Kaminers Überlebensbibel Rhabarber muss sein!

Wie man in Deutschland (über-)lebt, weiß der Berliner Schriftsteller Wladimir Kaminer ganz genau. Der kam vor 16 Jahren hierher, als Deutschland gerade Weltmeister wurde. Das war sein Glück, sagt er heute - und schildert ein paar typische deutsche Marotten.

Von Wladimir Kaminer


Als ich nach Deutschland kam, gab es sehr vieles, was mich erstaunt hat. Bei einem meiner ersten Jobs habe ich mit einem Freund zusammen in einer Fabrik in Kreuzberg gearbeitet. Es war ein harter Job. Wir mussten riesengroße Kalender mit nackten Frauen drauf einpacken. Das waren halt so Nacktfrauenkalender. Wir mussten immer lachen, weil diese Frauen so groß waren, die Bilder waren so unglaublich groß! Wir hatten auch einen Wächter, der auf uns aufpassen musste, damit wir keine Rauchpause zu viel machten. Ich habe ihn immer gefragt, wer denn solche riesengroßen Frauenkalender braucht? Und er sagte nur: Riesengroße Männer. Und dann hat er uns nach einer Woche entlassen. Wahrscheinlich, weil wir das alles nicht ernst genug genommen haben.

Autor Kaminer ("Russendisko"): Seit 16 Jahren in Deutschland
DDP

Autor Kaminer ("Russendisko"): Seit 16 Jahren in Deutschland

In meiner letzten Wohnung hatten wir unten einen Laden, der verkaufte nur Gummibärchen. Den Laden gibt's immer noch, aber jetzt mit Gummibärchen aus biologischem Anbau. Als ich den Laden zum ersten Mal sah, dachte ich, die sind in zwei Wochen pleite. Aber das Geschäft expandiert. Dabei sind diese Gummibärchen nur in Ein-Kilo-Packungen zu haben. Nur Ein-Kilo Packungen! Und die Leute stehen Schlange!

Manchmal konnte man sich im Treppenhaus überhaupt nicht bewegen, weil sie gerade eine Lieferung bekamen, und weil dann alles vollgestellt war mit diesen riesengroßen Kartons voller Gummibärchen. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wer ein Kilo Gummibärchen aufessen kann. Die Menschen hier, die haben für Gummibärchen irgendwie eine Schwäche. Meine Kinder stehen jedenfalls nicht auf Gummibärchen.

Eine ähnliche Geschichte ist uns letzte Woche mit Rhabarber passiert. Alle hier in der Schrebergartenkolonie, in der wir uns auch eingemietet haben, alle hier pflanzen und essen  Rhabarber. In Russland gilt Rhabarber eigentlich als nicht essbar. Weil er nicht schmeckt. Das ist doch absurd! Was machen die alle mit diesem Rhabarber? Das schmeckt doch wie Essig oder Zitrone! Ich wollte den Rhabarber also sofort von meinem Grundstück entfernen. Aber die haben mir gesagt, das darf ich nicht machen.

Aber natürlich ist Rhabarber im Grunde in Ordnung - das sind pure Vitamine, und das bringt Punkte bei der Gartenbesichtigung. Es gibt nämlich immer eine Prüfungskommission, die diese Gartenanlage besichtigt, um festzustellen, ob alles richtig ist, ob man nicht irgendwelche giftigen oder verbotenen Pflanzen angepflanzt hat. Und dann muss man Rhabarber haben. Das ist Pflicht in Deutschland. Rhabarber, man muss Rhabarber einpflanzen und essen. Rhabarber muss dabei sein, sonst regen die Leute sich auf. 

Ich hatte damals ja keine Vorstellung, wie Deutschland so ist. Ich bin an einem guten Tag für Deutschland hierher gekommen. Am 8. Juli 1990. Da war Deutschland gerade Fußball-Weltmeister geworden, und alle waren sehr fröhlich. Die Stadt machte einen sehr gastfreundlichen Eindruck. Am nächsten Tag war dann alles ganz anders, aber ich glaube, wir bekamen unsere Aufenthaltserlaubnis nur so schnell, weil Deutschland Weltmeister geworden war, weil das Selbstvertrauen so ungeheuerlich groß war, und alle so offen und brüderlich den Fremden gegenüber sein wollten.

Wir saßen dann in einem Ausländerheim und hatten so gut wie keinen Kontakt zu Einheimischen. Die ersten, die uns besuchten, waren die Zeugen Jehovas. Die waren auch sehr freundlich. Sie wollten uns für ihren Glauben begeistern. Und dann kamen noch Versicherungsvertreter. Das waren auch sehr freundliche Menschen. Sie wollten uns Versicherungen verkaufen und haben uns erklärt, dass wir, wenn wir in Deutschland bleiben wollten, mindestens fünf verschiedene Versicherungen bräuchten, sonst würde es überhaupt nicht gehen mit uns. Natürlich habe ich alles mitgemacht. Außer das mit den Zeugen Jehovas. Aber damals hat jeder ganz viele Versicherungen gekauft. Ich habe sie dann alle nach zwei Jahren oder so wieder gekündigt.

Damals kam auch ein Vertreter des Roten Kreuzes bei uns vorbei und wollte uns als Mitglieder gewinnen. Wir haben das erst gar nicht kapiert, denn er hat nicht gleich gesagt "Ich bin vom Roten Kreuz", sondern saß mit uns in der Küche, irgendein fremder Mann, und hat mit uns zusammen getrunken. Und seitdem zahle ich tatsächlich jedes Jahr an das Rote Kreuz, seit 16 Jahren schon. Unglaublich, aber ich finde es in Ordnung. Er war ganz nett.

Ich glaube, die Leute hier verändern sich schneller, als es einem lieb ist. Das liegt an der wirtschaftlichen Situation, die sich auch dauernd verändert, deshalb müssen sich die Menschen dieser neuen Situation eben auch anpassen, an die EU und die neue Wirtschaftslage - und daran, dass jetzt viel mehr im Ausland produziert wird. Da ist der  Veränderungsdrang schon hoch genug. Da möchte ich nicht auch irgendwelche guten Ratschläge geben. Ich muss mich ja selbst auch ständig verändern und anpassen.



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UlliK 24.05.2006
1.
---Zitat von sysop--- Millionen Fans werden zur WM nach Deutschland reisen - und auf seltsame Menschen mit seltsamen Gewohnheiten treffen. Wie skurril sind die Deutschen wirklich? ---Zitatende--- Leider überhaupt nicht!
columbo 24.05.2006
2.
---Zitat von UlliK--- Leider überhaupt nicht! ---Zitatende--- Ach, wieso. Ich finde, Schrebergartensiedlungen, Dauercampingplätze, Gartenzwergidyllen (die leider immer seltener werden), Vatertagsrituale oder das samstägliche Autowaschen haben doch eine gewisse liebenswerte Skurrilität.
UlliK 24.05.2006
3. Kann man ...
---Zitat von columbo--- Ach, wieso. Ich finde, Schrebergartensiedlungen, Dauercampingplätze, Gartenzwergidyllen (die leider immer seltener werden), Vatertagsrituale oder das samstägliche Autowaschen haben doch eine gewisse liebenswerte Skurrilität. ---Zitatende--- ... so sehen, zugegeben. Ich hatte bei 'skurril' eher den Monty-Python-artigen Briten vor Augen, der im Hyde-Park (Speaker's Corner) steht und die Welt verbessern will. Man läßt ihn gewähren, aber hier in Deutschland würde er nach 30 Min. (spätestens) wegen 'Störung der öffentlichen Ordnung' abgeführt.
arbusto 24.05.2006
4.
---Zitat von UlliK--- ... so sehen, zugegeben. Ich hatte bei 'skurril' eher den Monty-Python-artigen Briten vor Augen, der im Hyde-Park (Speaker's Corner) steht und die Welt verbessern will. Man läßt ihn gewähren, aber hier in Deutschland würde er nach 30 Min. (spätestens) wegen 'Störung der öffentlichen Ordnung' abgeführt. ---Zitatende--- Glaube ich eher nicht ... In Deutschland kann man doch sogar splitterfasernackt durch die Fußgängerzone laufen ohne daß viel passiert ...
UlliK 24.05.2006
5.
---Zitat von arbusto--- Glaube ich eher nicht ... In Deutschland kann man doch sogar splitterfasernackt durch die Fußgängerzone laufen ohne daß viel passiert ... ---Zitatende--- ...solange Sie dabei keine Reden halten und die Obrigkeit angreifen...
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