Kampnagel-Festival Als Brad und Angelina sich trennten

Abschweifen ist das liebste Laster vieler Erzähler. Cuqui Jerez treibt das Phänomen in ihrer neuen Inszenierung auf die Spitze - am Beispiel eines prominenten Hollywood-Pärchens. Die spanische Theater-Regisseurin eröffnet das Internationale Sommerfestival in der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel.

Inszenierung "The Nowness Mystery" von Cuqui Jerez: Sprung von Situation zu Situation
Cuqui Jerez

Inszenierung "The Nowness Mystery" von Cuqui Jerez: Sprung von Situation zu Situation

Von Laura Hamdorf


Brad macht Schluss mit Angelina. Im Radio läuft ihr Lied, ausgerechnet dasselbe wie damals, als sie zum ersten Mal miteinander tanzten. Szenenwechsel: Brad und Angelina tanzen miteinander im Cuba-Club, erst vor drei Stunden haben sie sich kennengelernt. Szenenwechsel: Angelina sitzt schlecht gelaunt in einem Restaurant, als Brad über die Schwelle tritt. "You're Brad Pitt!" - "Angelina, so funny, finally we meet!" Ein stumpfer Flirt beginnt.

Auf der Bühne herrscht ein verwirrendes Hin und Her, durchlebt von zwei spanischen Theater-Schauspielerinnen. "Jeder kennt das. In einem Gespräch wechselst du ständig das Thema: Du redest über deinen Bruder, dann über dessen Verletzung, danach sprichst du über seinen Krankenhausaufenthalt und erinnerst dich plötzlich an die Anekdote, wie du dich dort in deinen Freund verliebt hast", sagt Cuqui Jerez, die Regisseurin des Stücks "The Nowness Mystery". Die Uraufführung läuft am Freitag, 12. August, beim Internationalen Sommerfestival Hamburg in der Kulturfabrik Kampnagel.

Gerade hat Jerez Probenpause und sitzt im Theaterfoyer. Ein paar Meter weiter streichen Mitarbeiter gewaltige Lettern des Wortes "Sommer" neonpink an, andere schleppen Pflanzen durch den Innenhof. Die Vorbereitungen für das Sommerfestival laufen - allen Wolken und Regengüssen zum Trotz. Neonpink ist auch die Sweatshirt-Jacke von Cuqui Jerez. An einem Ohr baumelt eine Kreole, die Locken sind zu einem nachlässigen Knoten hochgebunden. Dass die zierliche Spanierin 37 und nicht mehr Mitte 20 ist, erkennt man nur an ein paar grauen Strähnen.

Orientierungsverlust erwünscht

Am Anfang ihrer Uraufführung steht eine simple Situation, die so ironisch wie wirkungsvoll ist: Das Hollywood-Paar Angelina Jolie und Brad Pitt trennt sich. Auf der Bühne stehen Maria, Jerez' Schwester, und Amalia, die erste klein und mit Lockenmähne, die zweite groß mit kantigem Gesicht und Pferdeschwanz. Sie springen von Situation zu Situation, streiten, lieben und diskutieren, bis jede Orientierung verloren ist. "Eine Szene wird zu einer anderen zu einer anderen zu einer anderen", sagt Jerez. Und so zerfällt die Uraufführung in Erinnerungen, in Assoziationen und in Tagträume, die sich in einem Szenenwald verästeln. Ein Alltagsphänomen, wie es laut Jerez jeder kennt: "Oft stehe ich gedankenversunken mitten in der Küche und frage mich, was ich dort eigentlich wollte, was gerade passiert ist. Das kann frustrierend sein, aber auch Spaß machen."

Die Regisseurin ist kein neues Gesicht auf dem Internationalen Sommerfestival, schon 2008 war sie im Programm vertreten und zeigte "The Real Fiction", einen "intelligenten Schenkelklopfer" laut Festival-Kurator Matthias von Hartz. Jerez ließ das Bühnenbild zusammenkrachen, blutende Schauspieler nach Ärzten im Publikum fragen und schaltete aus scheinbarer Verzweiflung die Karaoke-Maschine ein. Das Resultat: irritierte Zuschauer, die litten und lachten ob der inszenierten Pannen, bis sie begriffen, worum es eigentlich ging - das Aushebeln der Realität, die Negation jeder Logik. Seit diesem Erfolg hat sich Jerez mit ihrem Konzepttheater etabliert.

"Cuqui ist eine der interessantesten zeitgenössischen Regisseurinnen in Europa", sagt von Hartz. Er hat kürzlich eine Probe besucht: "Es gibt kein Kostüm, kein Bühnenbild, kein Licht. Du denkst, es kann doch nie fertig werden", sagt er. Doch gerade die Spontaneität von Jerez fasziniert ihn.

Gemeines Gemüse

Bis zur Premiere am Freitag gibt es für von Hartz aber noch anderes zu tun: Er muss sich beispielsweise um den Gemeinschaftsgarten kümmern, den er hoch über der Rotlichtstraße Große Freiheit auf einem Hausdach hat anlegen lassen. Er veranschaulicht den diesjährigen Schwerpunkt des Sommerfestivals: den Umgang mit Gemeingütern. "Ich habe versucht, den Leuten zu erklären, was Gemeingüter sind, und nie hat es jemand kapiert", sagt er. "Gemeingüter gibt es kaum mehr, entweder gehört etwas dir alleine oder dem Staat." Derzeit arbeiten jeden Tag zwischen 10 und 30 Leute auf dem Gartendeck, jeder kann sähen und ernten, jeder kann die seltene Erfahrung machen, an einem Gemeinschaftsprojekt teilzuhaben.

Es ist das vorletzte Sommerfestival unter der Leitung von Matthias von Hartz, 2013 wird er die Spielzeit Europa kuratieren, das internationale Tanz- und Theaterfestival der Berliner Festspiele. Ein reizvolles Angebot: "Hamburg ist auf Dauer langweilig. Im Jahr 2013 ist meine erste Inszenierung auf Kampnagel 15 Jahre her, das reicht." Dennoch weiß er um die Einzigartigkeit der Spielstätte Kampnagel: "Ein besseres Gelände gibt es nicht, alles ist gebündelt. Überall triffst du Menschen wieder, das schafft eine besondere Atmosphäre."

Eine besondere Atmosphäre, von der jedes Jahr das Internationale Sommerfestival lebt.


Internationales Sommerfestival Hamburg. 11. bis 28. August, Kulturfabrik Kampnagel, Kartentelefon 040/27 09 49 49.

The Nowness Mystery. Premiere am 12. August, weitere Vorstellungen am 13. und 14. August.



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