer bösen Ländersongs, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen, gestartet, doch bitte nicht zu schmollen, sondern zur Waldbühne zu kommen. Ist die Angst, vor leeren Rängen zu spielen, so groß?

Grebe: Das ist die Lust am Spektakel, die ich meine: Es wäre doch super, wenn ich die Leute aus den verschiedenen Ländern in Blocks einteile. Wenn wir dann "Brandenburg" spielen, müssen eben alle Brandenburger geschlossen aufstehen, komplett mit Bannern und Fahnen. Mit diesem Riefenstahl-Blick aufs Völkische, nur so kann man diesem komischen alten Ort begegnen. Das muss man jetzt einfach mal ein bisschen kulten - als Spektakel für einen Tag. Und danach spiele ich dann wieder mit den Puppen.

SPIEGEL ONLINE: Klingt beängstigend.

Grebe: Ja, aber es ist natürlich alles eine große Inszenierung. Und deshalb muss das Spektakel auch gleich an Ort und Stelle wieder runtergebrochen werden. Wir werden riesige Videoleinwände haben, das muss man ja bei so einer großen Bühne. Und da geht's halt schon wieder los: Wir hatten die Idee, das mit einem popeligen Tischfeuerwerk zu konterkarieren.

SPIEGEL ONLINE: Aber woher kommt diese Sucht, jede große Geste gleich wieder klein zu machen?

Grebe: Ich merke das vor allem beim Schreiben. Es geht in meinen Texten ja meistens gegen die da oben, gegen die Verhältnisse. Wenn ich aber selber ein Star bin und auf die Aftershow-Party eingeladen werde, dann treffe ich ja die, die ich kritisiert habe, die ich vorher nur aus dem Fernsehen kannte, und mache mich mit denen gemein. Was heißt denn das? Gehöre ich jetzt dazu? Und wie kann ich mir dann noch selbst treu bleiben?

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen nicht vereinnahmt werden?

Grebe: Ich betrachte mich ja eigentlich als Unterschichtler oder Bohemien, in Wahrheit bin ich aber längst der ideale Bürger: Ich darf so leben, wie ich bin, und trotzdem geht alles von alleine. So würde doch jeder gerne sein. Man raucht, ist auch ein bisschen schlunzig, aber man macht Kunst und lebt sich aus. Wo ist da die Kritik hin? Worüber soll ich mich eigentlich noch beklagen, da piekt doch nichts mehr? Deshalb muss man dieses Pieken künstlich erzeugen, auch wenn es natürlich das Letzte ist, so'n Spruch zu bringen: "Ich spiele dann mal wieder in kleinen Clubs."

SPIEGEL ONLINE: Die Luxusprobleme der Reichen und Verwöhnten, darum geht es auch in einem Ihrer neuen Lieder. "Oben" handelt von einem, der es geschafft hat. Ein Selbstgespräch?

Grebe: Ja, und momentan mein persönlichstes Stück. Es geht darum zu fragen, was das eigentlich für Probleme sind, die ich mit meinem Ruhm habe. Mich beschäftigt das gerade sehr, ich merke, da stimmt etwas nicht, ich muss gegensteuern: Für ein Theaterprojekt zur Berliner Wahl am Gorki Theater habe ich mir jetzt mal wieder ein Wallraff-Buch gekauft, ich beschäftige mich mit dem Grundeinkommen, ich rase herum, unterhalte mich mit armen Leuten.

SPIEGEL ONLINE: Ihnen wurde schon öfter eine eigene Fernsehsendung angeboten. Denkt man da nicht drüber nach, sich doch darauf einzulassen, ein Star zu sein?

Grebe: Ich will das gar nicht. Ich bin doch so gerne bei der Unterschicht! Das ist genau die Schneise, in der ich mich gerade befinde: Ich erlebe gerade schmalen Ruhm, einen kleinen sozialen Aufstieg, habe die Möglichkeit, ganz viel Geld zu verdienen… und frage mich aber: Ist das jetzt interessant oder spannend?

SPIEGEL ONLINE: Und?

Grebe: Es ist auf jeden Fall eine Erfahrung wert. Und natürlich ist Macht oder Einfluss verführerisch! Ein Lied, das ich erst mal für mich alleine geschrieben habe, singen im Konzert plötzlich alle mit, das hat dann schon etwas Messianisches. Man steht da, Popstar. Danach möchte ich aber eigentlich gar nicht angesprochen werden. Wie früher: Man spielt Theater, verströmt sich da, aber danach erkennt einen keiner. Luxusprobleme eben.

"Verachtung mir selbst gegenüber"

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man das schaffen, Teil des Establishments zu sein und es gleichzeitig zu benutzen?

Grebe: So wie zu Guttenberg, meinen Sie? Nein im Ernst, mit Armut und Reichtum, mit der Frage, wie durchlässig eine Gesellschaft eigentlich ist, beschäftige ich mich gerade sehr. Und wie kann ich die Kontakte, die ich da oben mache, nutzen? Christoph Schlingensief hat das geschafft, der hat auch Stoiber die Hand geschüttelt und am Grünen Hügel inszeniert, hatte aber einen so starken inneren Kompass, dass er stets bei sich geblieben ist. Durchaus ein Vorbild! Kompromisse muss man immer machen, aber ich glaube, ich bin auch ganz gut darin, mir treu zu bleiben. Aber mal sehen, was passiert, wenn ich demnächst wieder Texte schreiben muss und vor dem weißen Blatt Papier sitze.

SPIEGEL ONLINE: Sie stülpen in Ihren Liedern gern Ihre eigene Biografie nach außen. Inwiefern verstehen Sie sich auch als Chronist Ihrer Generation?

Grebe: Es ist schon manchmal schräg, wenn meine eigene Schusseligkeit oder Unentschiedenheit zur Generationsfrage stilisiert wird wie mit dem Song "Sag wir zu mir". Aber da ist ja auch was dran. Das Gesellschaftliche bricht ständig ins Private ein und beeinflusst letztlich auch mein Lebensgefühl.

SPIEGEL ONLINE: Oft wird es auch ganz schön abgründig, beispielsweise wenn Sie mit größter Häme und Verachtung über Ost-Provinzler wie "Mike aus Cottbus" oder die neubürgerlichen Kinderwagenschieber am Prenzlauer Berg singen. Was ist das für eine Wut?

Grebe: Das ist hauptsächlich eine Verachtung mir selbst gegenüber, eine Selbstbespiegelung. Als wenn ich Teile, die ich an mir überhaupt mich mag, von mir weg halte und dann richtig draufhaue.

SPIEGEL ONLINE: Vor sechs Jahren wurden Sie mit einer bösen Hymne auf Brandenburg berühmt, jetzt suchen Sie angeblich genau dort selbst mit Ihrer Freundin ein Landhaus. Wie passt das zusammen?

Grebe: Na ja, ich erkenne mein Bedürfnis, da raus zu ziehen und sehe mich dann vor irgendwelchen Höfen stehen - und dann kommen diese ganzen Widersprüche hoch. Aber das ist ja genau das Prinzip: Ich stehe im Bioladen und denke: Hoffentlich sieht mich keiner! So etwas zerrt an mir, und dann schreibe ich Lieder darüber.

SPIEGEL ONLINE: Mit diesem Konflikt schlagen sich ja gerade viele Mitt- und Enddreißiger herum: Bleibe ich Großstadt-Bohemien oder ziehe ich ganz spießig ins Grüne und gründe eine Familie.

Grebe: Ja, aber da hat auch jeder so sein eigenes Modell. Das hört man sich dann an und überlegt sich: Was will ich denn eigentlich? Ich denke mir immer alles Mögliche aus: Baue ich mir da so eine Art Graceland aufs Land? Oder doch eine Hippie-Kommune? Meine Freundin sagt, sie will einen Esel, da sage ich dann: Was soll das jetzt wieder? Und im Grunde wird doch wieder nichts draus. Es wird so weitergehen wie bisher: Ich hüpfe so rum, freue mich darüber, dass ich so viele Leute kenne, da kann ich mal hier sein, mal da sein - ist doch alles schön! Aber dann sitze ich wieder im Nightliner auf Tournee und denke: Ich will einen Hof haben, einen festen Ort, etwas, was mir gehört.

SPIEGEL ONLINE: Als Künstler sind Sie aber ziemlich privilegiert: Im Gegensatz zum Normalbürger können Sie ja einfach ein halbes Jahr auf Tournee gehen und Freiheit und Abenteuer genießen, wenn es Ihnen auf dem Landsitz langweilig wird.

Grebe: Und was wird dann aus dem Esel? Da landet man gleich wieder in der Bürgerlichkeitsfalle, weil sich dann die Frau zu Hause drum kümmert. Oder man muss das Feudalprinzip bemühen, Nachbarn oder gar Bedienstete einspannen. Alles keine Lösung.

SPIEGEL ONLINE: Sie machen den Eindruck, gar nicht unzufrieden zu sein mit diesem Schwebezustand.

Grebe: Bin ich zufrieden? Ich weiß nicht. Nee, ich massakriere mich immer noch. Im Gegenteil, ich glaube, man muss das eher verschärfen, weil man sich in diesem "hier ein bisschen, da ein bisschen" viel zu schnell bequem einrichtet. Die Lösung ist: Man muss die einzelnen Sachen viel extremer anpacken und mit ihnen experimentieren. Alles andere ist nur wie Jetski fahren: Man surft nur auf der Oberfläche herum.

Das Interview führte Andreas Borcholte

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