Kilians Kolumne Georges Gruselriege und die privatisierte Umwelt

Wenn George W. Bush sich im Urlaub vor saftigen Bäumen fotografieren läßt, wirkt das beinahe wie ein Abschied. Die originelle Umwelt- und Privatisierungspolitik der Republikaner macht weder vor dem Staatsforst noch vor dem Grand Canyon Halt.

Von Martin Kilian


Naturdenkmal Grand Canyon: Größte Konjunkturankurbelung der Geschichte
AXEL SEIFERT

Naturdenkmal Grand Canyon: Größte Konjunkturankurbelung der Geschichte

W. bleibt weiterhin unsichtbar, ein urlaubendes Phantom im dornigen Gestrüpp des texanischen Buschs. Natürlich befremdet seine lange Abwesenheit. Er wird doch nicht ins Ozonloch gefallen sein? Meine amerikanischen Freunde beginnen sich Sorgen über meine Sorgen zu machen.

Prompt riefen sie daher an, als Bush auf einem Ausflug von Crawford nach Colorado gesichtet wurde. Endlich! Da war er, wie aus dem Ei gepellt, eingerahmt von Wählern, Leibwächtern und den Rocky Mountains. Ein durchaus einträglicher Ausflug ins doppelte Grüne: Mittags Berge gesammelt, abends in Denver republikanische Spendendollars. Ansonsten hieße es Abschied nehmen in Colorado: Einmal noch die Natur elegisch besingen, bevor Bagger und Bohrtürme angesetzt werden zur Entschlackung der Erde. Denn Entschlackung nach Dr. Kneipp ist insgesamt gesund, auch entlüften Bohrlöcher die Erde, entziehen ihr Hitze und mindern so die Erderwärmung.

Ganz schön durchgeknallt, sagen Sie? Von wegen: Die Umwelttheorien republikanischer Granden mögen konfus sein, ihre Originalität freilich steht außer Frage. Dick Nixon ließ im Washingtoner Extremsommer die Klimaanlage auf vollen Touren laufen und dazu im offenen Kamin ein Feuer machen, damit es so richtig kuschelig im August weihnachtete. Und es war Ronald Reagan, der Bäume beschuldigte, sie verpesteten die Luft - ein durch und durch profundes Argument für den Kahlschlag. W. ist diesbezüglich sensibler, eher ein Verfechter der Methode Potemkin: Vorne, wo Kameras draufhalten, stehen Bush und Bäume, dahinter steht nichts mehr. Die Kreissägen dröhnen. Die Äxte scheppern. Endlich hätte das große republikanische Jahrtausendwerk der Privatisierung die geschützten Staatsforste erreicht.

Am liebsten würden die Betonköpfe der Partei auch das Weiße Haus privatisieren. Sie müssten lediglich ein Inserat aufgeben ("Suite mit ovalem Büro und Luftabwehrraketen") und schließlich an Holiday Inn verkaufen, damit W. bald wieder die Steuern - diesmal für die Wirtschaft - senken kann. Die Privatisierung der Umwelt jedenfalls hat begonnen. Dafür wird die Horrortruppe von Staatssekretären und minderen Chargen sorgen, der in Bushs Justiz- und Innnenministerium künftig der Umweltschutz obliegen soll. Eine veritable Freakshow ehemaliger Lobbyisten für Gas und Öl, für Kohle und Rinderbarone, für Holzfäller und Luftverschmutzer setzt zum Marsch durch die Washingtoner Institutionen an und macht dabei ganz frech auf Franz von Assisi.

Umweltpolitiker Bush: Methode Potemkin
AP

Umweltpolitiker Bush: Methode Potemkin

Zudem haben W.s Mannen endlich ihr Herz für die Dritte Welt entdeckt. Dem Vernehmen nach wollen sie einen Vertrag kippen, demzufolge es verboten ist, Giftmüll dorthin zu verschiffen. Endlich Business für Burkina Faso, lautet die Devise. Wo es nichts zu versilbern gibt, darf zumindest verquecksilbert werden. Auch die Hersteller von Schneemobilen können aufatmen; man will ihre Produkte wieder in diversen Nationalparks zulassen. Der Lärm? W. ist das egal. Er wird nicht im Yellowstone Park an einem Bach sitzen, Henry David Thoreau lesen und in Ohnmacht fallen, wenn himmlische Ruhe plötzlich dem Röhren von Schneemobilen weicht. Wenn Trommelfelle platzen und Infarkte einsetzen, weil der Eindruck entsteht, nordkoreanische Interkontinentalraketen schlügen ein und der Schutzschirm sei mal wieder nicht richtig aufgespannt gewesen.

Nein, statt im Yellowstone wird Bush im Weißen Haus ruhen, sich über die kleine Shampoo-Packung vom Holiday Inn freuen, die neuen Handtücher, worauf ebenfalls Holiday Inn steht, und intensiv an einem Bündel Dollarscheine aus den Koffern der Schneemobil-Lobby schnuppern. Und Thoreau würde er sowieso nie lesen. Ein Wirrkopf sondergleichen, dieser Thoreau. Keinen Sinn für shareholder value. Residierte an einem Teich und hatte nicht einmal ein Rennboot wie Vater Bush.

Viele meiner lieben amerikanischen Mitbewohner finden das alles derart furchtbar, dass sie noch ein letztes Mal den Grand Canyon besuchen wollen, ehe Bushs Gruselriege über den Graben herfällt und ihn zuschüttet. Ihnen rufe ich mehrmals täglich tröstende Worte zu. Denn gegen die Auffüllung des Grand Canyons ("größte Konjunkturankurbelung der Geschichte, Keynes ohne Wenn und Aber") steht die Joseph-von-Eichendorff-Fraktion der Demokratischen Partei. Tom Daschle, demokratischer Mehrheitsführer im Senat, und Dick Gephardt, demokratischer Minderheitsführer im Repräsentantenhaus - beide Deutschamerikaner! Mutig werden sie Ws. Umweltfrevel entgegentreten. Über allen Wipfeln ist Ruh!

Wird trotzdem abgeholzt, trüge nicht Bush Schuld, sondern Goethe. Weil er uns einen ausgesprochenen Schmarrn gedichtet hätte.



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