Kennedy-Museum in Berlin Ein Bild von einem Mann

Er ist Deutschlands attraktivster Berliner, immer noch, selbst nach über 40 Jahren. Konsequent also, wenn in der Hauptstadt ein Kennedy-Museum eröffnet wird, das Mr. President als politischem Mythos huldigt.

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Berlin - Jackie Kennedy watet durchs Wasser, an ihrer Hand die kleine Tochter, ihre Hosen haben sich bis zu den Knien mit Wasser vollgesogen. Die First Lady lacht. Daneben John F. Kennedy und seine Frau bei der Amtseinführung Kennedys, er in Schwarz, sie elegant in Weiß. Ein Foto weiter: JFK als nachdenklicher US-Präsident, gekonnt an der Kamera vorbeischauend. Dann Kennedy mit Willy Brandt und Konrad Adenauer vor dem Brandenburger Tor in einer Limousine.

Insgesamt 110 Fotos - alles Originale - hängen im neuen Museum "The Kennedys", das morgen am Pariser Platz in Berlin eröffnet wird und den Aufstieg einer Dynastie nacherzählen will - von den Kennedy-Vorfahren, die aus Irland nach Amerika kamen, bis zum Aufstieg JFKs zum Präsidenten der Vereinigten Staaten im Jahr 1961.

Bestechend klar und eindringlich dokumentieren die Aufnahmen berühmter Fotografen wie Andy Warhol und Robert Frank das Leben der Kennedyfamilie - Situationen, in denen die Grenzen zwischen Privatem und Politischem verschwimmen. Zu sehen ist, wie John F. zwischen Vater- und Präsidentsein changiert - Rollen, die er perfekt zu spielen wusste.

Die Wahrheit ist immer auch eine Inszenierung, eine Illusion, die gestaltet werden muss: Mit sicherem Instinktiv nutzte Kennedy die Medien für das politische Geschäft. Er war der erste US-Präsident, der einen eigenen Fotografen ins Weiße Haus holte, ihn rief, wenn seine Kinder gegen Abend in sein Büro kamen und unter dem Schreibtisch spielten oder die Tochter ein Pony, das vor dem Weißen Haus stand, streichelte. "Mit der Präsidentschaft Kennedys hat Politik begonnen, sich ganz neu zu inszenieren", sagt Andreas Enges, Kurator des neuen "The Kennedys"-Museums.

Die Fotos zeigen das Leben eines Mannes und seiner Familie, dessen gewaltsamer Tod nicht nur ein nationales Trauma, sondern auch einen Mythos schuf. "Was noch hätte sein können - dieser Gedanke fasziniert viele an den Kennedys", so Etges. Die Politaristokraten als Helden einer Zukunft, die sich niemals erfüllen würde und in die ein Volk seine Hoffnungen projizieren konnte.

Gewalt und Verbrechen ziehen sich als Leitmotive durch die Familiengeschichte der Kennedys. John F. und sein Robert, amerikanischer Justizminister und Senator wurden ermordet, JFKs Sohn starb bei einem Flugzeugabsturz. Dazu komplementär der Glamour der Hautevolee, das inszenierte Glück der Privilegierten: Stilikone Jackie immer voller Anmut an der Seite ihres Mannes, die Kinder grundsätzlich glücklich, Figuren eines bürgerlichen Idylls.

Im Zeichen der "FROINT-schaft"

Aber nicht nur Fotos sollen die Zuschauer zurückschicken in das Amerika der sechziger Jahre- die Berliner Ausstellung zeigt auch Dokumente, Skizzen, Wahlkampfbroschüren und persönliche Papiere aus der Amtszeit Kennedys. Eines ist für alle Berliner von besonderem Interesse: Kennedys Aufzeichnungen vor seiner berühmten Berliner Rede vor dem Schöneberger Rathaus am 26. Juni 1963. In der unteren Ecke eines Papiers prangt in unordentlicher Schrift, noch nicht übersetzt: "I am a Berliner".

Dazu Amüsantes wie die Begrüßung, die Kennedy auf Deutsch an die Berliner richtete und die ihm in Lautsprache aufgeschrieben wurde: "ish FROY-er mish in bear-LEAN zu zine, Ish bin DANK-bar fear done HAIRTS-liche empFONG, done zee mere eeba-ALL ba-WRY-tet hobben. (Soll heißen: "Ich freue mich in Berlin zu sein, ich bin dankbar für den herzlichen Empfang, den sie mir überall bereitet haben"). Und weiter: Er hoffe "die FROINT-schaft svishen DOICHlant oont ah-May-ree-cay VIE-tar sue festigen."

Das Manuskript hat John F. Kennedy vermutlich aus einer Hermès-Korokodillederaktentasche gezogen - die neben der Anleitung zur Charme-Offensive in Berlin in einer Glasvitrine ausgestellt ist. John F. soll die Tasche jahrelang benutzt haben, der Henkel wurde mehrmals genäht, seine Sekretärin packte Morgen für Morgen die persönlichen Dokumente hinein. Auch am 22. November 1963 hatte er sie dabei - an jenem Tag, als er in Dallas ermordet wurde.

Neben Tasche und Aufzeichnungen liegt Kennedys persönlicher Talisman - als Katholik trug er das Konterfei von Papst Pius XII stets bei sich. Und weil hinter jedem großen Politiker auch eine "schöne Frau" stehen müsse, wie JFKs Neffe Anthony Kennedy Shriver vor der Eröffnung des Kennedy Museums in Berlin anmerkte, wird auch ein Schatz von Jackie gezeigt: Ein schwarzer Pillbox-Hut, den sie trug als Bundeskanzler Konrad Adenauer 1961 die USA besuchte.



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