Kampagnenvorwurf "Bild"-Störung bei der ARD

Bei Angriff Skandalisierung: Hat die ARD eine Kampagne gegen die "Bild"-Zeitung vorbereitet, um einer drohenden Artikelserie gegen Gebührenverschwendung zu begegnen? Der Sender bestreitet das - jetzt ist ein internes Papier öffentlich geworden, das die Vorwürfe stützt.

"Bild"-Redaktion: Ziel einer "virtuellen Medienredaktion" der ARD?
dapd

"Bild"-Redaktion: Ziel einer "virtuellen Medienredaktion" der ARD?

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Der Vorwurf ist pikant: Um einer bevorstehenden Kampagne der "Bild" zu begegnen, die den Umgang der Öffentlich-Rechtlichen mit den Gebührengeldern aufs Korn nimmt, hat die ARD angeblich Redakteure damit beauftragt, die zu erwartenden Anwürfe zu kontern, indem sie im Gegenzug das Boulevardblatt und seine Methoden zum Thema machen. Auf einer Sitzung Ende Juni sollen die ARD-Intendanten die Gründung einer "virtuellen Medienredaktion" beschlossen haben, die sich der Sache annimmt, berichtet die "Berliner Zeitung".

Dass diese Redaktion mit Hochdruck an die Arbeit gegangen ist, entnimmt der Medienjournalist Stefan Niggemeier der Unmenge an Anfragen, die bei ihm eingegangen sind: "Ich habe ein bisschen den Überblick verloren, wie viele ARD-Leute mich in den vergangenen Wochen angerufen haben, um mich zu fragen, ob ich nicht in ihren Sendungen erzählen möchte, wie schlimm die "Bild"-Zeitung ist", schreibt Niggemeier in seinem Blog.

Eigentlich freue er sich immer über eine kritische Auseinandersetzung mit dem Blatt, so Niggemeier. Aber hinter dem plötzlich erwachten Eifer der ARD-Redakteure stehe eben "kein journalistisches Interesse an "Bild", sondern die prophylaktische Munitionierung gegen eine erwartete "Bild"-Kampagne."

Ungewöhnliche Detailtiefe

Dass man eine solche Kampagne erwartet, will die ARD nicht bestreiten: "Die 'Bild' hat in den zurückliegenden acht Wochen zahlreiche Anfragen an die Pressestellen der ARD und der Landesrundfunkanstalten gestellt. Die Themenbreite war sehr groß, die Detailtiefe ungewöhnlich", heißt es auf der ARD-Website.

Es fällt nicht schwer, die "Bild"-Recherche in Zusammenhang mit der Wettbewerbsklage von sieben Verlagen - darunter auch der Axel-Springer-Verlag - gegen die von der ARD gratis angebotene "Tagesschau"-App zu bringen. Eine "Bild"-Artikelserie über die mutmaßliche Verschwendung von Gebührengeldern bei der ARD wäre der probate Soundtrack zur Klage.

Sowohl Niggemeier als auch die "Berliner Zeitung" - deren Verlag M. DuMont Schauberg an der Klage gegen die ARD beteiligt ist - zitieren aus einer ARD-internen Themensammlung mit dem Titel "BILDStörung": Neben Beiträgen zu den Kooperationen des Springer-Blattes mit Lidl oder der Deutschen Bank sollen die geplanten Produktionen auch Überzeugungsarbeit leisten, dass die "Tagesschau"-App den Gebührenzahler gar nicht mehr Geld koste.

ARD-Sprecher Stefan Wirtz bestreitet gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass die ARD eine Kampagne gegen die "Bild"-Zeitung plane. Eine gesonderte Redaktion, die sich damit befasse, gäbe es ebenfalls nicht. Das zitierte Themenpapier sei nach einem Brainstorming von ARD-Medienredakteuren auf Anregung des WDR-Hörfunkdirektors Wolfgang Schmitz entstanden.

Schmitz ergänzt: "Ich habe darum gebeten, sich anhand des Fragenkatalogs der "Bild" auf mögliche Veröffentlichungen vorzubereiten."

Nur nach journalistischen Kriterien?

Warum auf derselben Sitzung dann auch gleich mediale Gegenattacken auf den erwarteten "Bild"-Angriff erörtert wurden? Hörfunkchef Schmitz hält das für normal: "Natürlich haben sich die Kollegen auch überlegt, sich mit den Methoden der "Bild"-Zeitung zu befassen. Wenn Sie den Eindruck haben, dass Sie auf breiter Front angegriffen werden sollen, müssen Sie auch erörtern, welche Möglichkeiten der Reaktion Sie haben."

Medienjournalismus im Dienste der Senderinteressen? ARD-Sprecher Wirtz bestreitet das: "Für alle unsere Beiträge gelten die höchsten journalistischen Standards - völlig unabhängig vom Thema." Keineswegs habe man die Produktion der Beiträge daran geknüpft, dass in der "Bild" die erwartete Artikelserie zur ARD erscheine.

Im Themenplan selbst - dokumentiert auf Niggemeiers Blog - sieht das allerdings ein wenig anders aus: Zum Punkt "Interview Stefan Niggemeier" heißt es: "Wird geführt, wenn Aktion läuft."

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insgesamt 84 Beiträge
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Seite 1
friedrich_eckard 22.07.2011
1. kein Titel!
Wenn die ARD "das Boulevard-Blatt und seine Methoden zum Thema" macht, dann macht sie sich um die politische Bildung der Öffentlichkeit verdient, und sie verdiente Lob, Dank und Anerkennung dafür auch dann, wenn es sich um einen Revancheakt oder eine Präventivattacke handelb sollte. Um dem Zentralorgan der Volksverdummung auch nur etwas an Wirkung zu nehmen ist jedes Mittel recht, keines zu scharf und jedes zu schade.
adazaurak 22.07.2011
2. soso
Hahaha, Pack bekriegt sich untereinander und spon tut scheinheilig
homeuser 22.07.2011
3. Never ever
Zitat von friedrich_eckardWenn die ARD "das Boulevard-Blatt und seine Methoden zum Thema" macht, dann macht sie sich um die politische Bildung der Öffentlichkeit verdient, und sie verdiente Lob, Dank und Anerkennung dafür auch dann, wenn es sich um einen Revancheakt oder eine Präventivattacke handelb sollte. Um dem Zentralorgan der Volksverdummung auch nur etwas an Wirkung zu nehmen ist jedes Mittel recht, keines zu scharf und jedes zu schade.
Genau, und Gebührenverschwendung ist natürlich vollkommen in Ordnung, nicht wahr?! Das ist in etwa genauso als ob Sie einer Regierung, wenn Sie Ihrer Meinung nach das richtige tut, zugestehen dass Steuergeldverschwendung und Korruption ja absolut in Ordnung sein.
Eutighofer 22.07.2011
4. Milliardenvernichtung
ARD und ZDF leben auf großem Fuße. Mit meinen Gebühren unterstütze ich zwangsweise die Millionärstruppe der Bundesliga (Kauf von Fernsehrechten durch ARD). Das Geld könnte man wahrlich besser verwenden. Da täte es mal ganz gut, den Herren und Damen vom öffentlichen Rundfunk auf die Finger zu schauen.
Alberon 22.07.2011
5. herrlich getroffen
Zitat von adazaurakHahaha, Pack bekriegt sich untereinander und spon tut scheinheilig
Ja man kann das nur unterstreichen, und zwar jedes Wort. Hier geht es nur um zu Macht und verteilen von Pfründen.
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