Kandidatin mit Kultur Glaube, Merkel, Hoffnung

Während andere noch nachmessen, wie hoch der Ossi-Faktor bei Angela Merkel ist, präsentierte sich die Kanzlerkandidatin der Union in der "FAZ" als Kulturkennerin und Wagner-Verehrerin. Das westdeutsche Bildungsbürgertum lernt die Konservative von einer ganz neuen Seite kennen.

Von Sebastian Christ


 Kanzlerkandidatin Merkel: Anspruch auf die SPD-Domäne Kultur
REUTERS

Kanzlerkandidatin Merkel: Anspruch auf die SPD-Domäne Kultur

Der Besuch kam unangemeldet. Als die Leserinnen und Leser heute morgen ihren klugen Kopf zwischen Brötchen und Kaffee hinter der 80 Zentimeter breiten "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("FAZ") versteckten, da stellte sich ihnen eine Frau vor, die sie so bisher nicht kannten.

Auf zwei Seiten veröffentlichte das Blatt ein Gespräch mit der CDU-Kanzlerkandidatin Angela Merkel. Doch diesmal ging es nicht um eine mögliche Erhöhung der Mehrwertsteuer, auch nicht um den Posten von Edmund Stoiber im künftigen CDU-Kabinett. Angela Merkel, die Unionskanidatin, die aus dem Osten kam, empfahl sich heute dem westlichen Bürgertum mit Ansichten und Betrachtungen zu den Wagner-Festspielen in Bayreuth, sie parlierte über Kulturpolitik im Allgemeinen und ihre erste Pop-Platte ("Yellow Submarine") im Besonderen.

"Das Festspielhaus, dieser Hügel, die Landschaft darum herum: Es ist nichts Verrücktes daran, in Bayreuth bis tief in die Nacht seine Zeit zu verbringen, sondern es fügt sich alles wie von selbst", schwärmt die Kanzlerkandidatin von der Atmosphäre in der oberfränkischen Festspielstätte. "Wagner zwingt einen dazu, sich der Musik zu widmen. Das funktioniert."

Stammgast in Bayreuth

Ungewohnt dürften die feuilletonistischen Betrachtungen vor allem in den Ohren jener nachklingen, die Angela Merkel bisher vor allem als kühle Politikerin kannten - sie aber nicht mit Wagnerscher Bombastik in Verbindung brachten. Dabei pilgert Merkel schon seit 1991 auf den "grünen Hügel" nach Bayreuth. Die in der DDR aufgewachsene Physikerin überrascht in dem Gespräch denn auch mit einer fundierten Kritik an der Schlingensief-Inszenierung des "Parsifal". Der Regisseur habe sie "überfordert", weil sein Stück "zu viele Reize" ausstrahle. Dennoch habe sie von "jüngeren Leuten" erfahren, dass diese mit "dieser Unzahl von Reizen" besser hätten umgehen können als sie selbst.

Merkel redet über die Berliner Opern, über Kulturförderung und finanzielle Perspektiven. Auch über Popmusik, Erziehung und Meinungsfreiheit. Zwischen den Zeilen finden Wertkonservative und Bildungsbürger einen Sprachcode, der ihnen gefallen dürfte. "Ich gehöre zu den Menschen, die Stille gut aushalten können", heißt es da. Oder: "Ich finde, dass gerade in Zeiten der Globalisierung und der Beschleunigung des Lebens diese sommerlichen Musikveranstaltungen einen großen Wert haben", sagt sie, fast schon ein wenig romantisch.

Dem Staate dienen

Nebenbei wagt sie sich auch an heikle Themen - Stichwort "Preußen". Ja, sie wolle Deutschland "dienen", antwortet sie auf die Frage nach der Verwendung dieses Begriffs bei einem öffentlichen Auftritt vor einigen Wochen. Und sieht sich dabei in der Tradition von Friedrich dem Großen. "Allerdings nicht in einem historisierenden Sinne", sagt sie. "Ich wollte deutlich machen, dass wir Politik wieder auf das zurückführen sollten, was sie, aus meiner Sicht, ihrer Bedeutung nach ist: Politik ist kein Showgeschäft!" - da nickt der Studienrat.

Festspielhaus in Bayreuth: Thesen vom grünen Hügel
DPA

Festspielhaus in Bayreuth: Thesen vom grünen Hügel

Die Diskussionen um die militärisch besetzte Bedeutung des "Dienens" hätten dagegen auf einem Missverständnis beruht. Ihr sei das gar nicht in den Sinn gekommen: "Daran zeigt sich, dass in diesem Punkt Gesprächsbedarf herrscht. Und dass die gute Seite der preußischen Tradition heute an vielen Stellen verschüttet ist."

In ihren Worten klingt eine Sehnsucht nach Sicherheit, Ruhe und Geborgenheit. In Zeiten von "Heuschrecken"- Diskussion, globalisiertem Terrorismus und Arbeitsplatzverlagerung spricht sie damit vor allen den wertbewussten Menschen aus der Seele. Dabei greift sie genau die Lieblingsthemen der konservativen Intellektuellen auf. Ob es nun um "Glauben" oder "Freiheit" geht: Angela Merkel ist in der Wertewelt der "FAZ"-Klientel absolut zu Hause.

Auch über das Selbstverständnis der Merkel erfährt man hier eine ganze Menge. Während Polit-Experten noch nachmessen, wieviel Ostdeutschland in der Kanzlerkandidatin steckt, hält die Christdemokratin die Gemeinsamkeit der Kulturnation dagegen, die auch zu Zeiten von Mauer und Stacheldraht extistent war - auch wenn viele Westler das nicht mehr wahrnahmen.

Dennoch hebt sich Merkels Wertkonservatismus deutlich von ihren Ahnen in der Union ab. Vor 30 Jahren hätte man sich Helmut Kohl oder Alfred Dregger kaum dabei vorstellen können, wie sie in einer großen Tageszeitung über die Inszenierung eines bekennenden Kultur-Anarchos wie Schlingensief fachsimpeln. Heute macht das nichts mehr aus.

Auch die Konservativen haben sich seit 1968 verändert. Merkel will als moderne Konservative gesehen werden. Eine, die sich Schlingensief ansieht - die aber darauf beharrt, dass es in der Kunst auch Qualitätskriterien geben muss und nicht nur alles erlaubt sein darf. Sie selbst drückt das - in Bezug auf inszenierte Skandale - so aus: "Manchmal habe ich die Sorge, dass (darüber auch) das Stilempfinden verloren gegangen ist. Dieses ursprüngliche Gefühl, dass man im Innersten weiß: Das gefällt mir, oder das gefällt mir nicht."

Expressiv in der Kunst

In Amerika sind die Konservativen schon längst in Kunst und Kultur angekommen. Zwar spricht man in republikanischen Kreisen immer noch vom "linken Hollywood", dafür gibt es mittlerweile eine große konservative Intellektuellenszene, die ihre Meinungen vor allem über das Radio und Bücher publiziert. In Deutschland ist es ein Ereignis, wenn sich eine CDU-Politikerin den Intellektuellen empfiehlt. Bisher hatte die SPD die Kultur für sich gepachtet - Gerhard Schröder umgibt sich gern mit Künstlern, er nimmt sie manchmal sogar auf seinen Reisen mit, im Kanzleramt hängen die Bilder der angesagtesten Maler. Angela Merkel hat heute vom "grünen Hügel" aus Anspruch auf diese Domäne erhoben.



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