Kein Aufschwung für Zeitungen Weniger Werbung, mehr Klagen

Die deutschen Zeitungen verlieren an Auflage und Anzeigen. Bei seiner Jahrespressekonferenz beklagte der Verlegerverband BDZV, dass der Wirtschaftsaufschwung an den Blättern vorbeigehe. Vor Gericht kämpfen die Medienhäuser gegen die ARD und Google.
Ganz knappes Umsatzplus: Dietmar Wolff, Geschäftsführer des Zeitungsverlegerverbandes

Ganz knappes Umsatzplus: Dietmar Wolff, Geschäftsführer des Zeitungsverlegerverbandes

Foto: Tobias Kleinschmidt/ dpa

Berlin/Hamburg - Die Zeitungsverleger dringen mit Klagen gegen Google und die "Tagesschau"-App auf eine Reform der Mediengesetze in Deutschland. Bund und Länder müssten die "ungebremste Expansion" des öffentlich-rechtlichen Rundfunks stoppen. "Es geht um die künftige Architektur des Mediensystems, in dem die Zeitungsverlage sich als wirtschaftlich und publizistisch erfolgreiche Unternehmen weiterentwickeln können", sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), Dietmar Wolff, am Dienstag in Berlin.

Die kostenlose "Tagesschau"-App nannte Wolff ein "staatlich finanziertes Presseprodukt". Solche gebührenfinanzierten Gratis-Apps seien "die Killer für ein digitales Geschäftsmodell der Presse". Acht Verlage haben vor kurzem stellvertretend für die Branche beim Landgericht Köln eine gemeinsame Klage gegen ARD und NDR eingereicht. Wolff sagte, es sei unverantwortlich, dass ein Produkt wie die "Tagesschau"-App von den Kontrollgremien nicht einmal mehr geprüft werde. Nach dem Rundfunkstaatsvertrag sei den Sendern die Internetverbreitung "nicht sendungsbezogener presseähnlicher Inhalte" verboten.

Um Chancengleichheit geht es den Verlegern auch im Streit mit Google, dem sie wettbewerbswidrige Aktivitäten vorwerfen. Zum möglichen Ausgang des Kartellverfahrens der Zeitungs- und Zeitschriftenverlage gegen Google äußerte sich der BDZV-Hauptgeschäftsführer optimistisch. Die Verlage forderten von Google ein faires Ranking der Suchergebnisse ("fair search") und einen angemessenen Teil an den Einnahmen, die Google mit Hilfe der von den Verlagen produzierten Inhalte erzielt ("fair share"). Das erstgenannte Verfahren liegt bei der EU-Kommission, das andere beim Bundeskartellamt, von dem der BDZV für den Herbst eine Einschätzung erwartet.

Gute Gesamtkonjunktur an Zeitungen vorbeigegangen

Kritik an den Klagen der Zeitungsverleger wies der Verbandsmanager zurück. "Das ist keine Nörgelei, das ist genau das, was der Staat von uns erwartet", sagte Wolff. Das Wettbewerbsrecht sehe vor, dass die Marktteilnehmer sich selbst gegen Fehlentwicklungen wehrten. "Wir sind an einem Punkt angelangt, wo Diskussion nicht weiterführt. Jetzt sind die Gerichte gefragt."

Trotz der guten Konjunktur verloren die Zeitungen im vergangenen Jahr erneut Anzeigen und Auflage, der Umsatz blieb mit 8,5 Milliarden Euro weitgehend stabil (plus 0,7 Prozent). Nach Angaben von Verbandsgeschäftsführer Jörg Laskowski entspricht dies etwa dem Niveau der neunziger Jahre, allerdings bei erheblich gestiegenen Kosten für die Verlage.

"Die allgemein durchaus erfreuliche Konjunkturlage in Deutschland ist noch nicht bei den Zeitungen angekommen", sagte der BDZV-Hauptgeschäftsführer, von der Wachstumsprognose für Deutschland von 3,3 Prozent in diesem Jahr seien sie weit entfernt, sagte Wolff.

Laut Verband sank die Auflage im vierten Quartal 2010 gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres um 2,35 Prozent. Straßenverkaufszeitungen verloren überdurchschnittlich viel (minus 4 Prozent), nur Wochenzeitungen konnten leicht zulegen (plus 0,7 Prozent).

Die Werbeeinnahmen fielen im vergangenen Jahr um 1,2 Prozent auf 3,9 Milliarden Euro. Die Vertriebsumsätze stiegen hingegen um 2,3 Prozent auf 4,6 Milliarden Euro. Damit brachte der Verkauf von Zeitungen erneut mehr ein als das Anzeigengeschäft (54 zu 46 Prozent). Früher hatten die Anzeigen etwa zwei Drittel des Umsatzes ausgemacht.

Tarifverhandlungen: Verleger geben sich optimistisch

Eine weitere Baustelle für die Zeitungsverlage betrifft die eigenen Mitarbeiter. Bei den Tarifverhandlungen für die rund 14.000 Redakteure hält der BDZV einen Durchbruch und auch eine Einigung bei den Tarifverhandlungen für möglich. Am Mittwoch findet in Berlin die achte Runde statt. Vergangene Woche habe es Bewegung und eine Annäherung der Standpunkte gegeben. Die vergangene Verhandlungsrunde sei sehr konstruktiv gewesen. "Das lässt hoffen für die nächste Runde", sagte Wolff.

Der BDZV hatte zwei jährliche Einmalzahlungen von je 200 Euro angeboten und 1,5 Prozent mehr Gehalt ab 2013. Die Gewerkschaften DJV und ver.di wiesen dies als unzureichend zurück. Sie erklärten sich zu einer Tariföffnungsklausel zur Beschäftigungssicherung bereit, wenn dafür ein Abschluss ohne generelle Verschlechterungen möglich wäre.

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) fordert nach eigenen Angaben weiter die Fortschreibung angemessener und fairer Tarifverträge, eine gesicherte Altersvorsorge und eine moderate Gehaltserhöhung. Dabei habe der Bestand der Arbeitsplätze oberste Priorität. Ferner gehe es um "den verantwortungsvollen Umgang mit dem Nachwuchs". "Dumpingbedingungen" für künftige Redakteure lehnte der DJV erneut ab.

"Wir akzeptieren keinen Billigtarif für Neue", sagte DJV-Verhandlungsführer Kajo Döhring. Der DJV geht den Angaben zufolge mit der unveränderten Position in die neue Gesprächsrunde, dass eine generelle Absenkung des Gehalts oder von Gehaltsbestandteilen nicht in Frage komme. "Den Wert des Journalismus und die Arbeitsleistung der Kolleginnen und Kollegen achten die Verleger nicht, wenn sie an ihren Forderungen festhalten", sagte Döhring.

In den vergangenen Wochen hatten die Redakteure mit Warnstreiks die Verlage dazu gezwungen, Zeitungen wie etwa die "Süddeutsche Zeitung" mit dünnen Notausgaben auf den Markt zu bringen.

feb/dpa/dapd/Reuters
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