Kanzleramt ohne Seele Der Klotz am Bein der Berliner Republik

Anfang April wird das neue Bundeskanzleramt eingeweiht. Gegenüber SPIEGEL ONLINE distanziert sich sein Architekt Axel Schultes von dem Betonklotz, weil ihm ein wichtiges Bindeglied gestrichen wurde: das Bürgerforum. Eine Betrachtung in Wort und Bild.

Von Holger Kulick


Gesunkener Tanker oder Think Tank?
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Gesunkener Tanker oder Think Tank?

Berlin - Die Strafe des Altkanzlers ist die, hier nicht einziehen zu dürfen - hat er den Bau doch entscheidend mitgeprägt. Palazzo Großklotz und Betonungetüm schimpfen Berliner inzwischen den 465-Millionen-Koloss, der aussieht wie ein gestrandeter Tanker. Doch selbst als Think Tank wirkt das Amt überdimensioniert und lässt seine Betrachter eher kalt, als dass es sie für demokratische Baukultur erwärmen könnte.

Architekt mit Raumgefühl: Axel Schultes
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Architekt mit Raumgefühl: Axel Schultes

Dabei hatten Architekt Axel Schultes und seine Partnerin Charlotte Frank ursprünglich an eine verspielte Villa im italienischen Tivoli gedacht, als sie das Kanzleramt als Teil der "Spur des Bundes" konzipierten. Diese Spur reicht vom vier Meter hoch mit Beton ummauerten Kanzlerpark im Westen bis über die Spree im Osten. Wie eine gigantische Büroklammer soll der Riegel beide Stadt- und Landeshälften symbolisch verbinden und einen Gegenentwurf darstellen - zu Albert Speers Nord-Süd-Achse im Dritten Reich. Doch was im Modell berauschte, ernüchtert in der Realität. Trotz moderner Verspieltheit wirken die Bauten "hingeklotzt" und verleihen dem Kanzler ein optisches Übermaß an Macht.

Unterkühlt wohnen: In der Kanzler-Etage
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Unterkühlt wohnen: In der Kanzler-Etage

Innerhalb des grau-beigen Bundes-Bandes nimmt der postmoderne Kanzlerkomplex insgesamt 335 Meter Kantenlänge ein. Dagegen glich das alte Regierungsgebäude in Bonn einer kleinstädtischen Bausparkasse, auch wenn die Nutzfläche nicht wesentlich differiert. Aus dem Berliner Neubau stößt wie eine Kommandobrücke der Kanzlerwürfel 36 Meter in die Höhe. Auf Altkanzler Kohls Wunsch hin überragt er das gesamte Gebäude und ist innen trickreich verschachtelt - wirkt aber dennoch unterkühlt.

Kanzlerforum im Mittelpunkt des Tempels der Macht
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Kanzlerforum im Mittelpunkt des Tempels der Macht

Wie in Washington, Moskau oder Paris erhält der Kanzler aber wieder etwas, was es in der "Bonner Republik" nicht gab - einen ausdrucksvollen Tempel der Macht. Auch in ihrem Inneren soll die kantige "Sphinx" bei Besuchern Eindruck schinden, aber nicht mittels üppigen Barocks, sondern funktionaler Moderne. Wenn in der Kanzleretage Staatsgäste ehrfürchtig aus dem Fahrstuhl treten, können sie entweder in einem kleinen Amphitheater mit Journalisten plaudern oder die Aussicht über den Tiergarten genießen - an den Wänden hochdotierte, zeitgenössische Kunst.

Kanzlers Aussicht aus der "Dunkelkammer". Vor der Wand wird der Schreibtisch aufgestellt
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Kanzlers Aussicht aus der "Dunkelkammer". Vor der Wand wird der Schreibtisch aufgestellt

Danach dürfen sie sich die Augen reiben, wie niedrig und vergleichsweise düster das Kanzlerbüro ist. Nur 2,70 Meter Raumhöhe stehen im Kontrast zur lichten Höhe des provisorischen Kanzlerbüros im alten DDR-Staatsratsgebäude, wo Gerhard Schröder noch für kurze Zeit residiert. Der Kanzler-Schreibtisch wird mit dem Rücken zum Reichstag platziert. Ein eigener Treppenabgang gewährleistet ihm Gänge durchs Haus, ohne auf Besucher oder Mitarbeiter zu stoßen, und auf dem Balkon ist für ihn eine schusssichere Nische versteckt.

Genormte Büros für genormte Beamte?
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Genormte Büros für genormte Beamte?

Auf acht Etagen sind in dem Würfel noch eine Tageswohnung des Kanzlers verborgen, die Büros der Staatsminister, Konferenzräume, ein Kabinetts- und Speisesaal sowie ein Pressezentrum. Mit dem Kanzler residieren 450 Beamte hinter Beton und acht Zentimeter dickem Panzerglas. In den Seitenflügeln trennen 13 Wintergärten 360 genormte Büros, die so gleichgestaltet wirken, als wären sie für geklonte Beamte designt worden, die sich gegenseitig durch die großen Fenster überwachen sollen.

Kanzleramt als Designerware: In den 13 Wintergärten wird der Kies unterschiedlich gefärbt
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Kanzleramt als Designerware: In den 13 Wintergärten wird der Kies unterschiedlich gefärbt

Die verglasten Räume sind im Durchschnitt 20 Quadratmeter groß und monoton gestaltet. Rot gefärbte Buche prägt Türen, Regale und Schreibtischholz, die Tür- und Fensterrahmen sind kristallgrünmetallic und der Teppichboden türkisgrün. Ein Interieur für kühle Köpfe. Die Wintergärten dazwischen gleichen Gewächshäusern mit eingefärbten Kiesbetten, in Weiß, Blau, Rötlich und anderen Tönen - ein Gruß an den Bundesumweltminister: Das ist Designer-Natur!

Sumpfeichen sollen die Bürotrakte verbergen. Doch wie geht das im Herbst und Winter?
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Sumpfeichen sollen die Bürotrakte verbergen. Doch wie geht das im Herbst und Winter?

Außen soll eine "Sumpfeichen-Allee" die unterkühlten Büroflügel verdecken, doch bis die Bäume hoch genug gewachsen sind, dürften 20 Jahre vergehen. In "Spree-Eichen" wurden die Bäumchen von der Bundestagsverwaltung umgetauft, damit der eigentlich Name Sumpfeiche keine falschen Assoziationen weckt. Am Ostrand wirkt der Ehrenhof kantig wie vom Fleischer abgeschnitten. Die stählerne Chillida-Skulptur "Berlin" wird hier regelrecht von der monströsen Betonumgebung erschlagen und ist an diesem Standort verschenkt.

Blick Richtung Kanzlerpark: Auf den Betonsäulen sollen Felsenbirnen wachsen
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Blick Richtung Kanzlerpark: Auf den Betonsäulen sollen Felsenbirnen wachsen

Den krönenden Abschluss nach Westen bildet der Kanzleramtspark, in dem ursprünglich eine Kanzlervilla stehen sollte. Das lehnte Schröder aber ab. Nicht mehr verhindern konnte er die hohe Betonummauerung des Gartens - um eine gigantische Erdaufschüttung zu verbergen. Vier Meter über dem Volk dürfen jetzt Staatsgäste promenieren. Auch eine Sandsteinverkleidung der Mauer, wie ursprünglich vom Architekten beabsichtigt, hätte das Ansehen dieser Fehlkonstruktion nicht mehr gerettet.

Der Reichstag aus der Kanzlerperspektive. Links die Fläche für das öffentliche Forum
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Der Reichstag aus der Kanzlerperspektive. Links die Fläche für das öffentliche Forum

Die Unfähigkeit der Baufirmen, makellosen weißen Sichtbeton in ausreichender Menge zu produzieren, ärgert den Architekten, eine Baulücke schmerzt ihn aber noch mehr. "Das Herzstück des ganzen Projekts fehlt", schimpft Schultes auf seine Auftraggeber, denn "der Souverän, das Volk, hat keinen Ort!". Ein Bürgerforum als Bindeglied zwischen Regierung und Parlament sah Schultes Konzept vor, aber weder Bundesbauverwaltung noch Politiker nahmen den Gedanken auf. So lässt Schultes "Spur des Bundes" eine große Lücke und das Kanzleramt wirkt wie ein Solitär. Im SPIEGEL-ONLINE-Gespräch schildert er seinen Frust darüber, dass die Bauten jetzt "isoliert wie Kühe auf der Weide stehen". Schuld trägt für Schultes maßgeblich Helmut Kohl: "Was wir jetzt sehen, ist der vom Altkanzler durchgesiebte Entwurf", stöhnt der Architekt gelegentlich, der habe "den Solitär als Pendant zum Reichstag" gewollt.

Griechisch? Römisch? Typisch deutsch oder gesamteuropäisch? Der EU-Saal
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Griechisch? Römisch? Typisch deutsch oder gesamteuropäisch? Der EU-Saal

Was Schultes grämt - dem Architekt des zweiten "Solitärs", Stefan Braunfels, "tut das nicht weh". Braunfels hat das Paul-Löbe-Haus der Abgeordneten gegenüber entworfen, dass sich neben dem Reichstagsgebäude wie ein riesiger Zwölf-Zylinder-Motor erhebt, ebenfalls vollkommen überproportioniert und zeitgeistkonform aus Beton und Glas. "Ich habe es eher als griechischen Typus konzipiert", erläutert Braunfels, "Schultes Bau ist mehr ein römischer Typ." Dabei ist beides ein deutscher Rigorismus: originell, aber seelenlos. Beide Architekten hätten ihre "Spur" gerne noch viel weiter Richtung Osten ausgedehnt - in die bestehende Ex-DDR-Wohnbebauung hinein. Doch glimpflicherweise ist dieser erweiterte Beton-Wahn geplatzt.

An die Wände soll hochdotierte deutsche Malerei von Markus Lüpertz & Co. Preiswerter hat ein Unbekannter den Hausherren schon an die Wand von dessen Arbeitszimmer porträtiert.
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An die Wände soll hochdotierte deutsche Malerei von Markus Lüpertz & Co. Preiswerter hat ein Unbekannter den Hausherren schon an die Wand von dessen Arbeitszimmer porträtiert.

Für das Bürgerforum winkt indessen noch ein kleiner Hoffnungsschimmer. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse erklärte auf Nachfrage, dass dieses Projekt für ihn "nicht endgültig gestorben" sei. Er sei "neugierig, ob die Bürger in den nächsten Jahren auf dieser freien Fläche ihre Chance nutzen, um mit doppelter akustischer Blickrichtung zum Kanzleramt und Paul-Löbe-Haus ihre Wünsche zu formulieren". Eine Bannmeile soll es laut Thierse dort jedenfalls nicht geben, nur einen "befriedeten Bezirk, in dem das Volk aufgerufen bleibt, seine Sache selbst in die Hand zu nehmen", so der Bundestagspräsident.

Hingeklotzt - der Ehrenhof vor seiner Ausschmückung durch hängende Gärten
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Hingeklotzt - der Ehrenhof vor seiner Ausschmückung durch hängende Gärten

Bis dahin profitiert ein kleiner Würfel von der Lücke, die das gestrichene Bürgerforum lässt. Die Schweizer Botschaft hat ohne viel Aufsehen ihren Altbau in Rufweite zum Kanzleramt erweitert und lässt eine weithin sichtbare eidgenössische Fahne über das Gelände wehen. Sie flattert so prägnant über dem Betongebirge, als trügen die Schweizer Verantwortung für die Klötze am Bein der Berliner Republik, die hier stehen - und wie gigantomane Käsewürfel wirken.





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