Margarete Stokowski

Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche Gewalt mit System

Der Papst twittert zwar von "Scham und Bedauern" - diese Reaktionen aus dem Vatikan auf die Missbrauchsfälle in Pennsylvania sind aber eine Farce. Tatsächlich ist hier niemandem an Aufklärung gelegen.
Papst Franziskus

Papst Franziskus

Foto: Max Rossi/ dpa

Mindestens 1000 Kinder sind in Pennsylvania von mehr als 300 katholischen Priestern missbraucht worden. Die Kirche hat die Täter über Jahrzehnte geschützt, ihre Taten vertuscht. In der öffentlichen Debatte tauchte der neue Bericht aus Pennsylvania eher am Rande auf, denn man hat sich daran gewöhnt: Wieder ein paar (na ja) Fälle mehr.

Der Papst oder der Roboter, der für ihn twittert, erklärte zunächst fröhlich : "Der Glaube nährt sich von der Erinnerung: wie viele schöne Dinge hat Gott für jeden von uns gewirkt! Wie großzügig ist unser himmlischer Vater!" Wenige Tage später dann doch ein Statement vom Vatikan, dass das mit dem Missbrauch natürlich alles schlimm ist, es gebe lediglich zwei Worte dafür: "Scham und Bedauern".

Scham und Bedauern, das mag auf den ersten Blick menschlich klingen, ist aber allerspätestens auf den zweiten eine Farce, wenn man bedenkt, dass da auch hätte stehen können: Mitgefühl und Solidarität mit den Opfern, sofortige finanzielle Entschädigungen, flächendeckende Präventionsmaßnahmen in allen Einrichtungen und das Versprechen, sämtliche Fälle unverzüglich so weit aufzuklären wie möglich und die Verantwortlichen, wenn sie denn noch leben, aus dem Dienst zu entfernen.

Tatsächlich hat der Papst dann aber doch mehr gesagt als zwei Worte. Die Kirche solle den Opfern zuhören, um gegen den "tragischen Horror, der das Leben der Unschuldigen zerstört" vorzugehen. Man kann davon ausgehen, dass auch der vermeintlich so lässig-weltoffene Papst Franziskus seine Worte halbwegs abwägt und sich hat beraten lassen von ganz oben und seinen Mitarbeitern.

"Tragischer Horror", das ist eine weitere Farce, denn es gibt zwar Leute, die "tragisch" synonym zu "schrecklich" verwenden (das wiederum wäre durch "Horror" schon abgedeckt), aber die eigentliche Bedeutung von "tragisch" kommt ohne Bezug aufs Schicksal nicht aus.

Gebete allein reichen nicht

Es war allerdings nicht das unvermeidbare Schicksal dieser mehr als 1000 Kinder, vergewaltigt oder anders misshandelt zu werden, und auch nicht das Schicksal von den Tausenden anderen Menschen, denen in den vergangenen Jahrzehnten von Mitarbeitern der katholischen Kirche Gewalt angetan wurde.

Ein paar Tage später schob Papst Franziskus dann noch einen längeren Brief an die Gläubigen hinterher, der sich etwas besser liest . Darin ist die Rede von den Schmerzen der Opfer und von Solidarität, das klingt sinnvoll. Aber auch von einer durch die Verbrechen entstandenen "Ohnmacht (...…) in der gesamten Gemeinschaft", und von der Idee, "mit Maria mehr im Gebet zu verharren", und das klingt schon wieder nicht so, als würde da gerade ein großer Aktionsplan geschmiedet.

Von Rechten lässt sich Gewalt durch Christen schlecht instrumentalisieren

Nach Anschlägen von islamistischen Attentätern oder anderen Fällen von Gewalt zum Beispiel in islamischen Ländern gibt es immer wieder Forderungen, die Muslime, die hier leben, mögen sich von diesen Taten distanzieren. Wenn Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche aufgedeckt werden, gibt es diese Forderung nicht.

Von Rechten lässt sich Gewalt durch Christen schlecht instrumentalisieren, weil sie sich oft selbst als christlich verstehen. Von Linken hört man zu der Frage auch nicht mehr viel, und von der Mitte ebenso wenig, vielleicht weil sie ahnt, dass da einiges in die Brüche gehen könnte: Die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche sind keine Einzelfälle und keine Zufälle, sondern Gewalt mit System.

Die katholische Kirche ist erst seit Allerneuestem gegen die Todesstrafe. Man hat sich daran gewöhnt, dass diese Institution dem gesellschaftlichen Fortschritt entweder hinterherhinkt oder ihn aktiv verhindert, aber diese Gewöhnung trägt dazu bei, die extreme Unterskandalisierung von sexualisierter Gewalt in der Kirche weiterzutragen. Es gibt Menschen, die aus der Kirche austreten, weil sie dieses System nicht mehr mittragen wollen, und es gibt Gläubige, die wütend sind und mehr Aufarbeitung fordern, aber sie sind definitiv nicht lauter als diejenigen, die sich darüber totlachen, wie Markus Söder jetzt in Behörden Kreuze an die Wand hängt. Als wäre nicht auch das ein Ausdruck davon, wie extrem weitreichend die Macht der Kirche ist, auch dort, wo sie nicht hingehört.

Das katholische System ermöglicht sexualisierte Gewalt

Die katholische Kirche ist aufgebaut wie ein sehr großes, über lange Zeit optimiertes Menschenexperiment zur Frage, wie man möglichst gut schutzlose Menschen missbrauchen kann. Es tut mir ein bisschen leid, das so hart zu sagen, und ich glaube, dass man trotzdem Respekt haben sollte vor dem Glauben einzelner Menschen, denn Religiosität ist nichts, was man Leuten an sich vorwerfen sollte.

Das System aber, das zum katholischen Glauben gehört, ist prädestiniert dafür, sexualisierte Gewalt nicht nur zu ermöglichen, sondern auch ungestraft zu lassen: Eine Sexualmoral, die menschliche Bedürfnisse auf extrem wenige lebbare Varianten beschränkt oder ganz verbietet, dazu harte Hierarchien, innerhalb derer einzelne Männer mit lächerlich viel Macht ausgestattet werden und denen gleichzeitig mitunter sehr viele Kinder und Jugendliche anvertraut werden, und zur Sicherheit noch die Möglichkeit, Vergehen zu beichten und dann guten Gewissens weiterzumachen in einem Netzwerk organisierter Kriminalität .

Seit in den vergangenen Jahren unzählige Missbrauchsfälle aufgedeckt wurden, hat sich zwar einiges verändert und verbessert. Es wurden Missbrauchsbeauftragte (eigenartiger Titel, wenn Sie mich fragen) ernannt, Hotlines eingerichtet und Entschädigungen gezahlt. Allerdings weigern sich auch immer noch Bistümer, für eine Studie der Deutschen Bischofskonferenz zur Aufarbeitung ihre Archive zu öffnen. "Es darf nicht mehr nur um den Schutz und das Ansehen der Kirche gehen", hat der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung vor Kurzem gesagt.

Um Aufklärung radikal voranzutreiben, müsste man das System umbauen

Um Ansehen geht es bei der ganzen Sache natürlich die ganze Zeit schon. Jetzt wird es kurz persönlich. Ich weiß besser, wovon ich rede, als mir lieb ist, weil der Mitarbeiter einer katholischen Einrichtung, der mich vergewaltigte, als ich gerade 16 geworden war, mich nicht so gut hätte zum Schweigen bringen können ohne das System der katholischen Kirche im Rücken. Er erklärte mir, ich dürfte nie mit jemandem darüber sprechen, weil er sofort seinen Job verlieren würde, seine Familie dann kein Einkommen mehr hätte - und in seinem katholischen Umfeld - Ehefrau, Kinder, Engagement in allen möglichen kirchlichen Dingen - wüssten dann sofort alle Bescheid.

Und tatsächlich empfand ich damals eine Art irrsinnig verkehrtes Mitleid und die Pflicht, die Klappe zu halten, für Jahre. Auch in dem Glauben, ich wäre am Ende diejenige, die bestraft würde, wenn ich sprechen würde. (Ich habe einen dieser Nachmittage und die Zeit danach in meinem Buch Untenrum frei geschildert.) Es dauerte Jahre, bis ich darüber redete und ihn anzeigte und er letztlich seinen Job verlor. Von der katholischen Einrichtung, um die es ging, gab es kein Wort der Unterstützung, lediglich die sehr formale Mitteilung des Bistums, dass der Täter nun nicht mehr dort arbeite.

Einzelne Vertreter der katholischen Kirche beteuern immer wieder, es läge ihnen viel daran, alles aufzuklären, aber es sieht offen gestanden im Großen und Ganzen nicht danach aus. Es hat in den vergangenen Jahren für die Obersten in der katholischen Kirche genügend Chancen gegeben - sprich: Tausende Fälle, die aufgedeckt wurden gegen ihren Widerstand -, die Aufklärung so radikal voranzutreiben, wie nötig wäre. Aber um das ernsthaft zu tun, müssten sie ihr ganzes System umbauen, und wenn sie jetzt von "Scham und Bedauern" sprechen, muss ich leider sagen: Ich glaube ihnen nicht.

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