Klimaschutz Warum wir strengere Regeln brauchen

Wenn es so weiter geht mit dem Klima, sterben wir aus. Doch die Volksparteien versuchen bloß, die eigene Vorherrschaft zu retten. Motto: Lass' es sausen.

Annalena Baerbock und Robert Habeck, die Bundesvorsitzenden der Grünen
Hendrik Schmidt/DPA

Annalena Baerbock und Robert Habeck, die Bundesvorsitzenden der Grünen

Eine Kolumne von


Die einzige Antwort der Regierungsparteien auf die aktuelle grün-linke Bedrohung ist -mangels Argumenten - ein seltsam verzweifeltes Framing, das sich die AfD nicht besser ausgedacht haben könnte: "Verbotspartei" stöhnt es aus dem Keller des befürchteten Abstiegs.

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Heft 25/2019
Weniger Gefühl, mehr Politik - wie sich die Grünen auf die Macht vorbereiten

Weil wir gerade von Wahn reden: Bereits Ende des 19. Jahrhunderts gab es erste Untersuchungen über den menschlichen Einfluss auf das Erdklimasystem. Keine Pointe. Nicht genug Maßnahmen. Bis vor Kurzem war es nicht einmal ein besonders großes politisches Thema. Außer, dass in regelmäßigen Abständen die Regierenden der Welt - also der westlichen Welt - besorgt mit den Köpfen wackelten, irgendeinen Stuss unterschrieben und weitermachten wie immer.

Die Welt meint ja auch immer Deutschland. Zumindest aus der Sicht der Deutschen. Und die großen Parteien des Landes (die Schweiz und Österreich, Europa und der Rest immer mitgemeint)

  • erfreuten sich am Wirtschaftswachstum
  • investierten in den Ausbau des Transportverkehrs auf der Straße und den Autobahnen
  • verteilten Abwrackprämien
  • förderten der Kohlebergbau
  • betrachteten Berichte über das Abschmelzen der Westantarktis, das den Kipppunkt wahrscheinlich überschritten hatte, und seufzten, ehe sie weiter vor sich hin regierten.

Nun ist selbst jenen, die es aus beruflichen Gründen leugnen, klar, dass sich die Erde im Ausnahmezustand einer Klimakatastrophe befindet. Erstaunlicherweise erfahren Parteien, die sich zum Handeln entschlossen haben, einen starken Zuspruch. Fast kopflos versuchen sich die regierenden Volksparteien in seltsam anmutenden Rettungsversuchen der eigenen Vorherrschaft.

Das Motto des aktuell beworbenen Lebensgefühls: Lass es sausen

Die deutsche Spaßpartei CSU findet zum Beispiel, dass Öko Spaß machen sollte. Die Gute-Laune-Fraktion der sogenannten Konservativen akzeptiert Verbote nur in mauergewordener Manifestation.

Der entfesselte Volkskörper lässt sich im Moment eben eher mit "Fun" und "Action" als mit abwägendem Verstand hinter dem Ofen vorlocken. Das Motto des aktuell beworbenen Lebensgefühls: Lass' es sausen. Befreie dich von all den Zwängen und verstaubten Moralvorstellungen. Vergiss Werte wie Menschlichkeit, Vernunft, Besonnenheit. Oder schlicht: Sag, was du denkst, tu, was du willst. Ein großartiges Motto.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:31 Uhr
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Also: Lasst uns unsere Freiheit leben. Lasst uns dem folgen, was schon immer im Morast unseres Wesens lauerte. Wir können Häuser besetzen, auf der Straße Partys machen, anziehen, was wir wollen, den miesen Job wegschmeißen, die sogenannten Meinungen uns Fremder ignorieren, schwarzfahren und Hip-Hop hören, als ob es keinen Schlager gäbe. Lasst uns das Netz mit netten Bots fluten, lieben, wen wir wollen. Lasst uns dieses Leben feiern, als wäre es gleich zu Ende. Was es vermutlich auch ist, denn wenn alles so weiter geht, sterben wir aus. Schwamm drüber. Bis es so weit ist, verschwenden wir das Leben in Anarchie und Musik, in Revolution und Schwachsinn.

Die Verbotskritiker vergessen, dass das Zusammenleben viele Regeln erfordert. Früher nannte man sie Gebote, später Gesetze. Du sollst nicht töten, nicht über Rentner fahren, nicht stehlen, betrügen oder wider besseren Wissens die Welt zu Grunde richten.

Das Prinzip der freiwilligen Selbstkontrolle kann man bei der Trikotagen-Wahl auf dem Golfplatz anwenden. Wenn es um das globale Überleben geht, bieten sich allerdings strengere Regeln an. Es sei denn, man hat sich und seinen Verstand aufgegeben.

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Seite 1
Mehrleser 22.06.2019
1. Werbung
Ach, mal wieder eine Reklame-Kolumne fürs Buch?
Rennbahner 22.06.2019
2. Aussterben
Gibt es auch nur eine wissenschaftliche Studie, die zu dem Ergebnis kommt, die Menschheit könnte beim Klimawandel aussterben?
KaWeGoe 22.06.2019
3. Die Menschen werden sich die Köpfe einschlagen, wenn ...
... es uns nicht gelingt, die Klimakatastrophe zu verhindern. Es ist naiv zu glauben, Europa würde ungeschoren davon kommen, wenn - in Asien das Trinkwasser knapp wird, weil die Gletscher verschwunden sind. - die 13 Mio Stadt Alexandria vom steigenden Meeresspiegel überschwemmt wird - 100 Mio Klima-Flüchtlinge eine neue Heimat suchen - Wetterextreme (heutige Jahrhundertereignisse) wie die Dürre 2018, Starkregen Mai / Juni 2018, Braunsbach 2016, usw. jährlich auftreten. Das Schlimme ist, dass es so kommen wird und dass unsere Kinder es erleben werden. Ich hoffe, dass den heute Verantwortlichen dann der Prozeß gemacht wird.
dasfred 22.06.2019
4. Regeln funktionieren nur für Individuen
Wenn ich die Luft verpesten möchte, darf ich nicht im Garten den alten Holzzaun verbrennen. Meine Ölheizung darf Grenzwerte nicht überschreiten. Mein Auto muss zur ASU. Aber ich kann Aktien kaufen von RWE und Vattenfall. Die machen das dann für mich. Auch mein Autobauer kann mir helfen mehr Dreck zu machen, als der TÜV prüfen kann. Alles legal. Ich kann auch Obst, Gemüse oder Baumwollkleidung kaufen, die ich unter den Bedingungen im Herkunftsort hier nie anbauen dürfte. Die Verbotsparteien regieren schon ewig. Aber sie verbieten nur, was der Industrie und dem Handel nicht schadet. Strenge Auflagen gelten für Privat und Kleingewerbe. Je größer, desto Ausnahme. Der Quartalsgewinn jetzt, zählt mehr, als der saubere Ozean übermorgen. Die Kohleöfen, die ganze Städte verrußt haben sind vergessen. Es wirkt alles sauberer, aber der Dreck in der Produktion wurde nur ins Ausland verlagert. Reines Gewissen durch wegsehen und verdrängen ist angesagt.
novasun 22.06.2019
5. Ob wir aussterben
Weiß ich nicht. Aber wenn gewisse Punkte überschritten sind, sind diese unumkehrbar und die Folgen für die Ökosysteme gravierend. So gravierend das vermutlich Milliarden Menschen sterben werden - weil zu wenig oder kein Wasser/Essen vorhanden sein wird. Mal davon ab werden solche Verwerfungen zu Kriegen führen... Und da müssen dann ja nur zwei Atommächte aneinander geraten
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