Georg Diez

S.P.O.N. - Der Kritiker Bakterien, Gier und böse Männer

Ohne Schimmer in die Apokalypse: In "Warum die Sache schiefgeht" dokumentiert Karen Duve ihr simples Weltbild - und ihren Willen, aus Vorurteilen ein Geschäft zu machen. Das Buch hat den Erkenntnisgewinn einer Anleitung für Mundspülung.

Halloween ist ein christlicher Brauch, und wie alle christlichen Bräuche spielt auch Halloween mit den Ängsten und Hoffnungen der Menschen. Womit wir bei Karen Duve wären.

Es ist ja ein in Deutschland besonders beliebter Irrtum, dass man Schriftsteller für intelligenter, wichtiger oder moralisch höher stehend hält: Die Literatur als eine Art Cargo-Kult für die gebildeten Stände, die sich mit verzücktem Staunen vor dem Fetisch Buch verneigen.

Dabei wissen sie ja genauso wenig wie alle anderen, und wenn sie gute Schriftsteller sind, dann machen sie aus diesem Nichtwissen große Kunst; wenn sie Karen Duve sind, dann machen sie aus Angst, Ressentiment und Vorurteilen ein Geschäft.

"Warum die Sache schiefgeht: Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen", so heißt ihr Buch: Die Sorte von One-Liner-Buch eben, die sich besonders gut verkauft und die auch jemand wie Akif Pirincci schreibt. Bei ihm sind es "Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer", die an allem schuld sind - was aus Karen Duve eine Art feministisch-vegetarische Pirincci macht.

Ihr einfaches Weltbild hat den Vorteil, dass es sich auf ein paar Begriffe reduzieren lässt: Einsatzbereitschaft, Risikobereitschaft, Selbstvertrauen, Durchsetzungsvermögen - das ist die Teufelsmischung der Welt von heute, die zweifellos in die Apokalypse steuert, wenn es keine "Frauenquote" (Duve) gibt.

Aus dem Milieu der Angsthasen und Rechthaber

Unternehmer sind für Duve Verbrecher,  Börsenmakler haben die Disposition von Serienmördern, statt auch mal "ein gutes Buch" (Duve) zu lesen, arbeiten sie "16-Stunden-Tage" (Duve) und verbergen ihr "schwarzes Herz" hinter "großem Charme": "Manche von ihnen kommen auch bloß deswegen nicht mit dem Gesetz in Konflikt, weil sie sich nicht erwischen lassen."

Aha. Das Ganze hat den Erkenntnisgewinn einer Anleitung für Mundspülung, nur dass das, was Duve schreibt, mit deutlich mehr Bedeutung aufgewogen und natürlich in der 3sat-"Kulturzeit" von Ernst Grandits besorgt verhandelt wird.

Einerseits, weil Duve ja aus dem Milieu der Angsthasen und Rechthaber stammt, die den Kulturbetrieb bevölkern und sich in ihr erkennen mit ihren eigenen Vorurteilen gegenüber der modernen Welt. Und andererseits, weil es ja tatsächlich Probleme gibt, mit dem Klimawandel, dem Kapitalismus, der Zukunft.

Und das macht aus dem wirr zusammengehauenen Zombie-Text von Duve ein echtes Problem: Es ist ein Beispiel für den antiaufklärerischen Untergangsschauer eines Juste Milieus, das sich in der eigenen Aufwallung gefällt.

Was soll man schließlich, ernsthaft, mit solchen Sätzen anfangen: "Mit dem Weg von den sammelnden und jagenden Horden in die Agrargesellschaft", so Duve, "wurde der Weg der Gier und Entfremdung eingeschlagen."

Die Aporie ist der Wärmeofen für Besserwisser und Moralisten: Wenn die Zivilisation selbst das Problem ist, ja dann ist eh schon alles etwa 12.000 Jahre zu spät.

Zerrbild einer psychopathologisch fixierten Gesellschaft

Ist Ebola, fragte neulich CNN, der ISIS der Krankheiten? "Ist Ebola", fragte daraufhin der Schriftsteller Teju Cole, "das Boko Haram von AIDS?" Und außerdem: "Einige sagen, dass Ebola der Milosevic des West-Nil-Virus ist."

In der gleichen Logik beschäftigt sich Karen Duve mit dem Kapitalismus und mit dem Klimawandel: Alles hängt mit allem zusammen, die "Chefetagen" und die Bakterien und der Superochsenteller beim Griechen um die Ecke, den sicher ein Mann bestellt hat - denn am Ende sind es immer die Männer, die das Problem sind.

Was Duve damit liefert, ist das traurige Zerrbild einer psychopathologisch fixierten Gesellschaft, die zwar möglicherweise auf echte Probleme zusteuert, sich aber in ihren eigenen Ressentiments so sehr gefällt, dass sie nicht mal im Ansatz nach echten Lösungen sucht.

Stellt Duve etwa die Systemfrage? Formuliert sie eine Alternative zum Kapitalismus? Hat sie auch nur einen analytischen Gedanken, hat sie auch nur eine gute Antwort? Ist das, was sie schreibt, nur ansatzweise so interessant wie das, was Thomas Piketty in seinem Buch über das "Kapital im 21. Jahrhundert" zu sagen weiß?

In ruhigeren Zeiten wäre das, was sie tut, ein mehr oder weniger lustiger Halloween-Scherz: Jemand verkleidet sich gruselig und will doch nur Süßigkeiten.

In diesen unruhigen Zeiten allerdings fügt sich das Wirre zum Dumpfen. Und der unanalytische Antikapitalismus des Bio-Bürgertums unterscheidet sich in seiner Wirkung, das zeigt Duves Buch, nicht mehr allzu viel vom Globalhass der gekränkten weißen Männer.