Kanzler-Imitator Auf unterstem Niveau

"Elmar Brandt ist der beste deutsche Gerhard-Schröder-Imitator der ganzen Welt", schrieb das Satiremagazin "Titanic" im Juli 2002. Heute imitiert sich Schröder selbst, und Brandts neuer Kanzler-Song "Zonenmädchen" wäre ein Grund zum Rücktritt - für den Imitator.

Von Martin Sonneborn


"Zonenmädchen"-CD: Flächendeckend zu hören

"Zonenmädchen"-CD: Flächendeckend zu hören

Dreimal in seiner Karriere hat Elmar Brandt, 33, seine Fähigkeiten als Imitator satirisch eingesetzt: Im Frühjahr 1999 erklärte Gerhard Schröders Stimme im Rundfunk, er, Schröder, habe sich entschlossen, das Amt des Bundeskanzlers mit sofortiger Wirkung niederzulegen. Fortan wolle er sich auf seine "Gerd-Show" konzentrieren und sich voll und ganz dem Sektor Medien und Unterhaltung widmen. Zu einer Zeit, in der Schröder zum "Medien-Kanzler" avancierte und bei "Wetten, dass ...?" auftrat, darf das als feiner Scherz gelten - zumal eine Vielzahl Radiohörer irritiert reagierte und bei den Sendern anrief.

Ende 1999, Schröder hatte mit einer Finanzhilfe soeben - wirtschaftlich unsinnig, aber medienwirksam - die Holzmann-Pleite verzögert, offerierte Brandt als Kanzler am Telefon weiteren betroffenen Bauunternehmern ebenfalls Millionensummen. Ein Opfer dieser Aktion erstattete damals sogar Anzeige, allerdings ohne dass es große Folgen gehabt hätte. Knapp drei Jahre später rief Brandt, von der "Titanic"-Redaktion instruiert, in seiner Rolle bei Marcel Reich-Ranicki an und entlockte ihm kleine Bösartigkeiten über Martin Walser ("Hat um 11 Uhr schon eine Pulle Rotwein auf dem Tisch stehen ..."), Michel Friedman ("Er ist ein ehrgeiziger Mann, die Geltungssucht ist enorm") und Angela Merkel ("Frau Merkel nackt? Oh, Gott beschütze mich vor diesem Anblick!").

Fast zeitgleich mit dieser Telefonaktion kam für den Stimmenimitator der kommerzielle Durchbruch und damit einhergehend der satirische Abstieg. Bei immer mehr Radiostationen kalauerte mittlerweile die schlichte "Gerd-Show", anspruchslose musikalische Kanzlerparodien wie der "Steuersong" terrorisierten nach der Bundestagswahl 2002 den Äther, in Zusammenarbeit mit der "Bild"-Zeitung verkauften sich weitere CDs millionenfach.

Heute sind Gerhard Schröder und sein Imitator inhaltlich auf dem Tiefpunkt angelangt. Während Schröder in auswegloser Situation einen handlungsfähigen Bundeskanzler imitiert und dabei den Kanzlerdarsteller des ZDF, Klaus J. Behrend, nur knapp hinter sich lässt, schickt sich Elmar Brandt an, einen neuen "Hit" ("Die Welt") zu landen. Seine neueste "Polit-Lachnummer" ("Hamburger Abendblatt"), zusammen mit der Radio-Moderatorin und Merkel-Imitatorin Anne Onken, 27, eingespielt, erscheint Mitte Juni, ist aber bereits jetzt flächendeckend zu hören. Aus dem Siebziger-Jahre-Schlager "Im Wagen vor mir sitzt ein junges Mädchen" ist ein Duett zwischen "Gerd" und "Angie" geworden: "Im Wahlkampf vor mir liegt ein Zonenmädchen".

Schon die Dialoge von Henry Valentinos Original waren von ergreifender Schlichtheit, in Brandts neuem "Ohrwurm" ("Meine Melodie") werden sie indes noch übertroffen:

Im Wahlkampf vor mir liegt ein Zonenmädchen - warum kann es nicht eine Schönheit sein?
Die Mundwinkel im Keller, und zum Helm frisiertes Haar - mit Spreewaldgurkenatem - Angela!
(...)
Angie: Der rechnet sich noch Chancen für sich aus?! Gerd: Das Auge wählt mit, nech?
(...)
Angie: Im Kanzleramt muss endlich mal 'ne Frau ran.
Gerd: Ne Frau? Willste doch nicht?
Angie: Die Pfeifentruppe putz ich locker weg.
Gerd: Ne Putzfrau hab ich schon ...

Kanzler-Imitator Brandt: Sinnlose, billige Abgreifprodukte
DPA

Kanzler-Imitator Brandt: Sinnlose, billige Abgreifprodukte

Die Abwertung Angela Merkels aufgrund ihres Geschlechts, aufgrund ihrer äußeren Erscheinung, aufgrund ihres hausfräulichen Habitus, ihres Spreewaldgurkenatems, ihrer Zonenvergangenheit - ist das legitim? Erinnert das nicht an dunkelste Kapitel deutscher Publizistik? An Titelbilder etwa mit einem verunglückten Merkel-Portrait und der Schlagzeile "Darf das Kanzler werden?"; an eine Auswahl von prominenten Gesichtern auf dem Cover, allesamt unter einer aufmontierten Merkel-Frisur, und der Botschaft "Deutschland wählt: Ein neues Gesicht für Angela Merkel"? Ja doch, es erinnert.

Denn seit Jahren schon pflegt ja "Titanic" eine ebenso herzliche wie einseitige Feindschaft zur jüngst ernannten Kanzlerkandidatin, eine beispiellos polemische Auseinandersetzung auf unterstem Niveau, in der auch immer wieder verunglückte Fotos Verwendung finden, zum Beispiel als "Merkel-Sammelbildchen". Das alles zeugt davon, dass Angela Merkel dabei ist, Helmut Kohl als legitime Tochter zu beerben, auch auf den "Titanic"-Titelbildern. Ein Glücksfall - zumindest für die deutsche Satire.

Der Unterschied zwischen den Pöbeleien aus der Frankfurter Redaktion und denen Elmar Brandts ist jedoch offensichtlich: Die Brandt-Lieder sind eine Lärmbelästigung, sind sinnlose, billige Abgreifprodukte, die nicht umsonst im Verein mit der "Bild"-Zeitung den Weg zum Massenerfolg finden. Seriöse Satiriker nähern sich Angela Merkel auf gehaltvollere Art und Weise. Sie spielen gekonnt mit dem umfangreichen Repertoire der Satire, verzichten zum Spaß bewusst auf inhaltliche Auseinandersetzung und schaffen somit vom Charakter her künstlerische, ästhetisierte Kritik mit einer klaren Zielrichtung.


Martin Sonneborn ist Chefredakteur des Satire-Magazins "Titanic"



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