Klima-Benefizspektakel Live Earth Madonna, Al Gore und eine Kiste Sprudel

Sing' mir den Kohlendioxid-Blues: Dutzende Stars werden am Samstag bei den weltumspannenden "Live Earth"-Konzerten auftreten. Doch im Vorfeld gibt es Ärger. Greenpeace kritisiert, dass ausgerechnet DaimlerChrysler die Klima-Gala sponsert. Ist das smart?


Hamburg - Am Samstag ist globale Showtime: 24 Stunden lang dauert das Live-Earth-Spektakel. Der Musikmarathon, ein Projekt der Klimaschutz-Allianz SOS ("Save our Selves"), zieht sich über alle Kontinente: Das erste Konzert beginnt in Sydney um 5 Uhr MESZ, das letzte um 21 Uhr am Strand der Copacabana in Rio. Dort wird das Konzert nun doch stattfinden, wie die Richter, am Donnerstag entschieden Zunächst sollte das Spektakel aus Sicherheitsgründen abgesagt werden.

In Hamburg eröffnet Shakira um 14 Uhr die Gala. Und selbst das kleinste Konzert der Reihe wird aufgezeichnet und übertragen: Auf der Antarktischen Halbinsel spielen fünf Wissenschaftler Indie-Rock für ihre 17 Kollegen.

Aber dass ausgerechnet der Konzern DaimlerChrysler die Show unterstützt, erzürnt jetzt die Umweltschützer von Greenpeace. Denn im Rahmen der Konzerte betreibt Smart den Shuttle-Service für alle Künstler und Prominenten.

Live Aid, Live 8 und nun Live Earth: Benefizkonzerte sind en vogue. Erklärte Absicht der Veranstalter ist, Menschen weltweit zu sensibilisieren - für Afrika, für eine gerechtere Globalisierung und nun für den Kampf gegen die Erderwärmung. Allerdings könnte das inszenierte Gutmenschentum erneut Gefahr laufen, als Werbefläche missbraucht zu werden. In der Vergangenheit war Organisatoren von Mammut-Hilfskonzerten wie Bob Geldof und Bono vorgeworfen worden, ihre Weltretter-Pose als Statussymbol zu missbrauchen, um ihre Fangemeinde zu ködern. Mit der Sponsoring-Debatte tritt nun ein neuer Kritikpunkt auf den Plan: Wenig scheinen die Ziele von Life Earth auf den ersten Blick mit den Interessen der Industrie gemein zu haben. Und doch ist eine Kooperation mit globalen Konzernen offenbar kein Widerspruch - und zwar für die Durchsetzung der angestrebten Ideale.

In einer Meldung auf den Internetseiten von DaimlerChrysler begrüßte der SOS-Gründer, Musikproduzent Kevin Wall, die Marke Smart als offiziellen Sponsor seiner Initiative: "Ich freue mich, mit Smart einen starken Partner an Bord zu haben, der bereits große Schritte im Kampf gegen die globale Erderwärmung unternommen hat. Gemeinsam können wir Milliarden von Menschen zeigen, dass wir bereits über Technologien mit geringen CO2-Emissionen verfügen." Diese Technologien leisteten einen wichtigen Beitrag dazu, die weltweiten Klimaschutzziele zu erreichen, sagte Wall.

Stars schälen sich aus Kleinwagen

Benefizkonzert-Reihe Live Earth am 07.07.2007: 24 Stunden-Musikgala für den Klimaschutz weltweit.
SPIEGEL ONLINE

Benefizkonzert-Reihe Live Earth am 07.07.2007: 24 Stunden-Musikgala für den Klimaschutz weltweit.

Das Engagement des Konzerns für klimaverträglichere Wagen erscheint ehrenwert: Warum 2 Liter Benzin verbrauchen um 1 Liter Milch zu kaufen? Mit dieser Frage präsentiert sich der DaimlerChrysler-Ableger im Internetauftritt der Live-Earth-Organisatoren. Die Werbung gilt dem "smart fortwo", der nach Konzernangaben mit 88 Gramm pro Kilometer die weltweit niedrigsten CO2-Emissionswerte vorweisen könne.

"Nicht mal der Smart ist umweltfreundlich", sagte dagegen der Greenpeace-Klimaexperte Thomas Breuer im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, bedenke man, dass er nur maximal zwei Leute und einen Wasserkasten transportieren könne. Der Benefiz-Gala verleiht dies jedenfalls eine gewisse Komik: Wenn sich die Aktivisten-Stars aus den Kleinwagen schälen statt aus glamourösen Hybrid-Karossen, wird das sicher nicht nur zum Umdenken, sondern auch zum Schmunzeln anregen. Gleichzeitig liegt es nahe, dem Konzern seine werbende Absicht vorzuwerfen.

DaimlerChrysler solle keine Konzerte sponsern, das sei "reine PR", moniert Breuer, sondern wirklich etwas für die Umwelt tun und den Flottenverbrauch senken - dieser sei ausschlaggebend für die Greenpeace-Kritik an dem DaimlerChrysler-Sponsoring, erklärte der Experte. Der durchschnittliche CO2-Ausstoß der DaimlerChrysler-Flotte liege bei 186g/km und damit weit über der Selbstverpflichtung der Automobilindustrie zu einem Wert von 140g/km. Gegen einen weiter gehenden EU-Vorstoß sei die gesamte Automobilindustrie Sturm gelaufen. EU-Umweltkommissar Stavros Dimas hatte gefordert, dass der Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) bei europäischen Neuwagen von heute etwa 160 Gramm bis zum Jahr 2012 auf 120 Gramm pro Kilometer sinken solle.

Kritik am Flottenverbrauch

Der Pressesprecher von DaimlerChrysler, Christoph Horn, sagte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, das Unternehmen erkenne die Sorge um den Klimaschutz voll an. Nur sei diese noch nicht bei allen Kunden angekommen, die Ansprüche an Kraftwagen seien nach wie vor sehr unterschiedlich. "Wir versuchen, den CO2-Ausstoß beständig zu verringern und geben jedes Jahr 1,4 Milliarden Euro aus, um den Flottenverbrauch zu senken." Der Smart sei als Vorreiter einer geringen Kohlendioxid-Produktion ein Aushängeschild für den Klimaschutz in der Automobilindustrie.

Live-Earth-Initiatoren Kevin Wall und der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore: Ist Klimabenefiz mit der Automobilindustrie als Sponsor paradox?
AFP

Live-Earth-Initiatoren Kevin Wall und der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore: Ist Klimabenefiz mit der Automobilindustrie als Sponsor paradox?

Greenpeace jedenfalls hat eine Beteiligung an der Planung des Konzerts in Hamburg am Samstag abgelehnt, wie die Nachrichtenagentur ddp meldete. Mit Sponsoren aus dem Bereich der erneuerbaren Energien wäre der Aufruf zum Kampf gegen die Klimaerwärmung glaubwürdiger gewesen, sagte Breuer der Agentur. Grundsätzlich hält der Experte es aber für eine gute Idee, mit Konzerten auf den Klimawandel aufmerksam zu machen. Dies könne viele Menschen nachdenklich stimmen und den einen oder anderen zum Handeln anregen.

Breuer forderte die Live-Earth-Organisatoren auf, einen möglichst großen Teil der Ticketerlöse für Umweltschutzprojekte einzusetzen. Besonders förderungswürdig wäre eine nachhaltige Energieversorgung in den ärmsten Regionen der Welt, etwa per Solarzellen oder Windenergie, sagte er.

Künstler wie Madonna, Jennifer Lopez und die Red Hot Chili Peppers verzichten bei dem Projekt des ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore - er selbst wird beim Konzert in New York dabei sein - auf Gagen. Erklärtes Ziel des Umweltaktivisten Gore ist es, die Menschen weltweit dazu zu bringen, den Ausstoß an klimaschädlichem Kohlendioxid bis zum Jahr 2050 um 90 Prozent zu senken.

Für das Konzert in Hamburg wurden bislang nur rund die Hälfte der mehr als 45.000 Karten verkauft. Indes verschenkt die Hamburg Tourismus GmbH zur Hotelübernachtung mit Frühstück für 69 Euro zusätzlich Karten für das Spektakel im "Live Earth Package", um den Erfolg der Aktion zu garantieren. Der wäre ihr zu gönnen, sonst könnten böse Zungen bald spotten: Stell dir vor, wir feiern den Klimaschutz, und niemand fährt hin - außer Madonna und Al Gore im Smart mit einer Kiste Sprudel.

insgesamt 138 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
M@ESW, 05.07.2007
1.
Zitat von sysopDutzende Stars treten bei den weltumspannenden Live-Earth-Konzerten auf - ein weiteres Rock-Spektakel, das global Menschen für politische und soziale Probleme sensibilisieren soll. Aber was bringen solche Events? Können sie ihre Ziele erreichen? Oder bleibt am Ende nur der Entertainment-Faktor?
Für 99% der Besucher nur das und nicht mehr. Für 99% der auftretenden Stars ebenfalls. Vom Benefizkonzert beim G8 Gipfel habe ich gehört wie die Stars, nachdem sie gegen den Hunger in Afrika gesungen haben, sich auf der Aftershowparty am reichhaltigen Luxusbuffet vollgefressen haben (und Journalisten das Fotografieren dieser Fressorgie nach dem Anti-Hunger-Auftritt verboten wurde)
Merry, 05.07.2007
2.
meiner Meinung nach ist das doch alles eine riesen Heuchelei. Die Stars, die hier gegen Erderwärmung singen, verpuffen doch alle ein x-faches an Energie, als ihre Fans. Und sie werden ihren Lebensstil, bis auf ein paar Alibi-Übungen auch nicht ändern. Man will einfach ein guter Mensch sein und ist dann "gegen Umweltverschmutzung", "gegen Armut", "für den Frieden". Irgendwie kindisch, lächerlich, oder halt eben ein heuchlerischer Selbstbetrug, bei dem einen oder anderen vielleicht sogar eiskalt berechnete Businessstrategie. Heute ächzt man gegen die Abzocker in den Manageretagen, man wäre erstaunt wenn ausgerechnet diese Superverdiener ein Event gegen die Armut durchführen und dabei Bilder von Mutter Theresa ausstellen würden. Aber Leute wie Madonna zocken mehr ab, sind noch reicher und tun genau das. Ich glaube nicht, dass dadurch ein Gramm weniger CO2 in die Welt kommt, aber bestimmt werden wir wieder Tausende Menschen mehr haben, die sich zu den Guten zählen werden, nur weil da mitgefeiert haben.
RobWe, 05.07.2007
3.
Zitat von sysopDutzende Stars treten bei den weltumspannenden Live-Earth-Konzerten auf - ein weiteres Rock-Spektakel, das global Menschen für politische und soziale Probleme sensibilisieren soll. Aber was bringen solche Events? Können sie ihre Ziele erreichen? Oder bleibt am Ende nur der Entertainment-Faktor?
Spaß für die Anwesenden und eine Beruhigung für das eigene schlechte Gewissen. Wenn darüberhinaus noch jemand zu Nachdenken angeregt wird ist das schon eine ganze Menge und mehr kann man m. E. auch gar nicht erwarten.
Polymorph, 05.07.2007
4.
Zitat von sysopDutzende Stars treten bei den weltumspannenden Live-Earth-Konzerten auf - ein weiteres Rock-Spektakel, das global Menschen für politische und soziale Probleme sensibilisieren soll. Aber was bringen solche Events? Können sie ihre Ziele erreichen? Oder bleibt am Ende nur der Entertainment-Faktor?
Es wird nicht nur sensibilisiert, es wird sogar eine bizarre Art von Erlebensgemeinschaft geschaffen. Die dritte Welt leidet sich, wir amüsieren uns zu Tode. Das Gute daran: ein paar dekadente Unterhaltungskünstler können Ihr schlechtes Gewissen erleichtern. Hat doch was...
XoldeuropeX 05.07.2007
5.
Ich bin der gleichen Meinung wie Merry: diese Konzerte sind eine riesen Umweltsauerei: sogenannte Stars werden mittels hohem Kerosinverbrauch durch die Weltgeschichte geflogen, zehntausende von Besuchern werden einen riesen Müllberg hinterlassen und dann natürlich noch die Energie, die beim Betreiben der Bühnen freigesetzt wird. Diese ganze Veranstaltung steht dermaßen konträr zu dem eigentlichen Ziel das es weh tut. Hier in Hamburg haben sie bsiher kaum Karten abgesetzt und ich freue mich darüber; ich hoffe ernsthaft das die Live Earth-Veranstaltung ein Riesenflop wird.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.