Karikaturenstreit, ein Jahr später "Lachen ist gesund"

Die Mohammed-Karikaturen, vor einem Jahr in der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten" erschienen, sorgen noch immer für Aufregung. Der verantwortliche Redakteur diskutierte jetzt mit einem Vertreter deutscher Muslime – in Washington, wo man die anstößigen Zeichnungen nur vom Hörensagen kennt.

Von Henryk M. Broder, Washington D.C.


So also sieht der Mann aus, der beinah den Dritten Weltkrieg entfacht hätte: mittelgroß, schlank, kurze angegraute Haare, dünnrandige Brille, gepflegte Hände, Oberlippenbart, ein schüchternes Lächeln – der typische Pyromane. Sein Gegenspieler dagegen könnte in jedem Thriller den erfolgreichen "corporate lawyer" verkörpern: kräftige Figur, volle schwarze Haare, schwarzer Anzug, funkelnde Augen und ein Blick, dem keine Jury und keine Feministin widerstehen möchte.

Diskutanten Mazyek, Rose: Willkommen zum Kampf der Kulturen
Henryk M. Broder

Diskutanten Mazyek, Rose: Willkommen zum Kampf der Kulturen

Willkommen zum Kampf der Kulturen! In der Copley Lounge der katholischen Georgetown University in Washington treten gegeneinander an: Flemming Rose, 48, Kulturredakteur der dänischen Tageszeitung "Jyllands-Posten", der im September vergangenen Jahres jene 12 Mohammed-Karikaturen veröffentlicht hat, die in der arabischen und islamischen Welt noch immer für Aufregung sorgen. Erst vor einem Monat wurde im Jemen ein Redakteur der Zeitung "al Rai al Aam" zu einem Jahr Haft verurteilt, weil er die Karikaturen nachgedruckt hatte.

Und Aiman Mazyek, Generalsekretär des Zentralrates der Muslime in Deutschland, ein deutscher Muslim, vor 37 Jahren in Aachen geboren und aufgewachsen, Politikwissenschaftler und Vorsitzender der FDP in Alsdorf bei Aachen. Er trat bei der Bürgermeisterwahl vor zwei Jahren für die Liberalen an und bekam 9,9 Prozent der Stimmen. Nun sollen Rose und Mazyek etwa 100 Studenten der Georgetown University und einigen älteren Gästen erklären, wie das so war vor einem Jahr, als "The Mohammed Cartoon Controversy" noch nicht ausgebrochen aber schon programmiert war.

Weder beleidigend noch verletzend

Das erste Wort hat Flemming Rose, er ist ja schließlich für die Affäre verantwortlich. "Das ist ein einmaliger Vorgang", sagt der Däne, zum ersten Mal in der Geschichte hätten Muslime darauf bestanden, dass Nicht-Muslime sich ihren Gesetzen unterwerfen und etwas unterlassen, das nach den Gesetzen des Landes weder verboten noch strafbar ist. Und dann erzählt Rose, wie alles anfing und wie es eskalierte. Dass es darum ging, für ein Kinderbuch ("Das Leben des Propheten") einen Illustrator zu finden, dass mehrere Illustratoren nur unter der Bedingung mitmachen wollten, dass sie ungenannt blieben und dass er daraufhin die Mitglieder des dänischen Karikaturistenverbandes mit der Bitte anschrieb, ein jeder sollte "den Propheten so zeichnen, wie er ihn sieht".

Die 12 Zeichnungen, die schließlich in "Jyllands-Posten" erschienen, waren weder beleidigend noch verletzend und haben auch "die Normen des normalen Benehmens" nicht überschritten, sagt Rose und fragt: "Womit haben wir es zu tun? Mit einem Zusammenstoß der Kulturen oder mit einer besonderen Form der friedlichen Koexistenz?" Und er erinnert daran, dass der Begriff von Nikita Chruschtschow geprägt wurde, als die Sowjetunion zu schwach war, um dem Westen die Stirn zu bieten und deswegen das Heil in der "friedlichen Koexistenz" suchte.

Aiman Mazyek hört zu ohne das Gesicht zu verziehen. Es ist nicht die erste Diskussion dieser Art, an der er teilnimmt, und es wird nicht die letzte sein. Er schaut ein wenig indigniert, als Rose die Ergebnisse einer Umfrage vom Mai dieses Jahres unter den 200.000 dänischen Muslimen erwähnt, wonach nur 9 Prozent der Befragten das Recht auf freie Rede für wichtiger hielten als den Schutz religiöser Gefühle, während 50 Prozent dem Schutz religiöser Gefühle den Vorzug gaben.

"Respekt vor dem heiligen Kern einer jeden Religion"

"Das ist nicht fair", wird Mazyek später sagen, "die Umfrage hat in einer aufgeheizten Atmosphäre stattgefunden". Erst einmal aber liest er ein Statement ab: Die Karikaturen hätten "Stereotypen ins Spiel" gebracht, sie seien eindeutig rassistisch gewesen. So wie früher die Juden diskriminiert wurden, würden heute die Moslems diskriminiert. Es wäre unangemessen, dem Islam eine Neigung zur Gewalt zu unterstellen. Der Ausbruch der Emotionen in den islamischen Ländern hätte auch ihn überrascht, man dürfe aber nicht vergessen: Weder in Europa noch in den USA seien dänische Flaggen verbrannt worden.

Der Dialog der Kulturen könne nicht auf eine destruktive Weise geführt werden, meint Mazyek. "Es geht nicht um die Karikaturen, es geht um die Frage, ob die Freiheit das Recht einschließt, die Religion zu schmähen". Natürlich sei auch er für Kritik und für das Recht auf freie Meinungsäußerung, aber auch "der Respekt vor dem heiligen Kern einer jeden Religion" müsse garantiert sein, sagt Mazyek, der seine Magisterarbeit über das Thema "Islam und Demokratie" geschrieben hat, und beklagt das "Geschäft mit der Dekadenz".

Jetzt ist es an Flemming Rose, die Augenbrauen zu heben. "Religionsfreiheit heißt auch, dass man Nein zur Religion sagen darf", sagt er. Man solle die Dinge nicht auf den Kopf stellen. "Die Karikaturen haben das Recht auf freie Religionsausübung nicht verletzt."

Konsequent aneinander vorbei

Rose und Mazyek sitzen nur zwei Meter voneinander entfernt, aber sie reden konsequent aneinander vorbei. Während Rose die Freiheit des Wortes und der Kunst verteidigt, besteht Mayzek darauf, dass Rassismus ein "Tatbestand" ist, der mit Freiheit nichts zu tun hat. Und er wiederholt: "Wir brauchen Kritik, wir brauchen Karikaturen, ich möchte lachen über die Muslime, Lachen ist gesund, das hat mir mein Arzt gesagt. Aber das Heilige der Religion darf dabei nicht angetastet werden, niemand soll sich beleidigt fühlen."

So findet der Kampf der Kulturen auf der Ebene des Begrifflichen statt, sehr höflich, sehr zivilisiert, wie in den USA üblich, wo es schon als aggressiv gilt, wenn man sich bei einer Diskussion ins Wort fällt. Die Amerikaner haben die "Mohammed Cartoon Controversy" aus sicherer Distanz mit einer Mischung aus Schadenfreude und Staunen verfolgt: Geschieht den Europäern recht! Haben die sonst keine Probleme? Keine wichtige Zeitung, vom kleinen aber renommierten "Philadelphia Enquirer" abgesehen, hat es gewagt, eine der Karikaturen nachzudrucken.

Auch die Diskussion in der Georgetown University, zu der das "BMW Center for German and European Studies" eingeladen hat, leidet an einem kleinen aber wesentlichen Schönheitsfehler. Von Rose und Mazyek abgesehen, hat niemand die Karikaturen gesehen. Auch nicht die junge Frau aus dem Publikum, die wissen möchte, wie viele Muslime bei "Jyllands-Posten" arbeiten würden. "Ich weiß es nicht", sagt Flemming Rose, "ich frage nicht nach der Religion, wenn ich jemanden einstelle".



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