Kerkeling bei "Maybrit Illner" Die La-Ola-Welle des Glaubens

Eine göttliche Idee war's ja: Den Spaßmacher und Glaubenssucher Harpe Kerkeling in ein Gespräch über Religion zu verwickeln. Der Künstler jedoch gab sich bierernst mit seiner Spiritualität - wie gut, dass eine fröhliche Theologin Stimmung machte.
Von Reinhard Mohr

Unter dem ebenso launigen wie anspielungsreichen Titel "Ich bin dann mal gläubig – die neue Sehnsucht nach der Spiritualität" wurde in der letzten Sendung des Jahres, über die Gretchenfrage diskutiert. Nein, nicht über Hartz IV, Kurt Beck und die soziale Gerechtigkeit, sondern über das letzte Ding an sich: "Wie hältst du’s mit der Religion?"

Um gleich mit der Bibel ins Haus zu fallen: Es war eine der lustigsten und fröhlichsten Sendungen des Jahres, in der sich selbst der einzige Ungläubige in der Runde, Gregor Gysi, zur moralstiftenden Rolle der Kirche bekannte und sich ausdrücklich verbat, als antireligiöser "Heide" bezeichnet zu werden.

Wie es die unerforschlichen Wege des Herrn wollten, sorgte die 80-jährige Theologin Uta Ranke-Heinemann, vehemente Papstkritikerin und erprobte Krawallschachtel Gottes, am meisten für himmlisches Gelächter und irdische Fröhlichkeit, während der Komödiant Hape Kerkeling ungewohnt ernst blieb. Dabei war sein Selbsterweckungsbuch einer wandernden Gottesfindung "Ich bin dann mal weg", das mit mehr als zwei Millionen verkauften Exemplaren erfolgreichste Sachbuch der Nachkriegsgeschichte, der Anlass dieser Diskussion, die Maybrit Illner ihrerseits außergewöhnlich beschwingt leitete.

Man staunte dennoch ein wenig, dass Kerkeling, bei dessen Auftritten sonst kaum ein Auge trocken bleibt, ganz aufrichtig bekennt: "Erst habe ich mich gefunden, und dann habe ich Gott gefunden." So sei seine Wanderung über den Jahrtausende alten Jakobsweg zum "tiefen spirituellen Erlebnis" geworden. Wie ansteckend es war, zeigte sich in den Buchhandelsketten und Bestsellerlisten.

Wiedergeburt? Nicht schon wieder!

Also muss da was sein. Eben ein Bedürfnis nach "Nähe zu Gott", das die Kirchen allein nicht befriedigen. Gern wird ein bisschen Buddhismus und Wiedergeburt hinein gemischt. Das aber bringt Uta Ranke-Heinemann, der wegen obstinater Katechismus-Kritik vor vielen Jahren schon die Lehrerlaubnis entzogen wurde, auf die Palme: "Wenn ich Wiedergeburt höre, lege ich auf!" Gerade weil sie "weiß, dass es Gott gibt", will sie sich nicht beschummeln lassen – weder von der "Unfehlbarkeit" des Papstes und seinen Enzykliken mit Befehlscharakter noch vom Zeitgeist eines neuen alten Spiritualismus, der gerne alles glaubt, wenn er nur glauben darf.

Bernhard Bueb, gleichfalls Bestsellerautor, Pädagoge und Theologe, brachte es auf den Punkt: Die europäische Aufklärung des 18. Jahrhunderts, jener Prozess der Säkularisierung, der bis heute andauert, hat die Gottesfurcht, die Ehrfurcht vor Gott, weitgehend abgeschafft. Nur wenigen war es vergönnt, sich selbst an dessen Stelle zu setzen. Nietzsches "Übermensch" einer moralischen Selbstermächtigung des freien Individuums blieb Wille und Vorstellung.

So kam es zum transzendenten Autoritätsverfall, zum ewigen "Hadern mit Gott", ja, zu seiner Negation. Am Ende der Theodizee-Debatte blieb der "liebe" Gott, zu dem man auch mal in der Badewanne beten darf, damit der Kopfschmerz nachlässt. Angst hat man vor dem Schmerz, nicht vor Gott. "Aber wer glaubt schon an den lieben Gott", den man nicht zu fürchten hat, fragte Bueb und gab gleich selbst die Antwort: "Wir brauchen die Kirche als Autorität."

56 Prozent der Deutschen glauben an Wunder, und wir unterstellen mal, dass es dabei nicht um 30-prozentige Gehaltserhöhungen geht, sondern eher um Spontanheilungen, nachdem der Chef gefeuert wurde. Gregor Gysi glaubt nicht an Wunder, sondern an Glaubensfreiheit. An die Freiheit zu glauben oder eben nicht. Dennoch glaubt Gysi nicht nur an die Bergpredigt und die Notwendigkeit des "institutionellen Konservativismus" der Papstkirche jenseits des gesellschaftlichen Zeitgeists, sondern auch daran, dass "nur noch die Kirchen Moralnormen formulieren können". Aber was, bitte schön, ist mit Kant? Voltaire? Diderot? Von Marx zu schweigen, für den Religion das "Opium des Volkes" war?

Haltegriff des Glaubens

Dass dem Ich das göttliche Du fehlt, der erlösende Messias, war Konsens in der adventlichen Talkshow-Runde, doch stets blieb der säkulare Zweifel präsent, die Ablehnung aller Absolutheitsansprüche. Und jener unerhörte Zwiespalt, den Theodor W. Adorno und Max Horkheimer die "Dialektik der Aufklärung" genannt haben, die ewige Wiederkehr von Mythen und Metaphysik als Folge des Versuchs, sie radikal zu entzaubern.

Je freier das Individuum ist, desto ungeschützter ist es den Fragen nach Sinn und Zweck ausgesetzt, nicht zuletzt nach einer wärmenden Gemeinschaft. So greift es am Ende doch wieder zum Haltegriff des Glaubens, erst recht in Momenten des Irrewerdens an der Wirklichkeit. Moderne Hiobs sind wir alle, gläubig Ungläubige und ungläubig Gläubige. Bernhard Bueb formulierte es prägnant: "Säkularisierung ist Ethik ohne Religion." Wir fügen hinzu: Religion ohne die Einflüsse der Säkularisierung hat keine Autorität. Auch nicht in Fragen der Ethik.

Wer das alles nicht mit einer guten Prise Humor und Sarkasmus nimmt, ist selber Schuld. Und die Bibellektüre nicht vergessen. Das empfahlen alle. Und sei es nur der Bildung wegen.

Zu gerne hätten wir gewusst, was Horst Schlämmer aus Grevenbroich von alldem hält. Vermutlich hätte er gebrummt: "Weisse Bescheid, Schätzelein ..."

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