Homophobie-Vorwürfe gegen Kevin Hart Selbst schuld?

Vor Jahren riss Kevin Hart homophobe Witze, jetzt kosten sie ihn die Oscar-Moderation. Der Fall zeigt: Der Shitstorm kennt kein differenziertes Menschenbild - sondern nur Opfer. Willkommen im totalitären Netz!

Kevin Hart
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Kevin Hart

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Nun hat es also Kevin Hart erwischt. Weil er zwischen 2009 und 2011 homophobe Witze riss, musste der Komiker und Schauspieler als Oscar-Moderator zurücktreten. Interessengruppen ohne Fehl und Tadel stöberten entsprechende Tweets auf, warfen den ersten Stein - und pusteten den Komödianten per Shitstorm ins Aus.

Twitter schläft nicht. Das Internet vergisst nichts. Das ist bekannt. Wer heute etwas werden will, egal wo, der lösche schleunigst - nein, nicht seinen Account, das wäre ja Selbstmord! - alle seine Äußerungen in den sogenannten sozialen Netzwerken, die älter sind als, sagen wir, sechs Monate.

Die Gefahr, dass sich darunter etwas Toxisches verbirgt, ist einfach zu groß. Es wäre sogar ungewöhnlich, wenn sich nicht etwas finden ließe, das sich gegen seinen Urheber verwenden ließe. Die Suche nach Belastungsmaterial, ganz gleich von welcher Seite, ist 2018 zu einem echten Volkssport geworden.

Bei Kevin Hart war es die linksliberale LGBTQ-Community, die den Mann für untauglich erklärte, die größte Party des linksliberalen Hollywood zu moderieren. Bei Regisseur James Gunn ("Guardians of The Galaxy") war es eine rechte Website, die ihn zu Fall brachte. In teilweise bis zu zehn Jahre alten Tweets soll er sich über Vergewaltigung und Pädophilie lustig gemacht haben. Daraufhin entzog ihm sein Arbeitgeber Disney den Auftrag für "Guardians of The Galaxy Vol.2".

Ähnlich erging es Sarah Jeong, als sie von der "New York Times" als Redakteurin für Technologie verpflichtet wurde. Die Expertin für Cybercrime und Trollwesen stürzte über Tweets, in denen sie sich angeblich abfällig gegenüber weißen Menschen geäußert hatte - ermittelt, versteht sich, von rechten Trollen.

Wehe, das findet einer

Nun ist Twitter eine praktische Sache. Man kann damit eine Supermacht regieren, Finanzmärkte in Turbulenzen versetzen, exklusive Nachrichten raushauen, die eigene Fangemeinde bei Laune halten, Haiku publizieren, das eigene Ego aufwerten, Rebellionen in der arabischen Welt zum Erfolg führen und Gewalt gegen Frauen ein Ende setzen. Es ist aber eben auch - ein Nachrichtendienst.

Erstens ist alles Digitale taub für Uneigentlichkeit. Ironie funktioniert in der Netzöffentlichkeit nicht. Was sich schon so weit rumgesprochen hat, dass heute kaum eine Mail mehr rausgeht, ohne dass den Empfänger am Ende ein kindisches Smiley anzwinkert. Sicherheitshalber. Als Angebot, es gegebenenfalls nicht ganz ernst zu nehmen.

Fataler ist, zweitens, dass soziale Netzwerke jeden Kontext eliminieren. Twitter bewahrt alles Gesagte für alle Zeiten - und kassiert den Zusammenhang, in dem es gesagt wurde. Und wehe, das einst Gesagte findet einer. Dann bist du erledigt. Dann erhebt sich, drittens, nämlich der Shitstorm.

Das Problem ist nicht die Filterblase

Es ist ja nicht so, dass Sacco, Hart oder Gunn irgendwelche Vorwürfe gemacht werden. Ein Vorwurf ist etwas, zu dem man Stellung nehmen, zu dem man sich verhalten und vielleicht sogar erklären kann. Der Shitstorm hat kein Interesse an einer Stellungnahme - eigene Statements konnten Kevin Hart deshalb auch nicht mehr helfen. Denn der Shitstorm will nur, dass sein Opfer sich duckt. Wenn es sich erhebt, um etwas vorzubringen, bekommt es die Scheiße eben direkt ins Gesicht. Selbst schuld!

Das Problem ist nicht die Filterblase. Schützengräben gibt es schon so lange, wie es unterschiedliche Meinungen gibt. Problematisch ist nicht ihre Abgeschlossenheit, sondern gerade die Transparenz der Blasen.

Früher konnte ich nicht wissen, was im Kopf meines Gegenübers vorgeht, was mein Bäckereifachverkäufer oder meine Lieblingsschauspielerin so alles über Schwule oder Schwarze denkt. Heute will jeder Quatsch, jeder erbärmliche Gedankensumpf in Echtzeit rausgepustet werden. Auf Twitter kann ich den Meinungen anderer Leute selbst dann nicht entgehen, wenn sie mir völlig fremd sind.

Faszinierendes Regime der Überwachung

Jeder Gedanke ein Angebot, aufgebracht zu sein. Wir leben im Zeitalter der permanenten Moralisierungsmobilmachung. Du hast etwas gesagt, was sich anders sehe? Fight! Beängstigend an diesem Mechanismus der Erregung ist eben das Mechanische. Es erregen Menschen sich naturgemäß allzu gerne.

In Vergessenheit gerät darüber - neben der Vernunft und der Höflichkeit - sogar die Zeit selbst. Was X vor zehn Jahren sagte, das kann ihm von Y heute mühelos vorgehalten werden, damit Z das wirklich, wirklich schlimm findet. Kassiert wird neben dem Kontext auch der kuriose Gedanke, dass Menschen sich ändern können im Lauf einer Zeit, die sich ganz gewiss ändert. "Man lebt, man wächst", hatte Hart in einer Stellungnahme geschrieben. Für einen Gedanken wie diesen ist in einem tendenziell totalitären Jetzt aber kein Platz mehr.

So installiert sich unter unseren Augen, beinahe von selbst und seiner inneren Logik folgend, ein Regime der Überwachung.



insgesamt 75 Beiträge
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Seite 1
pablocremer 08.12.2018
1. Danke
für diesen Beitrag. Der beste Kommrntar zu diesem Thema, insbesondere der Schlußsatz.
m82arcel 08.12.2018
2.
Diejenigen, die darauf hinweisen, was jemand vor längerer Zeit ja unbedingt in die Öffentlichkeit tragen musste, als "Regime der Überwachung" hinzustellen, finde ich ein bisschen bedenklich. Es ist ja niemand gezwungen, einen Dienst wie Twitter zu nutzen, der eine Aussage, nicht zuletzt durch die Zeichenbegrenzung, jeglichen Kontextes beraubt. Und ja, das was man sagen kann, ohne Widerspruch zu erhalten, ändert sich im Laufe der Zeit. Aber seine Aussage "Eine meiner größten Ängste ist, dass mein Sohn erwachsen wird und schwul ist." hätte ich auch 2010 schon für kritikwürdig befunden. Wenn man dann noch, kurz nach dem die Aussage ausgegraben wurde, twittert, man werde sich eben nicht für die früher getätigten Aussagen entschuldigen, nutzt es auch nichts, zurück zu rudern, wenn man feststellt, dass dies die eigene Karriere negativ beeinflusst. Denn dann hat man bereits bewiesen, dass man sich eben nicht entwickelt hat. Und daran ist dann auch kein "Regime der Überwachung" schuld.
ekel 08.12.2018
3. Kein Journalismus
Was hier betrieben wird ist kein Journalismus. Der Artikel ist schlecht, nicht lesenswert und einige Sachen sind schlichtweg falsch. Dass sich (seriöse) Zeitungen in Deutschland gegen den Vorwurf der Fake-News wehren müssen liegt auch an solchen Texten, in welchem SPON mal wieder Halbwahrheiten verbreitet. 1. Disney wusste schon vor Gunns Einstellung von seinem kruden Humor und seinen Tweets. Er wurde jedoch erst entlassen, als der Shitstorm kam. 2. Wenn nicht James Gunn bei Guardians of the Galaxy Regie geführt hat, warum steht dann sein Name auf dem Filmplakat? Es geht um GotG 3. 3. Ich kenne ihren Fall nicht, aber hemand, der als "Expertin für Cybercrime und Trollwesen" über alte rassistisch-sexistische Tweets "stürzt" ist für den Job wohl ungeeignet. Ich nehme auch keine Flugstunden bei jemandem, dessen drei letzten Landungen in Crashs endeten. 4. Dass das "linksliberale Hollywood" niemanden einstellt um seine "größte Party" zu moderieren, der nicht nach den eigenen Regeln spielt ist weder etwas neues noch verwundert es. Natürlich will man unter sich bleiben, ich lade meine rechten Freunde ja auch nicht zum Toten Hosen-Konzert ein. 5. Es ging bei Kevin Hart nicht nur um Witze, sondern auch um Aussagen welche deutlich machen, dass er Homosexualität abneigend gegenüber stand. Das war kein Scherz, sondern eine Einstellung, das ist ein großer Unterschied. 6. Von Hart wurde verlangt, sich zu entschuldigen, was er ablehnte. Erst im selben Tweet, in welchem er seinen Rücktritt bekannt gab tat er es doch. Das hätten Sie erwähnen müssen. Allgemein mal wieder ein sehr schlechter Artikel.
dailymelody 08.12.2018
4.
Niemand ist verpflichtet seine Meinung im Netz kundzutun. Wenn man etwas in die ganze Welt hinausposaunt, muss man sich nicht wundern wenn mal was zurückkommt. Und als Person des öffentlichen Lebens, würde ich da noch viel mehr drauf achten. Überwachung würde bedeuten, dass etwas das nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist, beobachtet wird. Twitter ist aber die Öffentlichkeit.
ty coon 08.12.2018
5.
Das ist die digitale Justiz der asozialen Medien: heutzutage kann jeder öffentlich fertiggemacht werden, ganz ohne Gerichtsverfahren. Das Urteil steht von vornherein fest: Zerstörung der Reputation, außerdem lebenslanges Berufsverbot. Twitter ist das, was im Mittelalter einmal der Pranger war. Stell dir vor, es ist Twitter, und keiner geht hin.
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