Karadzic-Verhaftung Großväterchen Grausam und seine Opfer

Die Verhaftung Radovan Karadzics ist ein schwacher Trost - Serbien wird sich der eigenen Vergangenheit trotzdem nicht stellen, glaubt der kroatische Schriftsteller Edo Popovic. Ihn bewegt jetzt vor allem eines: die Erinnerung an die Massengräber Bosniens. Und an die Opfer, die er kannte.

Wäre Radovan Karadzic wirklich ein Flüchtender und Geächteter gewesen, wäre die Nachricht von seiner Verhaftung und Auslieferung an das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag ermutigend. Hätte er sich wirklich zwölf Jahre verstecken müssen und wäre er wirklich eine Person, vor der die Mehrheit seiner Landsleute Unbehagen verspürt hätte - dann würde seine Festsetzung und Auslieferung bedeuten, dass sich die Dinge in dieser Region endlich zum Besseren entwickeln.

Doch Karadzic ist in Wirklichkeit kein Flüchtender und Geächteter. Alte Freunde und Getreue haben ihm allem Anschein nach mit neuen Dokumenten ausgeholfen, ihn jahrelang geschützt, und viele seiner Landsleute halten ihn bis heute für einen Helden.

Die Nachricht von der Verhaftung mag den Familien seiner Opfer schwachen Trost gebracht haben; länger als ein Jahrzehnt haben sie nach Gerechtigkeit verlangt, und wahrscheinlich ist es ihnen egal, wie und warum er verhaftet wurde. Doch Anlass zur Zufriedenheit gibt es nicht. Dass sich die Serben der eigenen Vergangenheit stellen würden oder an der Schwelle zu einer Katharsis stünden - das ist nicht zu erkennen.

Diesbezüglich gibt es im Südosten nichts Neues, keine Sorge, hier ändert sich nichts.

Mein Pessimismus ist keine Pose, sondern das Ergebnis langjähriger Erfahrung. Diese besagt, dass in unserer Region die Gerechtigkeit schon immer eine recht verderbliche Ware war, dass die Grenze zwischen Verbrechen und Heldentum eher durchlässig ist und dass die Gesetze nie für alle im gleichen Maße galten.

Zugegeben – die Menschen haben aufgehört, aufeinander zu schießen. Aber weiter laufen alle hinter den eigenen Fahnen her und verschanzen sich in den eigenen Schützengräben.

Nachdenklich machen die verschiedenen Reaktionen auf das Ereignis der Verhaftung Karadzics: in Belgrad Verbitterung und Wut. In Sarajevo Jubel auf den Straßen, wie nach einem Sieg im Fußball. In Zagreb die unverhüllte Befriedigung darüber, dass ein Serbe und kein Kroate nach Den Haag überstellt wird.

Ich hätte mir mehr Pietät vor den Opfern gewünscht. Ein Uneingeweihter würde nur schwerlich erraten können, dass es sich hier um die Reaktionen auf die Verhaftung eines Mannes handelt, der schwerer Kriegsverbrechen verdächtigt wird.

Mit Ausnahme der serbischen Radikalen, dessen Vorsitzender schon seit längerem in Den Haag sitzt, zerspringen die Politiker in allen Ländern Ex-Jugoslawiens fast vor Optimismus. Sie sind voll guten Willens, doch es handelt sich eher um eine professionelle Verrenkung – es ist fraglich, dass sie dieselben Aussagen machen würden, wenn sie zum Beispiel ihr eigenes Hab und Gut als Pfand hinterlassen müssten.

Was also die Gerechtigkeit auf balkanische Art und die allgemeine Stimmung betrifft, so könnten die hiesigen Kriegsverbrecher in aller Ruhe alt werden, geschätzt und gefeiert von ihrer Umgebung. Die Verbrecher – das sind immer die anderen. Und die Helden – das sind natürlich wir.

So hat unter den Serben in den neunziger Jahren niemand ernsthaft daran gezweifelt, dass die eigene Seite irgendetwas anderes als einen gerechten Befreiungskrieg geführt hat. Die Massengräber und die ethnischen Säuberungen waren zwar Beweise für das Gegenteil, aber in jenen Jahren wollte niemand etwas davon hören. Und so ist es eigentlich bis heute geblieben.

Handel mit der Gerechtigkeit

Karadzic und Konsorten hatten jedoch das Pech, dass sich die internationale Gemeinschaft durch die Gründung des Den Haager Tribunals eingemischt hat, durch das Kriegsverbrecher zu einer sehr begehrten Ware wurden.

Das Ansehen der serbischen Regierung bei der internationalen Gemeinschaft ist nach Karadzics Verhaftung deutlich gestiegen - verbunden mit einer beachtlichen Anzahl von Versprechungen in Richtung eines EU-Beitritts. Wir sehen also, dass ein verdrehter Begriff von Gerechtigkeit keine Eigenart dieser Region ist. Und dass es sich hier nicht um die Umsetzung von Gerechtigkeit handelt, sondern um einen reinen Handel und um die Befriedigung politischer Interessen.

Mein Pessimismus wird dadurch verstärkt, dass ich einige der Opfer Karadzics kannte.

Der slowenische Fotograf Aloyz Krivograd Futy, mein Kollege, mit dem ich nach Mittelbosnien fahren sollte, änderte aus irgendeinem Grund seinen ursprünglichen Plan. Das war Ende 1992 oder Anfang 1993 - ich bin nicht mehr ganz sicher, weil sich in diesen Jahren die Ereignisse mit enormer Geschwindigkeit abspielten, und obwohl meine Erinnerungen sehr deutlich sind, kann ich sie manchmal zeitlich nicht gut zuordnen. Ohne abzuwarten, bis ich von einer kurzen Reise nach Deutschland zurückkehrte, fuhr Futy allein los. Er kehrte nicht aus Bosnien heim, und vor einigen Jahren wurde er aus einem Massengrab in Ostbosnien exhumiert.

Als Kriegsreporter führte ich 1995 Gespräche mit Gefangenen, die in der Pension Kontiki in Vogose bei Sarajevo untergebracht waren, die Karadzics Soldaten in ein Lager und Bordell verwandelt hatten. Dort wurden die Nicht-Serbinnen, meist Musliminnen aus den umliegenden Orten, zur Prostitution gezwungen, um später kaltblütig liquidiert zu werden. Die Befragung eines gefangenen Soldaten der Armee der bosnischen Serben, Borislav Herak, brachte 1993 erschreckende Tatsachen zutage. Im Urteil des Obersten Gerichtshofs von Bosnien und Herzegowina vom 30. Juli 1993 werden auf einigen Seiten Heraks Verbrechen aufgelistet, die er im August 1992 begangen hatte.

Gespenstisches Glitzern leerer Schwefelsäureflaschen

Herak gab zu, dass er in dieser Zeit elfmal in der Pension Kontiki war, begleitet von einigen seiner Kollegen und auf Anordnung seines Vorgesetzten. Jedes Mal brachte ein gewisser Miro Vukovi, der Lagerkommandant, ein Mädchen, das sie zunächst vergewaltigten und anschließend zum Berg Zut oberhalb von Sarajevo verschleppten - wo sie dann erschossen wurde. Im Text des Urteils werden elf Vergewaltigungen und Ermordungen von muslimischen Mädchen erwähnt, die alle nach demselben Muster durchgeführt wurden.

Es ist eine Sache, über Kriegsverbrechen zu hören oder zu lesen. Etwas ganz anderes ist es, vor einem Massengrab zu stehen, so einem wie jenes in der Nähe von Bihac unweit eines niedergebrannten muslimischen Dorfes, das ich im Herbst 1995 besuchte. Aus der etwas abgesunkenen Erde ragten Knochen hervor, Schuhe, Teile von Kleidung. Doch am gespenstischsten wirkte das Glitzern leerer Schwefelsäureflaschen, die um das Massengrab verstreut lagen.

Warum erzähle ich das alles? Als ich im Fernsehen die Fassade erblickte, hinter der sich all diese Jahre Radovan Karadzic verborgen hat - ein gutmütiges Großväterchen mit grauem Bart und grauem Haar -, musste ich zuerst an die leeren Schwefelsäureflaschen denken.

Danach dachte ich an Esef Muraevi, einen Gefangenen des Lagers Kontiki, mit dem ich 1995 ein langes Gespräch führte.

Zum Schluss dachte ich an Futy.

Und ich war nicht der Einzige, der sich erinnerte. In jenem Augenblick, da bin ich mir ganz sicher, erinnerten sich Hunderttausende an Menschen, die sie einmal kannten und die das Pech hatten, dass Radovan Karadzic alias Dr. Dabic sich irgendwann einmal mit ihnen beschäftigt hat.

Aus dem Kroatischen von Alida Bremer

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