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07. Juli 2019, 14:57 Uhr

Debatte über Karikaturen

"Der Satiriker darf erst mal alles"

Ein Interview von

Manche Zeitungen bringen überhaupt keine politischen Karikaturen mehr, Zeichner müssen jederzeit mit einem Shitstorm rechnen: Sind wir zu dünnhäutig für Witze geworden? Fragen an den Humoristen Dominik Bauer.

SPIEGEL ONLINE: Herr Bauer, Die "New York Times" will in ihrer internationalen Ausgabe keine politischen Karikaturen mehr veröffentlichen. Und gerade wurde bekannt, dass Zeitungen die Zusammenarbeit mit dem Karikaturisten Michael de Adder gekündigt haben, weil er eine kritische Karikatur über Trumps Flüchtlingspolitik veröffentlichte. Müssen sich Karikaturisten um ihre Jobs sorgen?

Dominik Bauer: Nein, bei uns sehe ich da keinen Trend. Der "Stern" hat zum Beispiel gerade mit Hannes Richert und Dorthe Landschulz zwei tolle Leute zu sich geholt. Ich denke vor allem nicht, dass Karikaturisten aus Gründen der politischen Korrektheit um ihre Arbeit fürchten müssen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielen denn die Empörungsspiralen sozialer Netzwerke für Ihre Arbeit?

Bauer: Schön ist, dass Cartoons durch soziale Medien eine neue Aufmerksamkeit bekommen. Die ernährt uns natürlich nicht, da braucht es immer noch Print- und Onlinemedien. Auf der anderen Seite kann es jetzt auch mal anstrengend werden, sich mit den Reaktionen auseinanderzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie deshalb schon mal auf einen Witz verzichtet?

Bauer: Nein. Wir verzichten nur auf einen Cartoon, wenn einer von uns ihn nicht gut findet. Wir haben übrigens von Anfang an festgelegt, dass wir darüber dann auch nicht weiter diskutieren. Keiner versucht, den anderen zu überzeugen.

SPIEGEL ONLINE: Die "Emma"-Karikaturistin Franziska Becker sah sich vergangene Woche mit großer Kritik konfrontiert: Ihre Zeichnungen über Kopftuch tragende Frauen seien rassistisch und islamfeindlich, hieß es.

Bauer: Was mich an dieser Debatte genervt hat: Sie begann gleich auf der höchsten Eskalationsstufe, also mit der Forderung, Franziska Becker solle einen Preis für ihr Lebenswerk nicht bekommen, weil sie eine Rassistin sei. Das glaube ich nicht. Aber diese drei Karikaturen über Muslima, um die es ging, hätten wir wiederum auch nicht gezeichnet - weil man sich ausdenken kann, wer sich darüber freut.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt: Es kommt nicht immer auf die Lautstärke des Applauses an, sondern auch darauf, aus welcher Ecke er kommt?

Bauer: Ich frage mich im Zweifelsfall schon mal: Könnte darüber jetzt ein Rassist lachen? Diese Umkehrprobe kann man ja machen. Und wenn die Antwort "Ja" lautet, hab ich auch keinen Spaß mehr an der Idee. Wir haben auch das Interesse verloren, uns über "Gutmenschen" lustig zu machen, seit es ein Kampfbegriff der neuen Rechten geworden ist. Man muss unterscheiden zwischen politischer Korrektheit - die Gleichbehandlung von Minderheiten ist ja eine gute Sache - und übertriebener politischer Korrektheit, die dann natürlich was Komisches hat. Aber mir ist es lieber, jemand übertreibt es mit dem Gutsein als mit dem Schlechtsein.

SPIEGEL ONLINE: Sind wir als Gesellschaft dennoch zu dünnhäutig geworden?

Bauer: Ja, den Eindruck habe ich schon. Auch bei harmlosen Witzen sollte man sich auf einen Shitstorm vorbereiten. Andererseits dürfen Karikaturisten auch nicht zu wehleidig sein, wenn sie selbst mal kritisiert werden. Man will ja Reaktionen provozieren, man übertreibt selbst sehr gerne.

SPIEGEL ONLINE: Diese Frage ist ein ewiger Allgemeinplatz, aber ich muss sie in diesem Zusammenhang stellen: Was darf Satire?

Bauer: Der Satiriker darf erst mal alles. Dann entscheidet der Chefredakteur, was Satire darf und dann entscheidet im Ernstfall nochmal der Richter, was sie darf. Wir stellen uns die Frage nie bewusst, wir verlassen uns da auf unseren inneren Kompass.

SPIEGEL ONLINE: Und bei welchen Themen schlägt der aus?

Bauer: Grundsätzlich schließen wir kein Thema aus. Aber es gilt: Je heikler das Thema, desto treffender muss der Witz sein. Zum Thema Fukushima würde ich beispielsweise keinen einfachen Kalauer machen. Das wird ziemlich sicher geschmacklos.

SPIEGEL ONLINE: Also hat Humor erstmal kein Tabu?

Bauer: Nein. Als Deutscher finde ich es schwierig, Witze über das Judentum oder Israel zu machen. Ich finde Religion generell auch erstmal unlustig. Wenn Menschen in der Kirche, Synagoge oder Moschee beten, ist das nicht lustig. Aber wenn sie in das Leben hinaustreten und andere missionieren wollen, beginnt es komisch zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Harald Schmidt soll mal gesagt haben, er mache erst Witze über jemanden ab 10.000 Euro Nettoeinkommen. Ist Satire nur gut, wenn sie Mächtige betrifft und nicht, wenn sie auf Schwache zielt?

Bauer: Ja, wahrscheinlich schon. Aber Macht ist natürlich nicht immer abhängig vom Geldbeutel. Deswegen ist auch "der kleine Mann" nicht ausgenommen von Satire.

SPIEGEL ONLINE: Was macht denn eine gute Karikatur oder einen guten Cartoon aus?

Bauer: Man sollte darüber lachen oder sich erschrecken. Oder der Betrachter sollte sich eine Frage stellen, die er sich vorher noch nie gestellt hat. Es ist schwieriger geworden, die Wirklichkeit noch zu überspitzen. Aber als Folge immer böser zu werden, wäre ja auch vorhersehbar. Es geht eigentlich eher darum, Erwartungen zu unterlaufen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie mal eine zu spitze Zeichnung bereut?

Bauer: Nein. Wir bereuen höchstens Cartoons, die nicht lustig genug waren.

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