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Kampf gegen rechts

Ran an die Arbeit

Auch schon Pläne zum Auswandern gefasst? Dazu ist es dann doch noch zu früh. Statt das Land rechten Hetzern zu überlassen, sollten wir selbst politisch aktiv werden. Auch wenn das mühsam ist.

Eine Kolumne von

DPA

Björn Höcke

Samstag, 29.09.2018   15:51 Uhr

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Wir müssen reden. Ist das Motto der Stunde. Alle wollen mit irgendwem reden und verstehen und analysieren. Als ob die Leute, die in unterschiedlichen Berufs-, Wohn- und Bekanntenkreisen verkehren, früher gewusst hätten, was andere bewegt. Während die Demokratie liebende Mehrheit also redet, die bestehenden demokratischen Parteien kritisiert und sich selbst geißelt, wurde mit schwungvoller finanzieller Unterstützung aus diversen seltsamen Quellen eine Sammelbewegung gegründet, die keine Scheu vor Kooperation in alle rechten Richtungen hat.

Da wird nicht geredet. Da wird gemacht.

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Da wird ein Gefühl angesprochen, das heißt: Wir sind dagegen. Prima Gefühl. Dagegen sein, alles neu machen, aufräumen. Europa ist so müde geworden. Der Kapitalismus nudelt vor sich hin, das Klima dito, die sogenannten Eliten reden nicht mit dem sogenannten kleinen Mann, der nie eine kleine Frau ist. Nach der Entscheidung der Kanzlerin für einen humanen Umgang mit Asylsuchenden wartete die Bevölkerung auf die Bekanntgabe eines Plans. Auf Zahlen, Ideen, auf eine Erklärung. Das erfolgte. Nicht. Und so fanden die vereinigten Populisten endlich den Schlüsselmoment zu ihrem großen Auftritt. Seit einiger Zeit beobachten viele erstarrt die täglichen neuen Übergriffe, Nazidemos, Judenhassparolen, denn in Ermangelung zahlreicher Fliehender wird unterdessen gegen die nächste Randgruppe mobilisiert.

Im Bundestag verhöhnen Angehörige der neuen "Volksbewegung Hass" LGTB-Menschen. Die Abtreibungsgegner latschen befeuert durch den neuen Trend durch die Straßen.

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Hervorragende Zeit, um endlich mal das früher durch Moral, Anstand und gesellschaftliche Codes Unterdrückte auszusprechen und dafür noch Beifall zu bekommen. Gemeinsam gegen das vermeintlich andere, den Hass aktivieren, die Legende vom Herrenmenschen beleben. Hoffen, dass bald eine harte Hand regiert. Das mag man, so eine harte Hand und einleuchtende Erklärungen in einer undurchsichtigen Zeit. Parolen, wenn es an konkreten Plänen gebricht, die über das "Wir wollen die Demokratie zerstören, denn sie wirkt sich hinderlich auf die Märkte aus" hinausgehen.

Die Mischung aus martialischer Gewaltdemonstration, Einschüchterung, Verächtlichmachung wirkt. Sie macht Angst. Viele, die eher der politischen Mitte oder den ehemals unpolitischen oder einfach den humanistischen Menschen angehören, fragen sich immer öfter: Was jetzt? Wohin kann man fliehen, falls alles so weitergeht, wie es gerade scheint. Wenn es mehr werden, mehr Antidemokraten, die Menschenrechte abschaffen wollen, die Pressefreiheit, die Rechte der Frauen, der Minderheiten, den Sozialstaat.

Der Moment unangenehmer Aktivität ist jetzt gekommen

Aber jetzt mal langsam. Fliehen? Wirklich? Sind wir schon wieder so weit? Das Zuhause, die Freunde, immer noch gut organisierte Länder Leuten überlassen, die nur darauf warten, schicke Uniformen anziehen zu können?

Wenn sowieso schon alles schrecklich ist, kann man damit auch noch ein wenig warten und eine aktive Gegenwehr versuchen. Ich habe vor einem Jahr (mehr oder weniger) schon einmal versucht, Sie alle, die ratlos sind, die darauf hoffen, dass ein Wunder passiert, anzuregen, sich zu engagieren. Viele haben es getan. Noch nicht genug. Ich möchte es heute wiederholen: Der Moment unangenehmer Aktivität ist jetzt gekommen. Treten Sie in eine Partei ein. Auch wenn politische Arbeit ermüdend und frustrierend ist und aus Kompromissen besteht: Es ist im Moment vermutlich die wirkungsvollste Maßnahme, gegen die Übernahme des Landes durch Populisten aktiv zu werden.

Parteien sind vernetzt, haben eine Infrastruktur und Erfahrung in politischer Arbeit. Und mit einem massiven Eintritt kann man ihre Richtung mitgestalten. Kein Parteiprogramm entspricht einem Einzelnen zu 100 Prozent. Aber statt zu schimpfen, was die da oben wieder anstellen, kann man selbst versuchen, seine Ideen einzubringen. Eine sicher frustrierende Erfahrung. Nehmen Sie am besten ihre Bekannten mit, dann sind Sie mehr.

Wenn alle, die sich bedroht fühlen, alle Frauen, Angehörige von sogenannten Randgruppen, Menschen, die sich in den zahlreichen Bewegungen engagieren, von Seebrücke über Unteilbar, wenn sie alle ihr demokratisches (noch vorhandenes) Recht auf politische Mitbestimmung wahrnehmen, kann man etwas ändern. Es ist Zeit, den Kapitalismus neu zu denken, den Klimawandel zu stoppen, für mehr Gerechtigkeit zu kämpfen, die Freiheit des Einzelnen zu erhalten. Das bedeutet Arbeit. Langweilige Arbeit. Zusätzlich zum Überlebenskampf, den Kindern, den Jobs. Die Alternative allerdings ist abwarten. Hoffen, dass es schon nicht so schlimm wird, Angst haben, und sich Einwanderungsratgeber nach Island herunterladen. Gegen die Angst hilft Bewegung.

Hier eine kleine unvollständige Auswahl an etablierten, nicht perfekten Parteien für jeden Geschmack, die alle darauf warten, dass man sie mit neuen Ideen bereichert: für die Freunde der freien Märkte und des schlanken Staats und für Leute, die Spaß an Renovierungen haben.

(Gilt übrigens auch für die Schweiz und für Österreich, ich studiere gerade Parteiprogramme.)

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