Kilians Kolumne Operation Entstaubung

George W. Bush ist auch nur ein Typ wie jeder andere - leider. Während sich seine Amtsvorgänger als regelrechte Hipster gerierten, ist mit W. kein Pop-Staat zu machen. Immer nur Afghanistan befreien und böse Achsen beschwören ist auf die Dauer ja auch langweilig, weshalb der Stab seinen Präsidenten jetzt an der Triangel ausbildete. Neulich war Premiere im Weißen Haus...


Präsident Nicht-so-hip: Lauter in Neon gefasste Fragezeichen
AFP

Präsident Nicht-so-hip: Lauter in Neon gefasste Fragezeichen

Bei George W. Bush und seinen Unterlingen ist vom Valentinstag leider nichts zu spüren. Statt Amore gibt es Krieg. Tagtäglich werden meine amerikanischen Nachbarn und ich von neuen Terror-Bedrohungen schockiert. Bushs Knecht Ruprecht, der schneidige Justizminister John ("I Love Jesus") Ashcroft, ist der Ober-Angstmacher. Apocalypse Now, Baby! Vielleicht steckt dahinter System. Als Kriegspräsident ist W. 2004 schließlich unschlagbar. Und die Kongresswahlen 2002 sehen, so lange Krieg tobt, ebenfalls glänzend aus für Bushs Republikaner. "Machen Sie sich nichts vor!", sagt Bush andauernd. Was meint er nur? Ich mache mir jedenfalls nichts vor.

Vor allem, seit ich weiß, dass W. eigentlich keine Ahnung hat, was hier zu Lande abgeht. Er scheint die letzten 20 Jahre in einem Feelgood-Ghetto der amerikanischen Oberschicht verbracht zu haben. Hält das Musical "Cats" für ganz großes Theater. Und sein Lieblingsschauspieler ist Chuck Norris. Wie bitte? Dieser Chuck Norris kann nicht mal Frankenstein spielen; als einzigen mimischen Ausdruck lässt er den Bizeps seines rechten Arms hüpfen. Woher ich um diese Abgründe weiß? Sie tun sich in einem neuen Buch über W. auf, geschrieben von einem Reporter der "New York Times". Dort heißt es auch, Bush habe nicht gewusst, wer Leonardo DiCaprio sei. Außerdem wird W. als netter, aber etwas oberflächlicher Typ beschrieben. Am schlimmsten: Er steht auf den Käsesnack "Cheese Doodles" - ein ekliges Zeug.

Rapper Snoop Dogg: "Ja wie? Sie? So!?"
DPA

Rapper Snoop Dogg: "Ja wie? Sie? So!?"

Insgesamt ist W. also ein Mann wie Sie und ich. Nur dass wir, Sie und ich, vielleicht wissen, wer Snoop Doggy Dogg ist. Oder Sum 41 oder O-Town oder Slipknot. W. hingegen hat keine blasse Ahnung von Pop. Doris Day, Alicia Keys, The Strokes, Dean Martin: Für W. lauter in Neon gefasste Fragezeichen. Lieber futtert er Käse-Doodles und befreit Afghanistan. Eine erhebliche Lücke tut sich hier auf. Bushs Vorgänger waren nämlich regelrechte Hipsters: Jimmy Carter schwor auf die Allman Brothers. Ronald Reagan missverstand zwar Bruce Springsteens "Born in the USA", kannte aber Frank Sinatra und Hollywood. Und Bill Clinton erst! Ich flüstere nur leise und bedeutungsschwanger: Barbra Streisand. Big Bills Weißes Haus war die reinste Club-Szene.

Mit W. hingegen ist kein Pop-Staat zu machen. Was seine Berater zunehmend stört. Big Bill wurde schließlich zweimal gewählt, weil er so funky war. Er dudelte sogar auf einem Saxofon. Bush jedoch spielte bislang nichts. Weshalb ihn der Stab insgeheim über Monate an einem Instrument ausbilden ließ. Und neulich die Premiere anberaumte. Dem Vernehmen nach wurde Snoop Dogg zu einer Studiosession ins ovale Büro eingeladen. Des festlichen Anlasses wegen ("Operation Entstaubung") trug W. ein maßgeschneidertes Outfit von Fubu. Hosen, so breit wie der Potomac. Sneakers für drei Riesen. Ohne Schnürsenkel. Dafür Goldkette. Ein Tattoo auf dem rechten Unterarm ("Axis of Evil"). Snoop soll erstaunt gewesen sein. "Ja wie? Sie? So!?", stammelte der Rapper angeblich.

Hipster Bush: "Axis of Evil"
REUTERS

Hipster Bush: "Axis of Evil"

W. legte sofort los. Total authentisch. "Tha", rappte er, bevor er den Rest des Textes vergass. Dann folgte eine lange Diskussion über die Ästethik poststrukturalistischen Liedguts. Endlich begann die Session. Ws. Mitarbeiter hatten sein Instrument bereitgestellt: Eine silbern schimmernde Triangel! Wow! Schon nach sechs Sekunden explosivster Triangel-Soli wollte sich das Weiße Haus aus seiner Verankerung reissen. Gewaltig ging es ab im ovalen Büro! Snoop rappte, W. schlug die Triangel, bis sie bing! flüsterte. Dann bearbeitete er das Instrument mit den Füssen. Bing! bing! machte es. Die Szene rockte! All right, daddy!

Allein die rhythmische Komponente - ein Leckerbissen! Nur Käse-Doodles schmecken besser. Polyphoner Triangelismus. Elvin-Jones-Sequenzen. Der späte Coltrane klang durch. Ringo Starr rein nichts dagegen. Ginger Baker: Nichts. Gottlieb Baptist Schlegels Scherzo für vier Pauken, achtzehn Trommeln und ein Bongo - nichts. Das Weiße Haus vibrierte und schepperte von Ws. ätzend-klirrendem Triangel-Sound. Acid Bing. Gangsta Bong. Snoop rappte. Bing! fiel W. wieder ein. Bong! donnerte es. Dann ein geradezu libidinöser Höhepunkt, ein Orgasmus der metallenen Art - ein Triple: Bing! bing! bing! Eine totale Gaga-Bravura-Performance!

Vier Stunden dauerte die Session. Und bald kommt die CD in den Handel! Ab März in Ihrem Fachgeschäft. "Snoop'n Prez: 2be4me4prez". Welche Poesie! Man möchte selbst eine Triangel zur Hand nehmen!



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