Kennedy-Mord "Nur einer konnte überleben"

Der ARD-Dokumentarfilm "Rendezvous mit dem Tod" enthüllt neue Details über die Ermordung des US-Präsidenten John F. Kennedy. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht Regisseur Wilfried Huismann über seine Recherche, die ihn auf der Spur der Oswald-Hintermänner nach Kuba führte.


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Herr Huismann, der US-Regisseur Oliver Stone hat in seinem Film "JFK" das Attentat auf John F. Kennedy als Komplott des militärisch-industriellen Komplexes und der Mafia interpretiert. Sie verfolgen eine andere Spur - und die führt nach Havanna, zum kubanischen Geheimdienst. Muss Stone einen neuen Film drehen?

Filmemacher Huismann: "Das ist kein Rachefeldzug"
WDR

Filmemacher Huismann: "Das ist kein Rachefeldzug"

Huismann: Nein. Er hat den Film "JFK" gedreht, um sich am amerikanischen Establishment zu rächen. Oliver Stone hatte seine Freude daran, Politik zu machen und die öffentliche Meinung massiv zu beeinflussen. Und das hat er auch erreicht.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst waren früher ein Linker, haben eine Zeitlang mit Kuba sympathisiert. Ist Ihr Dokumentarfilm Ihre Art der Abrechnung?

Huismann: Das ist kein Rachefeldzug. Ich habe kühl und sehr politisch die Logik der sechziger Jahre analysiert. Es war ein Duell zweier Rivalen - Kennedy und Castro - die sich ähnlich waren: jung, leidenschaftlich und auch arrogant. Dieser Konflikt musste fast zwangsläufig in einer Tragödie shakespeareschen Ausmaßes für einen von beiden enden. Der politische Mord ist so angelegt: Nur einer kann überleben. Und überlebt hat Fidel Castro. Eine der ersten Aktionen des Kennedy-Nachfolgers Lyndon B. Johnson war ja, die verdeckten Aktionen der USA gegen Kuba einzustellen.

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JFK-Ermordung: Schüsse, die die Welt veränderten
SPIEGEL ONLINE: Robert Kennedy, der jüngere Bruder des Präsidenten, soll Ihrem Film zufolge mindestens acht Mal die Ermordung von Castro veranlasst haben. Warum gerade er?

Huismann: Vielleicht, weil er als kleinerer Bruder die Demütigungen, die die Kubaner den USA erteilten, besonders schmerzhaft empfand - etwa die gescheiterte Invasion der Exilkubaner in der Schweinebucht. In einem Brief an seinen Bruder John hat er davon gesprochen, dass man nicht vergeben dürfe. Robert Kennedy war von Rachegelüsten besessen.

SPIEGEL ONLINE: Und Castro?

Huismann: Castro war wohl eher kühl und berechnend. Er hat den Kennedys sogar Warnungen zukommen lassen. Nach dem Motto: Passt auf, sonst passiert euch dasselbe.

SPIEGEL ONLINE: Was war der Auslöser für Ihre Beschäftigung mit dem Kennedy-Mord?

Huismann: Anlass war eine Begegnung mit James Hosty, der als Special-Agent des FBI den Attentäter Lee Harvey Oswald vernahm.

SPIEGEL ONLINE: Dieses Verhör ist immer wieder in Frage gestellt worden, weil das Aufnahmegerät damals defekt war.

Huismann: Richtig. Es gibt viele Erinnerungen an die Vernehmung. Hosty zufolge war Oswald nach der Tat kühl, geradezu arrogant. Erst als Hosty ihn fragte, was er zwei Monate vor dem Attentat in Mexiko gemacht habe, sei Oswald regelrecht zusammengesackt. Da habe er, Hosty, gewusst, die Spur führt dorthin. Zwei Jahre nach diesem Treffen mit Hosty habe ich eine erste Reise nach Mexiko unternommen - damit fing das Verhängnis an.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Kronzeuge ist ein ehemaliger Agent des kubanischen Geheimdienstes, Oscar Marino. Er lebt in Mexiko und erklärt in Ihrem Film, Oswald sei ein Instrument gewesen. Muss Marino nun um sein Leben fürchten?

Huismann: Ich glaube nicht, dass die kubanische Staatssicherheit heute so reagiert. Marino hat 1979 den kubanischen Geheimdienst verlassen. Sein letzter Job war die sandinistische Revolution in Nicaragua, wo er den dortigen Geheimdienst mit aufgebaut hat. Er ist dann nicht mehr nach Kuba zurückgekehrt und hat sich aus allem rausgehalten. Er lebt als Geschäftsmann und pendelt zwischen mehreren Ländern Lateinamerikas.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie Marino für glaubwürdig?

Huismann: Wir haben lange miteinander gesprochen. Er sieht sich noch heute als Linken und er hat mir selbst gesagt, dass er den Tod von Kennedy nicht bereut. Denn für ihn bedeutete Kennedy den Tod der Revolution. Das glaubt er heute noch.

SPIEGEL ONLINE: Marino hat sich erst kurz vor Ende der Dreharbeiten zu einer Aussage vor der Kamera bereit erklärt. Warum?

Huismann: Er hatte mir die Fragen schon zuvor schriftlich beantwortet. Auch ohne sein Erscheinen vor der Kamera wäre der Film zu Ende gebracht worden. Große Angst vor einer Bestrafung hatte Marino nicht, obwohl er das mit seiner Aussage verbundene Risiko letztlich auch nicht einschätzen kann. Bislang haben Deserteure des kubanischen Geheimdienstes Details ihrer früheren Tätigkeit nicht preisgegeben, weil es lebensgefährlich sein kann. Vielleicht tat er es auch, weil er ein alter, kranker Mann ist und es wichtig findet, sein Geheimnis nicht ins Grab mitzunehmen. Im Übrigen - keiner meiner Zeugen erhielt Geld von uns.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben den früheren kubanischen Abwehrchef, General Fabian Escalante, mit Ihren Recherchen konfrontiert. Er soll, so geht es aus einem von Ihnen präsentierten US-Dokument hervor, am 22. November 1963 in Dallas auf einem Privatflughafen gewesen sein.

Huismann: Escalante ist eine sehr interessante Figur. Er hat mehrere Bücher über den Kennedy-Mord geschrieben, gilt als kubanischer Spezialist. Er behauptet, mehrere Schützen hätten auf Kennedy gefeuert, und hat zu einem früheren Zeitpunkt auch Namen genannt. Ich habe ihn nun damit konfrontiert, aber jetzt weicht er aus: Man wisse nicht, ob das Japaner oder Chinesen waren. Allein daran merkt man, dass seine ganzen scheinwissenschaftlichen Veröffentlichungen Nebelkerzen waren, die in Richtung USA geworfen und dort begierig von den Verschwörungstheoretikern aufgesogen wurden.

SPIEGEL ONLINE: Im Film macht er sich über Ihre Vorhaltungen lustig.

Huismann: Ich glaube, der Zuschauer spürt, dass Escalante die harte Linie des Leugnens schon verlassen hat - weil er weiß, dass ich einige harte Fakten habe. Seine Taktik ist jetzt, kumpelhaft zu sein und Späße zu machen. So sagt er zum Beispiel, man wisse noch nicht einmal, ob die Amerikaner auf dem Mond waren, woher solle er denn wissen, ob er am 22. November in Dallas gewesen sei.

SPIEGEL ONLINE: Was glauben Sie: War Escalante in Dallas?

Huismann: Das weiß ich nicht. Er kann als Beobachter dort gewesen sein. Er kann da gewesen sein, um einen Rettungsplan für Oswald zu organisieren. Denn Oswald ist ja geflüchtet in die Arme eines Polizisten, den er dann erschossen hat. Oswald, das weiß man, war auch in der Nähe einer Busstation, wo ein Bus zu diesem Flughafen fuhr. Es kann aber auch alles Zufall sein.

SPIEGEL ONLINE: Warum hat die US-Regierung die kubanische Spur nicht öffentlich gemacht?

Huismann: Lyndon B. Johnson war eng befreundet mit dem CIA-Stationschef in Mexiko, Win Scott. Ich weiß aus vielen Gesprächen mit ehemaligen CIA- und FBI-Mitarbeitern, dass Scott eine Menge über Oswalds Bewegungen in Mexiko wusste. Die kubanische Botschaft in Mexiko war verwanzt. Von allen, die das Gebäude betraten, gibt es ein Porträtfoto, aufgenommen von einer hochauflösenden Kamera. Nur von den Tagen, als Oswald dort auftauchte, gibt es gar nichts mehr. Angeblich ist alles verschwunden. Aber Win Scott sah diese Fotos, zwei, drei andere haben sie auch gesehen. Mit Sicherheit hat er mit Johnson nach dem Attentat telefoniert und ihm einige Details über Oswalds Verbindung zu den Kubanern geschildert. Und das war offenbar genug für Johnson, um in Panik zu geraten. Er hatte Angst, dass er den Preis für das Kuba-Abenteuer der Kennedys bezahlen musste, die ihn ohnehin immer wie Dreck behandelt hatten. Er hat sich mit Robert Kennedy auf die Linie verständigt: Oswald war ein Einzeltäter, es gibt keine Verschwörung.

SPIEGEL ONLINE: Sie zeigen, verdeckt, einen Mitarbeiter des heutigen russischen Geheimdienstes FSB. Der berichtet von einem Fund im russischen KGB-Archiv, einem Telegramm aus dem Jahr 1962, in dem der Vize-Chef des sowjetischen Geheimdienstes die Kubaner auf Oswald hinweist. Oswald gilt ja als schillernde Figur. In den Fünfzigern hatte er zwei Jahre lang in der Sowjetunion gelebt, dort geheiratet, und war mit seiner Frau in die USA zurückgekehrt. Dort versuchte er offenbar, Anti-Castro-Organisationen beizutreten. Vieles bleibt bis heute unklar. Hat sich Ihr Bild von Oswald verändert?

Huismann: Sehr stark. Aber nicht, weil ich wollte, dass er in die Logik hineinpasst. Es gibt Aussagen seiner Frau, seines Bruders, Observationsprotokolle des KGB, seine eigenen Tagebücher - alles zusammen ergibt das Bild eines Linksradikalen, der schon sehr früh, im Alter von 15 Jahren, von der Beseitigung der kapitalistischen Ordnung in den USA träumte. Sein Verhältnis zu Kennedy war ambivalent, auch das ist belegt. Zum einen hat er ihn wegen dessen Einsatzes für die Bürgerrechtsbewegung geschätzt, ihn wegen dessen Anti-Castro-Politik aber gehasst. Das war seine Achillesferse - und das haben die Kubaner ausgenutzt.

SPIEGEL ONLINE: Oliver Stone hat in seinem Film die Theorie mehrerer Schützen vertreten und sich gegen die Einzeltäter-These der Warren-Kommission gewandt. Sie haben diesen ganzen Streit, der noch heute die USA beschäftigt, im Film weggelassen.

Huismann: Verschwörungstheoretiker glauben an irgendetwas. Deshalb kann ich sie mit meinem Film auch nicht überzeugen. Ich habe darauf verzichtet, auf alle diese Theorien einzugehen, und bin zu dem Schluss gekommen, dass durch die Auswertungen der jüngsten Zeit - neuen ballistischen und sonstigen Untersuchungen - die Warren-Kommission Recht hatte: Oswald allein hat geschossen. Das hat übrigens auch eine KGB-interne Untersuchung festgestellt. Das Problem der Warren-Kommission war, dass sie den Ablauf, aber nie das Motiv untersucht haben.

SPIEGEL ONLINE: Erhoffen Sie sich Reaktionen aus den USA auf Ihren Film?

Huismann: Ja. Der Mord ist auch heute noch ein schweres Trauma. Die Amerikaner fragen sich, warum eine solche Lichtgestalt umkommen musste.

SPIEGEL ONLINE: Der "Stern" hat 1983 im Zusammenhang mit den Hitler-Tagebüchern davon gesprochen, die Geschichte müsse neu geschrieben werden. Die Tagebücher entpuppten sich dann als Fälschung. Gehen Sie so weit zu sagen, die Geschichte des Kennedy-Mordes müsse neu geschrieben werden?

Huismann: Nein. In einem Kapitel muss etwas umgeschrieben werden. Absurderweise könnte meine Interpretation dazu führen, dass die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft, die vor allem der Stone-Film ausgelöst hat, ein Stück weit überflüssig wird. Insofern wird es spannend sein, welche Wirkungsgeschichte der Film auslöst.

SPIEGEL ONLINE: Müssen Sie befürchten, jetzt nicht mehr nach Kuba einreisen zu können?

Huismann: Es wäre schade, wenn ich die Insel nicht mehr besuchen könnte. Vielleicht sagen sie aber auch: Ja, es war so, und wir konnten nicht anders. Aber so, wie Castro tickt, wird es eher darauf hinauslaufen, meinen Film als Desinformationskampagne darzustellen.

Das Interview führte Severin Weiland



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