Debatte über Karikaturen "Der Satiriker darf erst mal alles"

Manche Zeitungen bringen überhaupt keine politischen Karikaturen mehr, Zeichner müssen jederzeit mit einem Shitstorm rechnen: Sind wir zu dünnhäutig für Witze geworden? Fragen an den Humoristen Dominik Bauer.

Hauck & Bauer

Ein Interview von


Zur Person
  • Hans-Jörg Pochmann
    Dominik Bauer , Jahrgang 1978, ist Teil des Karikaturen-Duos Hauck und Bauer, das u.a. für die "FAS" und die "Titanic" arbeitet. Bauer ist für die Worte zuständig, Hauck für die Zeichnungen. Die beiden veröffentlichten früher auch bei Spiegel Online im Satirebereich "Spam".

SPIEGEL ONLINE: Herr Bauer, Die "New York Times" will in ihrer internationalen Ausgabe keine politischen Karikaturen mehr veröffentlichen. Und gerade wurde bekannt, dass Zeitungen die Zusammenarbeit mit dem Karikaturisten Michael de Adder gekündigt haben, weil er eine kritische Karikatur über Trumps Flüchtlingspolitik veröffentlichte. Müssen sich Karikaturisten um ihre Jobs sorgen?

Dominik Bauer: Nein, bei uns sehe ich da keinen Trend. Der "Stern" hat zum Beispiel gerade mit Hannes Richert und Dorthe Landschulz zwei tolle Leute zu sich geholt. Ich denke vor allem nicht, dass Karikaturisten aus Gründen der politischen Korrektheit um ihre Arbeit fürchten müssen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielen denn die Empörungsspiralen sozialer Netzwerke für Ihre Arbeit?

Bauer: Schön ist, dass Cartoons durch soziale Medien eine neue Aufmerksamkeit bekommen. Die ernährt uns natürlich nicht, da braucht es immer noch Print- und Onlinemedien. Auf der anderen Seite kann es jetzt auch mal anstrengend werden, sich mit den Reaktionen auseinanderzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie deshalb schon mal auf einen Witz verzichtet?

Bauer: Nein. Wir verzichten nur auf einen Cartoon, wenn einer von uns ihn nicht gut findet. Wir haben übrigens von Anfang an festgelegt, dass wir darüber dann auch nicht weiter diskutieren. Keiner versucht, den anderen zu überzeugen.

SPIEGEL ONLINE: Die "Emma"-Karikaturistin Franziska Becker sah sich vergangene Woche mit großer Kritik konfrontiert: Ihre Zeichnungen über Kopftuch tragende Frauen seien rassistisch und islamfeindlich, hieß es.

Bauer: Was mich an dieser Debatte genervt hat: Sie begann gleich auf der höchsten Eskalationsstufe, also mit der Forderung, Franziska Becker solle einen Preis für ihr Lebenswerk nicht bekommen, weil sie eine Rassistin sei. Das glaube ich nicht. Aber diese drei Karikaturen über Muslima, um die es ging, hätten wir wiederum auch nicht gezeichnet - weil man sich ausdenken kann, wer sich darüber freut.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt: Es kommt nicht immer auf die Lautstärke des Applauses an, sondern auch darauf, aus welcher Ecke er kommt?

Bauer: Ich frage mich im Zweifelsfall schon mal: Könnte darüber jetzt ein Rassist lachen? Diese Umkehrprobe kann man ja machen. Und wenn die Antwort "Ja" lautet, hab ich auch keinen Spaß mehr an der Idee. Wir haben auch das Interesse verloren, uns über "Gutmenschen" lustig zu machen, seit es ein Kampfbegriff der neuen Rechten geworden ist. Man muss unterscheiden zwischen politischer Korrektheit - die Gleichbehandlung von Minderheiten ist ja eine gute Sache - und übertriebener politischer Korrektheit, die dann natürlich was Komisches hat. Aber mir ist es lieber, jemand übertreibt es mit dem Gutsein als mit dem Schlechtsein.

SPIEGEL ONLINE: Sind wir als Gesellschaft dennoch zu dünnhäutig geworden?

Bauer: Ja, den Eindruck habe ich schon. Auch bei harmlosen Witzen sollte man sich auf einen Shitstorm vorbereiten. Andererseits dürfen Karikaturisten auch nicht zu wehleidig sein, wenn sie selbst mal kritisiert werden. Man will ja Reaktionen provozieren, man übertreibt selbst sehr gerne.

SPIEGEL ONLINE: Diese Frage ist ein ewiger Allgemeinplatz, aber ich muss sie in diesem Zusammenhang stellen: Was darf Satire?

Preisabfragezeitpunkt:
08.07.2019, 12:17 Uhr
Ohne Gewähr

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Bauer: Der Satiriker darf erst mal alles. Dann entscheidet der Chefredakteur, was Satire darf und dann entscheidet im Ernstfall nochmal der Richter, was sie darf. Wir stellen uns die Frage nie bewusst, wir verlassen uns da auf unseren inneren Kompass.

SPIEGEL ONLINE: Und bei welchen Themen schlägt der aus?

Bauer: Grundsätzlich schließen wir kein Thema aus. Aber es gilt: Je heikler das Thema, desto treffender muss der Witz sein. Zum Thema Fukushima würde ich beispielsweise keinen einfachen Kalauer machen. Das wird ziemlich sicher geschmacklos.

SPIEGEL ONLINE: Also hat Humor erstmal kein Tabu?

Bauer: Nein. Als Deutscher finde ich es schwierig, Witze über das Judentum oder Israel zu machen. Ich finde Religion generell auch erstmal unlustig. Wenn Menschen in der Kirche, Synagoge oder Moschee beten, ist das nicht lustig. Aber wenn sie in das Leben hinaustreten und andere missionieren wollen, beginnt es komisch zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Harald Schmidt soll mal gesagt haben, er mache erst Witze über jemanden ab 10.000 Euro Nettoeinkommen. Ist Satire nur gut, wenn sie Mächtige betrifft und nicht, wenn sie auf Schwache zielt?

Bauer: Ja, wahrscheinlich schon. Aber Macht ist natürlich nicht immer abhängig vom Geldbeutel. Deswegen ist auch "der kleine Mann" nicht ausgenommen von Satire.

SPIEGEL ONLINE: Was macht denn eine gute Karikatur oder einen guten Cartoon aus?

Bauer: Man sollte darüber lachen oder sich erschrecken. Oder der Betrachter sollte sich eine Frage stellen, die er sich vorher noch nie gestellt hat. Es ist schwieriger geworden, die Wirklichkeit noch zu überspitzen. Aber als Folge immer böser zu werden, wäre ja auch vorhersehbar. Es geht eigentlich eher darum, Erwartungen zu unterlaufen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie mal eine zu spitze Zeichnung bereut?

Bauer: Nein. Wir bereuen höchstens Cartoons, die nicht lustig genug waren.



insgesamt 42 Beiträge
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Seite 1
jemde 07.07.2019
1. Problematische Schere im Kopf
Ich finde es sehr problematisch, wenn bestimmte Dinge nicht auf's Korn genommen werden dürften, nur weil man damit der "falschen" Seite recht geben würde. In dieser Geisteshaltung kommt eine für mich unglaubliche Bevormundung der Rezipienten zum Ausdruck, die zur Spaltung der Gesellschaft beiträgt: bloß nicht einem Argument der AFD zustimmen. In unserem Leitbild einer pluralistischen Gesellschaft soll jeder seine Meinung frei äußern dürfen. Jede Äußerung wird ernst genommen und der mündige Bürger bildet sich aus dem Konzert der Meinungen dann seine eigene. Zum 100-sten Mal muss darauf hingewiesen werden, dass Religion nichts mit Rasse zu tun hat. Im übrigen habe wir uns nach den Verwirrungen des 3. Reichs doch eigentlich darauf verständigt, dass der Rasse-Begriff nicht sinnvoll auf die unterschiedlichen Menschen angewendet werden kann. Ich weiß nicht, warum jetzt alle wieder mit diesem unseligen Begriff hantieren.
TomTheViking 07.07.2019
2. Nun in Deutschland müssen sich die Karikaturisten nicht fürchten...
Die welche ich auf Spiegel und Co. sehe sind die "Politische Korrektheit" in Reinkultur. Da werden die wahren gesellschaftlichen Probleme völlig ausgeblendet und die Ursachen ins Gegenteil verkehrt. Absolut angepasstes Verhalten. Aber was soll man erwarten? Diese Leute arbeiten dann auch nicht anders als die Schreiberlinge. Am Leben vorbei nach Meinungsvorgaben. Die nicht natürlich schriftlich aber schon sehr vorformuliert sind, bzw andere kommen gar nicht zu Wort oder werden nicht eingestellt.. Kann mann es diesen "Karikaturisten verdenken? Nein... die nächste Miete und der nächste Einkauf muss schliesslich bezahlt werden. Wissen Sie, dass ganze erinnert an die Karikaturen zu DDR Zeiten in den jeweiligen Bezirksblättern der SED. Klar gab es da auch mal lustige Sachen in der Regel aber politische Propaganda die der Linientreue von heute identisch ist. Wer's mag....Der Kunde wird richten....
Europa! 07.07.2019
3. Traurige Karikaturisten
Wenn Karikaturisten demnächst dekretieren, wer alles nicht über sie lachen darf, sehen wir traurigen Zeiten entgegen. Tut mir leid, aber Herr Bauer hat weder das Wesen des Lachens begriffen, noch das zutiefst ungerechte Prinzip der Satire. Vielleicht sollte er lieber die Klappe halten und einfach nur zeichnen. Ob ich lache, werd ich dann schon sehen.
Daniel 1956 07.07.2019
4.
"Ich frage mich im Zweifelsfall schon mal: Könnte darüber jetzt ein Rassist lachen?" - Das heißt doch nichts weiter, als daß der Karikaturist selber latent rassistisch ist und er sich, mittels der dann in Anwendung kommenden Schere im Kopf, durch Selbstzensur gerade noch mal so einem 'Shitstorm' entzieht.
isar56 07.07.2019
5. Cartoons, Witze
z.B. über Juden kommen am besten aus den eigenen Reihen (Alles auf Zucker, Die Töchter des Monsieur Claude etc). Ich kenne Gehbehinderte, die Behindertenwitze erzählen, die mir im Hals stecken bleiben. Wenn F. Becker Muslimas bloßstellte, hat sie das 30 Jahre zuvor mit Müttern getan. Zu welchen Konsequenzen Cartoons führen können, zeigte sich in grausamster Weise 2015 bei charlie hebdo. 11 Menschen starben für nichts, wegen nichts. Deshalb kann und will ich diesen ..... shitstorm ( blöder Begriff) gegen Becker nicht verstehen. Außerdem zeichnete sie die Frauen sehr niedlich.
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