Kippenberger-Ausstellung Tausche Kunst gegen Gespräch

In St. Georgen im Schwarzwald zeigt die Sammlerfamilie Grässlin über den ganzen Ort verteilt und in ihrem privaten Kunstraum Arbeiten von Martin Kippenberger. Der Künstler pflegte sich in dem beschaulichen Städtchen von seinen Ausschweifungen zu erholen.

Immer "auf der Höh" seien die knapp 13.700 Einwohner von St. Georgen im Schwarzwald, sagt Bürgermeister Wolfgang Schergel, weil sie "zwischen 800 und 1000 Meter über dem Meeresspiegel wohnen". Und zu Recht sei St. Georgen stolz auf sein kulturelles Angebot, von der Jugendmusikschule bis zur privaten Kunstsammlung Grässlin. Technikbegeisterten empfiehlt Schergen noch die Phonosammlung im Rathaus. Die zeigt den Besuchern, dass die Firma Dual früher, genau gesagt bis 1981, hier rund 3000 Menschen Arbeit gegeben hat. Nun stehen die Werkhallen leer. Auch viele der kleinen Feinmechanik-Unternehmen haben nach der Globalisierung schließen müssen.

Vor drei Jahrzehnten haben Dieter und Anna Grässlin mit ihrer Sammlung begonnen, nach dem frühen Tod von Dieter Grässlin sammelte seine Frau Anna weiter, und irgendwann in den achtziger Jahren waren alle vier Kinder involviert. Als Kollektiv, denn Entscheidungen für den Kauf einer neuen Arbeit werden einstimmig gefällt. 1500 Werke von rund 40 zeitgenössischen Künstlern wie Isa Genzken, Georg Herold, Mike Kelley, Martin Kippenberger, Albert Oehlen, Cosima von Bonin, Clegg & Guttman oder Tobias Rehberger sind so zusammengekommen.

Seit 1995 werden sie in den "Räumen für Kunst", so heißen die leerstehenden Ladenlokale, Schaufenster, Fabriken und Verwaltungsgebäude der Sammlung, für jedermann sichtbar ausgestellt. Jedes Jahr wird die Schau aus den Beständen der Sammlung gewechselt, jedes Jahr gibt es kleine Aufregungen. Dieses Mal beschwerte sich der Trachtenverein über den gelben Bollenhut auf dem Katalog – der müsse schließlich rot sein – und ein Einwohner rebellierte gegen ein Bild von Mike Kelley, auf dem ein verfassungsfeindliches Symbol zu sehen sei.

Andererseits führen Schüler aus St. Georgen durch die Ausstellungen, und Eigentümer bieten ihre leerstehenden Läden kostenlos an. Seit die Grässlins 2006 mitten in der Stadt den "Kunstraum Grässlin" – eine Kunsthalle mit Lagerraum und dem angeschlossenen Restaurant "Kippy" – bauten, steht St. Georgen auf dem Reiseplan von Sammlern, Kuratoren, Galeristen und Kunstinteressierten, besonders zur Zeit der nahen Messe Basel. Die ist gerade zu Ende gegangen, nicht aber die Ausstellung in St. Georgen. Die heißt dieses Jahr "Martin Kippenberger" in den Räumen für Kunst und "Schon wieder Kippenberger" im Kunstraum.

Kippenberger in St. Georgen, das ist etwas ganz Besonderes. Nicht nur, dass die Grässlins die wahrscheinlich größte Sammlung seiner Kunst besitzen, sie waren auch mit Kippenberger eng befreundet. 1980 bis 1981 und von 1991 bis 1994 lebte und arbeitete er in St. Georgen und erholte sich von Alkohol und Nachtleben. Nicht immer natürlich. Wenn er dann ausging im Städtchen, brauchte er Gesellschaft. Sabine Grässlin, gelernte Köchin und heute Besitzerin des Restaurants "Kippy", hat ihn oft begleitet, und einen Teil ihrer eigenen Kippenberger-Sammlung hat sie seiner gnadenlosen Überredungskunst und seiner Angst vorm Alleinsein zu verdanken.

Denn immer, wenn sie nach Hause wollte, bot Kippenberger ihr ein Viertel Bild für eine weitere Stunde ihrer Gesellschaft. Es müssen viele Stunden gewesen sein und viele Vormittage, die sie leidend bei ihm am Herd stand. Zu seinen 40. Geburtstag lud Kippenberger seine Freunde in den Schwarzwald ein und kuratierte in allen zur Verfügung stehenden Räumen Ausstellungen mit eigenen Werken aus der Sammlung Grässlin und Arbeiten von Freunden. Daran knüpft die jetzige Schau in St. Georgen an, in der auch Kunst von seinen Weggefährten gezeigt wird.

Am besten man beginnt den Rundgang im Kunstraum mit seinen Malerei-Serien und einigen großen Installationen wie "Jetzt geh ich in den Birkenwald, denn meine Pillen wirken bald" von 1990. Dann zieht man mit dem Plan in der Hand durch St. Georgen, in die Bahnhofstraße 64a beispielsweise. Multiples, Zeichnungen und Plakate von Kippenberger sind zu sehen, dazu Arbeiten von Reinhard Mucha und Mark Dion. Weiter geht es mit Kippenberger im Heimatmuseum, im "Süßen Eck", im Möbelhaus Finkbeiner, in der Sparkasse und im Plenarsaal des Rathauses. Dort hängt die Malerei-Serie "Bekannt durch Film, Funk, Fernsehen und Polizeinotrufsäulen" von 1981. Lediglich die Arbeiten in den Privathäusern von Anna und Sabine Grässlin sind nach besonderer Absprache zu besichtigen, die meisten Werke aber sind von außen zu betrachten, oder die Räume sind samstags und sonntags ab mittags geöffnet.


St. Georgen. Kunstraum Grässlin: "Martin Kippenberger". Räume für Kunst: "Schon wieder Kippenberger". Bis 4.1.2009, Sa., So. 12_18 Uhr. Telefon 07724/859 82 97, ( www.sammlung-graesslin.eu ).

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