Klimavertrauen Warum wir vom Klimawandel wissen und trotzdem nicht handeln

Wir haben ein grundsätzliches Vertrauen in die Stabilität des Klimas - Starkregen halten wir für eine Ausnahme. Dabei bringt dieses Vertrauen die Stabilität gerade in Gefahr. Ein folgenreiches Paradox.

Extremwetter: Überschwemmung in Spanien
Ramon/ AFP

Extremwetter: Überschwemmung in Spanien

Ein Gastbeitrag von Nico Stehr und Amanda Machin


Wie jüngste Umfragen in Deutschland hinreichend bestätigen, ist die Erderwärmung ein Thema, das viele Bevölkerungsschichten zunehmend beunruhigt. Die Risiken der Klimaveränderung sind von hoher politischer Bedeutung, und der Klimaschutz trifft auf breite Unterstützung. Gleichzeitig ist die Bereitschaft in der Bevölkerung, ihr alltägliches Verhalten zu verändern, eher gebremst. Eine Erklärung für den scheinbaren Widerspruch ist das verbreitete Klimavertrauen der Menschen.

Während der Amtszeit des New Yorker Bürgermeisters John V. Lindsay (1966 bis 1973) wurde seine Stadt im Februar 1969 von einem außergewöhnlich starken Schneefall (Blizzard) heimgesucht, der das Leben in New York City weitgehend zum Stillstand brachte. Die Bewohner beschwerten sich natürlich lautstark bei der Regierung der Stadt und wollten dringend wissen, was die Stadt zu tun beabsichtige, um die Gefahren und die Behinderungen des Alltags durch die Schneemassen zu lindern. Es geht die Legende, dass Lindsay bloß cool geantwortet haben soll: "Gott gab uns den Schnee, und er wird ihn uns auch wieder nehmen." Zudem hat die nächste Generation der Bevölkerung New Yorks das Extremereignis des Jahres 1969 mit seinen den Alltag demobilisierenden Unannehmlichkeiten schon wieder vergessen.

Das Vertrauen in die Stetigkeit des Klimas, das von einem großen Teil der Bevölkerung geteilt wird, führt schon heute und kann in Zukunft zu massiven Konflikten von Klimafolgen und Klimaschutz führen. Der Diskussionsverlauf über die Einführung einer CO2-Steuer oder höhere Energiepreise ist nur das jüngste Beispiel dieses einschneidenden Gegensatzes zwischen der gesellschaftlichen und politischen Anerkennung der Gefahren des Klimawandels und den Zweifeln an geeigneten Klimaschutzmaßnahmen.

Zu den Autoren
  • Privat
    Amanda Machin hat den Lehrstuhl für Internationale Politikwissenschaft an der Universität Witten/Herdecke inne. Nico Stehr war bis Sommer 2018 Karl-Mannheim-Professor für Kulturwissenschaften an der Zeppelin Universität, Friedrichshafen.

Es ließe sich argumentieren, dass es gerade im Fall der globalen Erwärmung darauf ankommt, dass Erkenntnisse und Tugenden, nicht Meinungen regieren sollten. Ob sich die Bevölkerung die negative Sicht auf ihre moralische und intellektuelle Kompetenz heutzutage zu eigen machen dürfte, kann bezweifelt werden, genau wie ihre Bereitschaft, sich, und sei es auf demokratische Weise, politisch entmündigen zu lassen.

Warum hält die Bevölkerung die Klimaveränderung für ein gravierendes Problem, wie jüngste Umfragen erneut bestätigen, während ihre Handlungsbereitschaft eher verhalten ist? Dass man diese widersprüchliche Haltung nicht unbedingt auf stumpfe Eigensinnigkeit oder eine störrische Zufriedenheit mit den herrschenden Lebensverhältnissen zurückführen sollte, möchten wir im Folgenden begründen.

Klima erscheint als Hintergrund, mit dem geplant werden kann

Der Geograf, Glaziologe und Klimawissenschaftler Eduard Brückner (1862 bis 1927) hat vor mehr als einem Jahrhundert den menschengemachten Klimawandel und seine Folgen für die Gesellschaft beschrieben. Ein herausragendes Merkmal seiner Analyse ist seine vermutlich immer noch zutreffende Beobachtung, dass dem geltenden gesellschaftlichen Klimaverständnis ein fester Glaube an die Stabilität des Klimas zugrunde liegt.

Brückner macht auf die Dominanz einer anscheinend tief verwurzelten Überzeugung aufmerksam, nach der das Klima aus einer Reihe von Bedingungen besteht, die sich konsequent aus den Tages- und Jahreszyklen ergeben, die in allen Teilen der Welt für die Unterschiede der Jahreszeiten sorgen. Trifft Brückners These auch heute noch zu?

Preisabfragezeitpunkt:
19.09.2019, 16:16 Uhr
Ohne Gewähr

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Nico Stehr, Amanda Machin
Gesellschaft und Klima: Entwicklungen, Umbrüche, Herausforderungen

Verlag:
Velbrück
Seiten:
188
Preis:
EUR 29,90

Trotz der warnenden Hinweise auf die Wandelbarkeit und Unvorhersagbarkeit des Klimasystems, die es im Laufe der Jahrhunderte von Wissenschaftlern einschließlich Brückner gab, wird das Klima generell immer noch als ein Ensemble von konstanten, stabil bleibenden Bedingungen verstanden. Klima erscheint gewöhnlich als eine zuverlässige Ressource, als ein Hintergrund, vor dem das Leben vorausgeplant und wie geplant gelebt werden kann.

Diese Überzeugung schließt natürlich die Möglichkeit nicht aus, dass ein gewisses Maß an Störungen unvermeidlich ist: Ungewöhnliche dramatische Ereignisse wie Überschwemmungen, Hitzewellen, Hurrikane und andere Wetterextreme geschehen nun einmal. Erwartet wird aber doch, wie schon vom Bürgermeister John Lindsay, dass nach der Störung die Verhältnisse früher oder später wieder zum Normalzustand des Klimas zurückkehren und die gewohnten Routinen wieder greifen. Die Störung der Normalität ist normal.

Unsere Lebensweise basiert auf der Annahme eines konstanten Klimas

Das Klimavertrauen ist, psychologisch gewendet, so etwas wie eine Präferenz für Stabilität und Kontinuität. Außergewöhnliche Ereignisse stärken die Affinität zu Beständigkeit und Stetigkeit des Lebens. Starkregen beispielsweise wäre eine unübersehbare Erinnerung an das übliche Wetter.

Wir stellen fest, dass unsere Lebensweise auf der Annahme eines konstanten Klimas basiert, auf das wir vertrauen, und diese Überlegung zugleich reproduziert. Vertrauen hat ganz allgemein gesehen die Funktion, soziale Interaktion zu ermöglichen.

Niklas Luhmann schreibt über die Selbstverständlichkeit, mit der wir der Welt vertrauen: "Diesen Ausgangspunkt kann man als unbezweifelbares Faktum als 'Natur' der Welt bzw. des Menschen feststellen [...]. Alltäglich vertraut man in dieser Selbstverständlichkeit" - und "Zutrauen in jenem fundierten Sinne ist für das tägliche Leben Komponente seines Horizonts, Wesensmerkmal der Welt". Indem die Gesellschaft darauf vertraut, dass das Klima konstant bleibt, kann sie die unbekannte Zukunft ausklammern.

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Für Luhmann ist Vertrauen nötig, um der Unvorhersagbarkeit zu begegnen. Vertrauen "riskiert eine Bestimmung der Zukunft"; es ist eine letztlich riskante Praxis. Tatsächlich kann das Vertrauen auf konstante Klimaverhältnisse paradoxerweise gerade dazu dienen, zu verschleiern, auf welche Weise die Gesellschaften zur Destabilisierung eben dieser Verhältnisse beitragen. Denn die Aussage der Klimawissenschaftler heute, dass die Stabilität des Klimas nicht mehr als selbstverständlich angesehen werden kann, ist höchst bedenkenswert.

Während einst das Alltagsvertrauen auf das Klima mit seiner naturwissenschaftlichen Konstruktion als stabiles globales Objekt übereinstimmte, besteht heute, wo die Wissenschaft gerade die wahrscheinliche Unbeständigkeit des Klimas aufdeckt, zwischen den gesellschaftlichen Alltagsannahmen und den herrschenden wissenschaftlichen Meinungen ein Widerspruch. Heute sind die Risiken und Herausforderungen des Klimawandels in den Vordergrund gerückt, und zwar nicht nur in der Forschung, sondern auch in einem Großteil der Analysen in den Medien und im politischen Diskurs.

Und obwohl die Realität des menschengemachten Klimawandels häufig und heftig insbesondere von den populistischen politischen Parteien bestritten wird, kommt man um seine generelle Anerkennung kaum herum. Im Zuge der wachsenden wissenschaftlichen Besorgnis über die Erderwärmung hat in den Medien ein anderes Bild vom Klima die Oberhand gewonnen: das Bild vom Klima als Quelle von Katastrophen. Hier herrscht also entschiedenes Klimamisstrauen.

Unsere These ist, dass Wahrnehmungen vom Klima und vom Klimawandel eng mit unserer Lebensweise verknüpft sind und sich nicht einfach umstoßen lassen, auch wenn sie nie ein für allemal feststehen. Das Heraufbeschwören einer katastrophalen Zukunft einerseits und das Pochen auf wissenschaftlichen Wahrheiten andererseits mögen da kaum Bewegung hineinbringen. So dürfte auch die beobachtete Zunahme von extremen Wetterereignissen nur zu einer Veränderung des Bewusstseins der Öffentlichkeit von der Normalität des Klimas führen.



insgesamt 63 Beiträge
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Seite 1
derhey 21.09.2019
1. Zeitfaktor
ist nicht zu vernachlässigen. Um eine Änderung im Vertrauen zu erreichen müßte das Klima, das ja ein langfristiges Ereignis darstellt, sich rascher und rapide ändern, d.h. die extremen Wetterphänomene auch quasi dauerhaft eintreten und andauern. Der Mensch gewöhnt sich an langfristige Ereignisse, darauf basiert sein Vertrauen, das wird schon und stellt sich darauf ein. Eine träge Masse, wie das Klima, solange es nicht kippt. Und dann - Panik.
TomTheViking 21.09.2019
2. Wer vom Klimawandel weiß....
Also wirklich weiß wie sich das Klima im Verlauf der Erd- und Menschheitsgeschichte gewandelt hat wird nicht vom "tun" gegen Klimawandel reden sondern vom anpassen an den Klimawandel reden. Wer sich dann noch mit der Tektonik der Erdkruste beschäftigt weis warum sich selbige hebt und senkt. Das Senken des Meeresbodens macht zum Beispiel den Bewohnern der Malediven Angst, hat aber mit dem Klima und dem noch nicht real messbaren Anstieg des Meeresspiegels zu tun.
Immanuel K. 21.09.2019
3. Bewusstsein in der...
...Öffentlichkeit? Wo soll das herkommen? ...wenn ein öffentlicher Mensch, wie Julian Nagelsmann (Trainer von RB Leipzig), der eher zu den Intelligenteren/Reflektierteren seiner Zunft gehört, ohne zu zucken (im Zusammenhang mit der Nichtaufstellung von Yussuf Poulsen, wegen der erwarteten Vaterfreuden) sinngemäß in die Kamera sagt: Bei einem Heimspiel hätte er spielen können, aber bei einem Auswärtsspiel, wo die Anreise mit dem Flugzeug erfolgt, wollte ich ihm nicht die Möglichkeit nehmen, im Kreissaal zu sein... ...es ging um das Spiel in Bremen: Luftlinie 310km und per Auto(bus) 370km - ist es den Herren nicht zumutbar, 2 Stunden länger auf dem Weg zum Arbeitplatz zu benötigen?
axeldebüx 21.09.2019
4. Hinter dem Kohle-Vorhang
Wenn nicht alle mitspielen, verpuffen die guten Beispiele und wir schaffen unsere alten, schmutzigen Auto weiter nach Osten. Siehe den o. a. Spiegel-Artikel
kassandra21 21.09.2019
5. Das Problem...
...liegt in verschiedenen Faktoren begründet. 1. Mensch ist eine eher kurzfristige Lebensform 2. Ein daher wichtiges Symptom ist das, was Soziologen "shifting baselines" nennen 3. Information =! Wissen. Diesem Fehlschluß unterliegen im Internetzeitalter sehr viele. Wissen setzt voraus, daß Informationen auch entsprechend geistig verarbeitet werden. Was hier und da Ausbildung und Intelligenz voraussetzt. Schamlose Eigenwerbung zu Punkt 1 & 2: https://www.kassandra21.de/2015/12/15/eintagsmenschen/
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