Karikaturen-Prozess in Frankreich Intellektuelle warnen vor Selbstzensur

Weil das Satiremagazin "Charlie Hebdo" sich nicht scheute, Mohammed-Zeichnungen nachzudrucken, erreichte der Karikaturen-Streit im vergangenen Jahr auch Frankreich. Am Mittwoch beginnt in Paris der Prozess - und französische Intellektuelle warnen in einer Petition vor "Selbstzensur".


Paris/Hamburg – Das Satiremagazin "Charlie Hebdo" hatte im Feburar 2006 die zwölf in der dänischen Zeitung "Jyllands Posten" erschienenen Karikaturen nachgedruckt und eigene Karikaturen hinzugefügt. Die Ausgabe wurde zu einem Verkaufshit: In wenigen Tagen verkaufte sich das Heft 400.000 Mal. Die Auflage liegt normalerweise bei 140.000 Exemplaren.

"Charlie Hebdo": Prozess gegen Nachdruck der Mohammed-Karikaturen
REUTERS

"Charlie Hebdo": Prozess gegen Nachdruck der Mohammed-Karikaturen

Der französische Islamrat und die Moschee von Paris hatten das Wochenblatt daraufhin wegen "öffentlicher Beleidigung einer Personengruppe wegen ihrer Religion" verklagt. Der auf zwei Tage angesetzte Prozess beginnt am Mittwoch.

Im Vorfeld haben nun Politiker, Journalisten und Wissenschaftler in einer Petition vor einer "allgemeinen Selbstzensur" gewarnt. Wenn das Pariser Blatt verurteilt werde, komme dies einer schweren Einschränkung der Meinungsfreiheit gleich, heißt es in dem am Montag in der Zeitung "Libération" veröffentlichten Schreiben von rund 50 Unterzeichnern. "Einige sagen uns heute, der geopolitische Zusammenhang solle zur Vorsicht oder gar zum Schweigen anhalten. Das Gegenteil ist der Fall. Die Meinungsfreiheit und die Laizität müssen bestätigt werden. Die, die dem Fundamentalismus Widerstand leisten, haben nichts außer einer Feder und einem Stift, um auf die Gefahren aufmerksam zu machen", heißt es in der Petition.

Zu den Unterzeichnern gehören unter anderem die aus Bangladesch stammende Schriftstellerin Taslima Nasreen, der Philosoph Bernard-Henri Lévy und die grüne Präsidentschaftskandidatin Dominique Voynet aus Frankreich sowie der Generalsekretär der dänischen Vereinigung demokratischer Muslime, Ibrahim Ramadan. Daneben unterstützen sie auch die französischen Anti-Rassismus-Organisationen SOS Racisme und LICRA, mehrere Laizismus-Vereinigungen und die Journalisten-Gewerkschaft SNJ.

Der französische Islamrat kritisiert vor allem drei Karikaturen: Eine Zeichnung, die Mohammed mit einer Bombe auf seinem Turban zeigt. Eine weitere, auf der Mohammed Selbstmordattentäter mit den Worten "Stop, wir haben keine Jungfrauen mehr auf Lager!" abhält. Und die dritte beanstandete Karikatur ist das Titelbild der "Charlie Hebdo"-Ausgabe: Der Prophet stützt den Kopf in seine Hände. Darunter die Zeile: "Schlimm, von Idioten verehrt zu werden."

"Die Meinungsfreiheit ist keine Provokation. Wir haben das Recht, die Religion zu kritisieren. Voltaire hat das getan und Goethe auch. Es ist Teil unserer Zivilisation, unseres Weltbilds, diese Kritik auch darzustellen." Mit diesen Worten bezog Phillipe Val, Chefredakteur von "Charlie Hebdo", bereits vor der Veröffentlichung der Karikaturen Stellung. "Alle französischen Zeitungen sollten diese Karikaturen veröffentlichen, um zu zeigen, dass sie das Recht dazu haben. Damit sollte die Diskussion beendet sein."

albi/afp



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