Georg Diez

Klimawandel und Kapitalismus Unser Lebensstil muss verhandelbar sein

Wer den Klimawandel nur auf das Phänomen der Erderwärmung reduziert, diskutiert am eigentlichen Thema vorbei. Es geht darum, soziale Ungleichheit und die ökologische Frage zusammen zu denken.
Berge von Müll an einem Strand (im Libanon, Symbolbild)

Berge von Müll an einem Strand (im Libanon, Symbolbild)

Foto: Marwan Naamani/ dpa

Kaum eine Kolumne, die ich in den vergangenen Jahren geschrieben habe, hatte eine so mächtige Resonanz bei den Lesern wie die über den Klimawandel und die Frage, wie er hätte verhindert werden können - und vor allem, warum das nicht passiert ist. Es scheint, dass die Zeit gekommen ist, dieses so lange verdrängte Thema in den Mittelpunkt der politischen Diskussionen zu stellen, also die ökologische Frage zu repolitisieren.

  • Als Hyperobjekte hat der ökologische Denker Timothy Morton einmal Phänomene bezeichnet, die zu groß sind, als dass wir sie wahrnehmen würden oder wollten. Eine erkenntnistheoretische Paradoxie mit fatalen Folgen, weil wir nur dann etwas unternehmen können, wenn wir sehen, um was es geht. Der Klimawandel ist so ein Hyperobjekt: Die Grundlagen des Lebens auf diesem Planeten ändern sich dramatisch, die Grundlagen der Politik, der Medien und der Gesellschaft aber kaum. Wir machen weiter, als sei nichts geschehen.
  • Ein weiteres Hyperobjekt ist der Kapitalismus, bei dem es scheinbar kein Außen gibt und keine Alternative: Es sei für die meisten Menschen leichter, hat der Theoretiker Fredric Jameson einmal gesagt, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus. Um eine politische Alternative zu imaginieren zu einer Gegenwart, die in Destruktion, Fatalismus und Apathie verharrt, wenn es um die Basis menschlichen Lebens auf diesem Planeten geht, ist es wichtig zu verstehen, wie beides zusammenhängt: das Überleben des Kapitalismus und das Überleben der Welt.

Beides, so scheint es, ist nicht gemeinsam zu haben. Das jedenfalls ist die Grundlage des politischen Programms, das der französische Philosoph Bruno Latour vor einer Weile veröffentlicht hat, sein "Terrestrisches Manifest", in dem er schreibt: "Ohne den Gedanken, dass wir in ein Neues Klimaregime eingetreten sind, kann man weder die Explosion der Ungleichheiten, das Ausmaß der Deregulierungen, die Kritik an der Globalisierung, noch, vor allem, das panische Verlangen nach einer Rückkehr zu den früheren Schutzmaßnahmen des Nationalstaats - was, sehr zu Unrecht, als 'Aufstieg des Populismus' bezeichnet wird - verstehen."

Ein Kampf um den Boden

Dazu kommt noch, als weiteres aktuelles Krisenphänomen, die weltweite Migration, die ebenfalls nur zu verstehen ist, so Latour, wenn man die Faktoren von Kapitalismus und Klimaveränderung zusammennimmt. "Die meisten unserer Mitbürger", schreibt er, "unterschätzen oder leugnen, was der Erde widerfährt, sind sich aber der Tatsache, dass die Migration ihre Träume von gesicherter Identität gefährdet, vollkommen bewusst."

Es ist, mit anderen Worten, ein Kampf um den Boden, der hier geführt wird. Ein Kampf um die Erde zwischen widerstreitenden Interessen. Um diesen Kampf zu beenden, politisch, ohne Gewalt, muss für Latour ein anderes Verständnis von Welt entstehen, das mit einem anderen Begriff verbunden ist als dem des Globalen oder der ökonomischen Schrumpfform der Globalisierung: Für ihn ist es der Begriff des Terrestrischen, womit er die Einsicht meint, dass die Bedingungen des Lebens auf der Erde von den Menschen selbst geschaffen sind und es kein neutrales oder von außen beschriebenes Globales gibt.

Die Globalisierung also als wirtschaftliche Realität, die für immer größere Konflikte sorgt und gewaltige politische Reaktionen, siehe Trump. Die Globalisierung auch als eine Form von Bewusstsein, ein Bild der Erde, die sie falsch darstellt - als vom Menschen losgelöst, abstrakt wie aus dem All: Für den Philosophen Latour beginnt mit dem Begriff des Terrestrischen das Verständnis für eine andere, neue, notwendige Politik, die über die bisherigen Einteilungen von "links" und "rechts" hinausreicht und die Kategorien des Lokalen wie des Globalen anders denkt.

"Aufstehen" - Politik, die im Lokalen verharrt

Die Klimakatastrophe erfordere neue politische Allianzen, schreibt Latour, die Einteilung in Reaktionäre und Progressive habe ihren Sinn verloren, wenn der Vektor der Modernisierung, also das Versprechen von Fortschritt, aufgekündigt wurde. Das beschreibt die Realität des Neuen Klimaregimes. Was das bedeuten könnte oder auch nicht, zeigen zwei der markantesten politischen Entwicklungen der vergangenen Wochen in Deutschland: die linke Sammlungsbewegung "Aufstehen" und der Erfolg der Grünen in Wahlumfragen.

"Aufstehen" ist das Beispiel einer Politik, die im Lokalen verharrt. Das legen jedenfalls die ersten Texte und Überlegungen nahe und vor allem die Aussagen von Sahra Wagenknecht, die in der Rhetorik gegenüber den Geflüchteten klargemacht hat, wo sie ihre Allianzen sieht: bei denen, die sich gegen die Geflüchteten stellen, aus Angst oder Agitation. Also vor allem bei der AfD, die die Frage der Migration verkürzt und die systemischen Verbindungen ignoriert - "Aufstehen" schafft es damit bislang nicht, das umzusetzen, was Latour als Zeichen einer neuen Politik sieht, die Verbindung von Ökologie und sozialer Frage.

"Die Wahl besteht nicht zwischen dem Lohn von Arbeitern und dem Schicksal kleiner Vögel, sondern zwischen zwei Arten von Welt, in denen es, in beiden Fällen, Arbeiterlöhne und kleine Vögel gibt, die aber auf je andere Weise miteinander verbunden sind", schreibt Latour und benennt dabei eine Schwäche, die von vielen linken Wählern immer noch bei den Grünen gesehen wird, trotz oder wegen ihres gegenwärtigen Hochs in den Umfragen: Sie haben es bislang gescheut, die Aspekte von Umverteilung, Klasseninteressen oder Ungleichheit mit den Fragen der Ökologie wirksam zu verbinden.

Am eigentlichen Thema vorbei

Die Grünen stecken damit immer noch im Dilemma ihrer Geschichte fest, wenn sie nicht klarmachen, dass sie keine abstrakte Natur schützen wollen, sondern dass der Schutz der Umwelt damit zusammenhängt, eine andere Welt und vor allem ein anderes Wirtschaftssystem als den gegenwärtigen "Petrokapitalismus"  zu imaginieren und zu schaffen. Oder wie es Bruno Latour ausdrückt: "Das 19. Jahrhundert war das Zeitalter der sozialen Frage", schreibt er, "das 21. ist das Zeitalter der neuen geo-sozialen Frage."

Jede Diskussion über den Klimawandel und die Erderwärmung, die sich mit den Phänomenen aufhält, führt damit am eigentlichen Thema vorbei. Schon 1992 soll George H. W. Bush ziemlich klar gesagt haben, dass der "amerikanische Lebensstil nicht verhandelbar" sei. Doch, genau darum geht es. Dieser Lebensstil, der mittlerweile weltweit kopiert wird, ist verhandelbar. Jedenfalls dann, wenn man eine Erde für alle will.

Video: Klimawandel - Ist die Welt noch zu retten?

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