Bürger gegen Faschismus Kleine Pause vom Ekel - und dann weiter

Eigentlich geht's uns ja noch Gold, es gibt Ärzte und Supermärkte und Netflix. Die Menschheit bewegt sich voran. Bis auf die Faschisten. Eine kleine Anleitung, um nicht durchzudrehen im Angesicht des Irrsinns.

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Dirk Laessig/ HPI Hasso-Plattner-Institut/ OBS

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Eine Kolumne von


Seit die Faschisten durchmarschieren, gefördert von Medien und viel Geld von Milliardären, Fundamentalchristen und anderem gierigen Kroppzeug, vergesse ich mich mitunter. Oder das, was das Leben ausmacht. Denn der Kampf gegen Faschismus bestimmt das Denken und Fühlen, aber ab und zu brauchen wir eine kleine Pause vom Ekel.

Gern an Tagen, an denen ich weder Neuigkeiten aus der Welt gelesen habe über irgendetwas Schreckliches, Absurdes, Idiotisches, auf das ich keinerlei Einfluss habe, noch irgendwelche idiotischen Neuigkeiten aus meinem nahen Umfeld, auf die ich einen Einfluss haben könnte, wenn auch minimal. Also bevor der liebgewordene Adrenalinschub einsetzt, der so ein angenehmes Gefühl der Lebendigkeit vermittelt. Dann ist mein Leben doch erstaunlich. Ich habe alle Gliedmaßen, sie sind natürlich in meinem Fall wahre Meisterwerke, nichts tut weh, alles top. Meine Organe sind in einem einwandfreien Zustand, mein Gehirn funktioniert im Rahmen seiner Möglichkeiten. Es ist fast Winter, die Bude ist warm, die Fenster isoliert, draußen stehen Bäume, sie sind nackt, aber da. Ich trinke Kaffee. Frühstücke. Ich bin satt, gut gelaunt.

Gestern war ich beim Arzt. Eine Erkältung. Ich gab meine Versicherungskarte ab, der Besuch war komplett unnütz, weil - Erkältung eben. Ist auch schon fast wieder weg. Ich kann mit meinen eleganten Gliedmaßen einkaufen gehen. So ein Supermarkt ist schon irre. Haufenweise Nahrung. Schön verpackt, ok, man kann den Plastikmüll hinterfragen, aber was es nicht alles gibt. Vor allem von allem zu viel. 20 Sorten Joghurt, 40 Sorten Obst und so weiter. Auswahlstress. An der Kasse Karte rein, keiner sieht mich an, ich falle nicht auf, ich sehe aus wie die Menschen um mich, pinkfarben.

Zu Hause dann - Hardcore-Ärger. Das Handy ist drei Jahre alt, die Batterie schmiert ab. Zur Beruhigung ein bisschen Netflix. Nächster Frust - das eingeschränkte Angebot in der Schweiz. Ok, dann Arbeiten. Habe ich. Kann ich. Es ist zehn Uhr. Die Menschen in Europa werden immer älter, fällt mir unzusammenhängend ein. Und gesünder. Die Arbeitslosigkeit in meinem Land liegt bei 3,9 Prozent. Ich schreibe. Meine Meinung. Ohne dass meine Arbeit eine Zensur durchläuft; ohne dass ich Gefahr laufe, inhaftiert zu werden.

Danach lese ich doch ein wenig Zeitung, ich habe die Auswahl zwischen Zigtausend verschiedenen Medien, die NICHT alle dasselbe schreiben. In der solidesten patriarchalen Festung im deutschsprachigen Raum, also den Stadttheatern, werden schwarze Schauspielerinnen besetzt, hey grazy. In der Politik gibt es immer mehr Frauen und sogar Frauenfußball hat mehr Zuschauerinnen. Mehr Mädchen lernen coden, und selbst in Ländern, die stockkonservativ sind wie meine Schweiz, ist die Mehrheit der Bevölkerung für gleichgeschlechtliche Eheschließungen. Nicht, dass es sie was anginge, aber - trotz aller Fokussierung auf Menschen, deren Sucht nach Belebung in faschistischen Gedanken endet, bewegen sich die Menschen vorwärts, und ein Teil von ihnen ist überfordert.

Preisabfragezeitpunkt:
12.12.2019, 23:57 Uhr
Ohne Gewähr

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Verlag:
Kiepenheuer&Witsch
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Plötzlich zu fragen, wie Menschen angesprochen werden, stresst sie, zu begreifen, dass auch Sprache sich ändert, übersteigt ihr Begriffsvermögen. Dass es unterschiedliche Melanin-Einlagerungen in der Hautoberfläche gibt - dito. Alles soll so bleiben, wie es nie war. Wo wir dann doch wieder bei den Faschist*innen gelandet sind.

Nach dem kurzen Ausruhen, der Fokussierung auf das, was gerade gut läuft im eigenen Leben und in unseren Gesellschaften, kann es jetzt weitergehen. Verachtung für Faschist*innen. Und Ärmel hoch, um unser Leben zu verteidigen. Gegen Nazis, Überwachung, Ungerechtigkeit, und den absoluten Schwachsinn eines unbegrenzten Wachstums. Ich kann schon wieder!



insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
zimkno 23.11.2019
1. Genau!
So ist unser Leben. Und das wird uns die braune Sauce nicht nehmen. Never
GinaBe 23.11.2019
2.
Standhaft, mit durchgestrecktem Rücken und blitzenden Augen! Freut mich sehr, Frau Sibylle, habedEhre, im positiven Sinn: leisten wir Widerstand, indem wir uns nicht anstecken lassen im dumpfen Reden. Immerhin sind welche durchschaut, nicht wahr? Und bitte stürze sich gleich nicht jemand, viele, alle auf mich und klopfen auf dieses w i r herum, welches ich einsetzen musste, um so was wie Solidarität und Gemeinschaftsgefühl zu postulieren. Schönes Wochenende!
dasfred 23.11.2019
3. Morgen sind wir tolerant
So hieß er schon vor fast vierzig Jahren in einem bösen Schlager von Robert Long. Wir reichen jedem Arsch die Hand und was uns stört in diesem Land, dass wird ab morgen nicht mehr eine Schweinerei genannt. Das ganze Lied findet man noch irgendwo auf YouTube. Auch als alternder Schwuler fordere ich nicht von jedem Toleranz um jeden Preis. Dafür nehme ich mir raus, Intolerant gegen Intoleranz sein zu dürfen. Menschen können Merkmale durch ihre Geburt aufweisen, die niemandem das Recht geben, diese Menschen auszugrenzen. Menschen können aber auch Ringe erlernen, die eine Gesellschaft zerstören. Diese Menschen haben jeden Widerstand verdient, den die Gemeinschaft aufbringen kann. Wir müssen Nazis nur auf Abstand halten, solange sie an ihrer Irrlehre festhalten. Sollten sie eines Tages zu Verstand finden, dann kann man sie sogar wieder in die Mitte aufnehmen. Nach 1945 haben viele glühende Verehrer des Führers bewiesen, dass sie ihren Irrtum erkannt haben und zur Wiedergutmachung im Stande waren. Ich glaube sogar, dass viele AFD Wähler zur Menschlichkeit zurückkehren können, wenn sie erst begriffen haben, was sie sich, uns und allen angetan haben. Freiheit ist was wunderschönes aber sie hat ihre Grenzen in der Freiheit der Mitmenschen.
bretone 23.11.2019
4. Liebe Frau Sybille!
Mit allergrößter Hochachtung und ebensolcher Wonne zergehen mit Ihre Zeilen und die darin enthaltenen Worte auf der Zunge, da, der ganzen Wutbürger-Spießerlichkeit und mitunter mittlerweile unverhohlen zur Schau getragenen tiefbraunen Gesinnung manch eines Zeitgenossen zum Trotz, die Hoffnung offenbar nicht aufzugeben ist, an das Gute im Menschen zu glauben, sei es in Sechuan, in Washington und erst recht im Ruhrpott und gar in sächsischen Gefilden. Die braune Suppe, dieses unheilbringende Gemix aus Unwissenheit, Unverfrorenheit, Perspektivlosigkeit, Abscheu und Eigensinn, ergießt sich in manchen Landstrichen, so als ob es in den vergangenen 75 Jahren keinerlei Gehirn vom Himmel geregnet hätte - und es gilt, diesem Umstand in der von Ihnen dargebotenen Weise, d. h. mit Witz, Intelligenz und Interesse, entgegenzutreten. Bravo! Und bitte, bitte, bitte: weiter so!
heissSPOrN 23.11.2019
5. Das mit der sich ändernden Sprache....
Alles gut beobachtet, nur eine Anmerkung: "...zu begreifen, dass auch Sprache sich ändert, übersteigt ihr Begriffsvermögen." Auch das ist korrekt formuliert (wenn auch wahrscheinlich nicht so gemeint, wie ich es lese): Sprache ändert SICH - das ist ein mehr oder weniger lang andauernder Prozess, der nicht von oben von heute auf morgen verordnet werden kann, wie es derzeit so gern versucht wird.
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