Klimawandel Reißt euch zusammen, Menschheit

Die Gletscher schmelzen, der Meeresspiegel steigt. Doch noch immer wird nicht genug gegen den Klimawandel unternommen - dabei kann jeder etwas tun. Warum es jetzt Zeit wird für zivilen Ungehorsam.

Der Klimawandel kommt - und was tun wir? Endlich handeln, fordert Sibylle Berg
DPA/Sebastian Kahnert

Der Klimawandel kommt - und was tun wir? Endlich handeln, fordert Sibylle Berg

Eine Kolumne von


Lars von Triers Film "Melancholia" aus dem Jahr 2011 ging mir zwar auf den Wecker, aber die Geschichte war gut. Man sagt ja, Filme und Bücher seien top, wenn man sie in drei Sätzen nacherzählen kann. Ich halte das für Quatsch, denn es gibt mehr als simple Erzählungen, aber bei "Melancholia" funktioniert es: Ein Komet rast auf die Erde zu. Die Menschen machen weiter wie immer. Dann sind sie tot.

Die Leute im Film streiten sich, sind verletzt, fühlen sich nicht gemeint, haben Liebeskummer, kurz: Sie versauen sich die letzten Momente ihrer Existenz. Denn sie denken: Wird schon nicht so schlimm werden. Kommt Ihnen das bekannt vor?

Wie der Komet in "Melancholia" rast die Erde gerade in eine Klimakatastrophe. Das wissen die meisten, die es interessiert, seit mindestens zehn Jahren. Was kann man tun, fragen sich viele, weil man sich so etwas Absurdes wie die Auswirkungen schmelzender Gletscher und Eisberge, den Anstieg des Meeresspiegels und das Unbewohnbarwerden von Ländern eben nicht vorstellen kann.

Nichts können wir uns vorstellen, der Begrenztheit unseres Verstandes und der mangelnden Bildung und Neugier gedankt. Die meisten haben keine Fantasie, wie sich die ungezügelte profitorientierte Digitalisierung auf ihre Grundrechte auswirkt oder wie eine Veränderung des Weltklimas laufen wird. Beides ist unsichtbar oder weit weg. Was interessiert uns Sambia, was interessieren uns überflutete Küstengebiete, was interessieren uns Missernten, die Bauern können ja Sushi anbauen. Wir verdrängen, oder nicht einmal das, wir wissen nichts und machen weiter. Was sonst.

Der Versuch, eine Klimakatastrophe zu mildern, bedürfte einer Einigkeit der Weltregierungen. Sie wissen schon, Kohleausstieg, Umbau des Privatverkehrs in öffentlichen Transport, Massentierhaltung usw. Und sind wir ehrlich - wie wahrscheinlich ist das? Ein komplettes Neudenken in allen Bereichen unseres Lebens erfordert Ideen, Geld, und keine Angst vor den - ich sage vereinfacht - Kapitalisten, Besitzern der Produktionsmittel, Beherrschern und Erfindern der Märkte.

Endlich wieder grillen. Das kommt gut - bis der Komet kommt

Weltweit werden und wurden gerade Populisten als neoliberale Stoßtruppe installiert, die die Kompliziertheit der Welt, die digitale Revolution, das Klima, die Überbevölkerung bei schwindenden Ressourcen auf die einfache Formel "wir und die anderen" herunterkürzen. Endlich eine Antwort. Endlich wieder grillen. Kommt schon gut.

Und oben kommt der Komet, und im Hintergrund wird an der Totalüberwachung aller gearbeitet. Da werden Daten gesammelt, als gäbe es kein Morgen. Man weiß ja nie, wozu man sie noch mal gebrauchen kann. Vielleicht lohnt es sich ja irgendwann, die Bevölkerungsteile, die nicht zum Konsumieren taugen, von den Ressourcen, die knapper werden, zu trennen.

Preisabfragezeitpunkt:
13.12.2019, 11:12 Uhr
Ohne Gewähr

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Berg, Sibylle
GRM: Brainfuck. Roman

Verlag:
Kiepenheuer&Witsch
Seiten:
640
Preis:
25,00 €

Apropos - wo wollen die Kapitalisten und ihre Handlanger, also jene, die weiterproduzieren wie gestört, die SUV bauen und Mastviehanlagen, die den Regenwald abfackeln, die Klimaleugnerlügenverbreiter eigentlich hin, wenn große Teile der Welt unbewohnbar sind? Auf Schiffe, auf den Mars, in Bunker? Wie wollen sie sich schützen vor Milliarden, die auf der Welt nach einem trockenen Platz mit Trinkwasser und Nahrung suchen?

Initiativen stärken, demonstrieren, erfinden

Egal. Die interessante Frage ist doch: Was kann man tun, als einzelner Mensch, wie kann man eine Haltung finden zwischen Erstarrung und Ignoranz? Was kann man unternehmen, außer Parteien zu wählen, die das Überleben unserer Spezies zumindest in ihrem Programm haben? Was kann man tun, um nicht irgendwann auszusterben mit dem Gedanken: "Hätte ich doch etwas getan."

Man kann Initiativen stärken, erfinden, demonstrieren, sich konzentrieren. Was nützen der Welt die schönsten faschistischsten Regierungen, die Abschaffung der Kunst und der freien Presse, wenn wir tot sind? Reißt euch zusammen, Menschheit. Es geht um das Überleben, Zeit für zivilen Ungehorsam.

insgesamt 345 Beiträge
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Seite 1
Newspeak 28.09.2019
1. ....
Ziviler Ungehorsam? Vielleicht sollte man zuerst mal zivilen Gehorsam ausprobieren. Z.B. dass nicht fast jeder seinen Müll in die Gegend schmeisst. Plastik wäre überhaupt kein Problem, würde es in Mülleimer statt in Flüsse geworfen. Z.B. dass man Verschwendung nicht auch noch cool findet. Wer kauft denn die SUVs? Gesunder Menschenverstand wäre angebracht und nicht emotional hysterischer Aktionismus.
ael-184 28.09.2019
2. Utopia lässt grüßen
Also Frau Berg, das war bisher der größte Mist den ich bisher zum Thema Klima gelesen habe wobei es ja wohl eigentlich um Überwachung geht und Klima nur vorgeschoben wird .... Klar müssen wir unser Verhalten bezüglich des Klimas ändern, aber hier werden zwei Dinge miteinander vermischt die nicht zusammen gehören ... alles unnötiges Unruhe verbreiten. Sie sollen vielleicht noch die kleinen grünen Männchen erwähnen die bald kommen werden ....
qwertreiber 28.09.2019
3. Typisch Berg - einfach flach
Meine Güte, was könnte man aus diesem Thema schöpfen, wenn man selbst etwas Tiefe oder Ahnung von nur irgendetwas hätte. Aber wozu? Ein paar Plattitüden und Gedankenspielchen reichen ja zum Geldverdienen in einem Verlagshaus ohne weiteren Anspruch. Mal wieder schlechte Arbeit, Frau Berg.
lutzi-lange 28.09.2019
4. Weltmeisterschaft
In einem vollklimatisierten Stadion. Echt Wahnsinn ! Keiner regt sich auf. Was sagen Greta, Anna-Lena und Robert dazu. Bisher schweigen sie.
Gluehweintrinker 28.09.2019
5. @1: "Plastik wäre kein Problem"?
Und was schließen Sie daraus? Sie erziehen alle Indonesier, Ghanaer und Indet zur Mülltrennung? Logischerweise müssen Sie fortsetzen: "Regenwaldabholzung wäre gar kein Problem, wenn man als Ausgleich den Hambacher Forst stehen ließe" oder "CO2 wäre gar kein Problem, wenn nicht knapp 8 Mrd. Menschen so viel ausatmen würden." Sie scheinen die wirklich ganz einfachen Lösungen zu bevorzugen, selbst wenn diese keine sind.
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