Margarete Stokowski

Forderung nach höheren Flugpreisen Muss man sich leisten können

Klassenhass ist genauso real wie Rassismus oder Sexismus - und spiegelt sich in Vorurteilen, Gesetzen und politischen Forderungen. Selbst bei denen, die eigentlich die Welt retten wollen.
Überleben fernab des Ökotrends: Ausgabetheke der Mainzer Tafel

Überleben fernab des Ökotrends: Ausgabetheke der Mainzer Tafel

Foto: Andreas Arnold/ picture alliance / Andreas Arnol

Zuerst die gute Nachricht. Langsam - wirklich ganz langsam - beginnen manche Menschen zu verstehen, dass es so etwas wie alltäglichen Rassismus und Sexismus gibt, den viele von uns verinnerlicht haben und abbauen müssen. Es setzt sich hier und da die Erkenntnis durch, dass auch diejenigen, die sich emanzipiert wähnen, oft noch misogynen Denkmustern folgen oder Vorurteile über Leute mit sogenanntem Migrationshintergrund haben. Dieser Lernprozess findet statt - neben all dem, was leider auch stattfindet.

Jetzt die schlechte Nachricht: Das gilt nicht für Klassismus. (Funfact: Ich habe gerade dieses Wort getippt, und Microsoft Word unterstreicht es rot, weil das Programm es nicht kennt.) Klassismus bedeutet Diskriminierung nach sozialer Herkunft oder sozialem Status, und diese Diskriminierung kann sich in unbewussten Vorurteilen finden oder in ganz bewusster Ablehnung; zum Beispiel, wenn Menschen davon ausgehen, dass arme Menschen eher faul und dumm sind, oder dass ungebildete Leute sich eher asozial verhalten.

Preiserhöhungen treffen Menschen unterschiedlich

Klassenhass ist genauso real und wirksam wie Rassismus oder Sexismus, auch wenn seltener über ihn gesprochen wird. Es gibt nicht nur die Ablehnung gegen "die da oben", es gibt auch die tiefe Verachtung derer, die denken, dass man bei Discountern nur "Müll" kaufen kann, obwohl dieser vermeintliche Müll das ist, was Millionen Menschen täglich essen. Klassismus findet sich in Klischees, in der Sprache, in Gesetzen, in allen möglichen Institutionen und in politischen Forderungen. Selbst bei denen, die eigentlich die Welt retten wollen.

Ein paar Forderungen aus den vergangenen Wochen: "Fliegen muss teurer werden" - "Heizen und Tanken muss teurer werden" - "Autofahren in Städten muss teurer werden" - "Pendeln mit dem Auto muss teurer werden" -"Benutzung der Fernstraßen muss teurer werden" - "Plastik muss teurer werden" - "Reisen muss teurer werden" - "Fleisch muss teurer werden".

Es passiert immer wieder, und zurzeit besonders oft, dass politisch nicht gewollte Verhaltensweisen dadurch eingedämmt werden sollen, dass die Kosten für dieses Verhalten erhöht werden sollen: Mal soll klimaschädliches Verhalten teurer werden, mal gesundheitsschädliches, oft beides gleichzeitig. Fleisch, Benzin, Strom, Plastik, Zigaretten, Alkohol, Fertigprodukte, Zucker, manchmal auch Lebensmittel im Allgemeinen, all das soll immer wieder teurer werden. Das kann für manches eine Lösung sein - aber keine gerechte. Weil Preiserhöhungen verschiedene Menschen sehr unterschiedlich hart treffen.

Der Trick, arme Leute zu bestrafen

"Eigentlich ist es einfach: Klimasünden müssen teuer sein", hieß es zum Beispiel neulich in einem SPIEGEL-Artikel . So einfach ist es dann aber doch nicht. Wie teuer Verkehrs- und Nahrungsmittel sind, hat auch viel mit Gesetzen und staatlichen Subventionen zu tun. Es kann sein, dass Fliegen und Autofahren teurer werden müssen, aber dann müssen Bahnfahren und generell der öffentliche Personennahverkehr billiger werden (und zwar: sehr viel billiger), sonst werden mit gut gemeinter Klimapolitik hauptsächlich arme Leute bestraft: Sie müssen sich dann, weil sie arm sind, noch mehr einschränken als ohnehin schon.

Diskriminierung muss nicht immer offener Hass sein, sie kann auch einfach darin bestehen, dass man Leute vergisst. Oder sie kann darin bestehen, dass man findet, es sollten sich eben nicht alle Leute die gleichen Dinge leisten können.

In einem Kommentar der "Tagesschau"  wies neulich Kristin Joachim darauf hin, dass die Reise von Berlin nach Köln mit der Bahn 90 Euro, mit dem Flugzeug aber nur 27 Euro kostet: "Ehrlich gesagt will ich diese Entscheidung nicht mehr ständig treffen müssen. Fliegen muss teurer werden! Ja! Und zwar ordentlich, damit das Ganze auch einen Effekt hat. (...) Wer jetzt sagt, höhere Flugpreise seien unfair, dann könnten sich Menschen mit weniger Geld Fliegen nicht mehr leisten. Ja, das stimmt! Aber Fliegen ist auch kein Grundrecht." Klar. Es ist aber auch kein Grundrecht, bei Reiseentscheidungen nicht mehr nachdenken zu müssen.

Leute mit wenig Einkommen sparen oft das ganze Jahr für den einen Urlaub, bei dem sie dann eben fliegen, oder sie fliegen ab und zu mal ihre Familie im Ausland besuchen. Eine Klimapolitik, die das unmöglich macht, ist peinlich ohne Ende und mindestens so eklig wie ein Kilo Fleisch aus Massentierhaltung von wundgescheuerten und qualvoll getöteten Schweinen oder Kühen, die nie die Sonne gesehen haben (wobei, wenn Sie mich fragen, edles Hirsch- oder Krokodilfleisch genauso eklig ist, anderes Thema).

Es gibt dieses Problem nicht nur bei Klima- oder Gesundheitsfragen. Wenn zum Beispiel diskutiert wird, ob Bluttests auf das Risiko für das Vorliegen einer genetischen Störung wie Trisomie während der Schwangerschaft eine Kassenleistung sein sollten, dann geht es einerseits um sehr grundlegende ethische Fragen: Wie geht unsere Gesellschaft mit Menschen mit Behinderung um?

Das Problem ist: Es geht dabei nicht nur um diese Fragen, sondern auch darum, wer diesen Test überhaupt machen kann. Denn für einige sind 200 Euro, die so ein Test kostet, nichts, für andere ist das ein Vermögen, das sie nicht aufbringen können. Wer dafür argumentiert, dass solche Blutuntersuchungen generell nicht von Krankenkassen bezahlt werden sollten, den kann man auch so verstehen: "Eigentlich wollen wir diese Tests nicht, aber Leute mit Geld sollen sie trotzdem machen können." Ärmeren Menschen bleibt dann im Falle einer Risikoschwangerschaft nur die kassenbezahlte invasive Untersuchung, die aber häufig als riskanter bewertet wird.

Es gibt für all das keine einfache Lösung. Fleisch ist zu billig, aber die Antwort darauf kann nicht sein, dass nur noch Leute aus der Mittel- oder Oberschicht Fleisch essen dürfen. Fliegen ist im Verhältnis zum Bahnfahren zu billig, aber die Antwort darauf kann nicht sein, dass arme Leute zuhause bleiben müssen oder nur noch an die Ostsee dürfen.

Ein Vorurteil gegen arme Menschen ist, dass sie sich nur nicht genug anstrengen. Im Moment ist es eher so, dass viele derjenigen, die über politische Veränderungen nachdenken, sich nicht genug anstrengen: um politische Mittel zu finden, die nicht einfach nur darin bestehen, dass arme Leute noch weniger Freiheiten bekommen und reiche Leute einfach mehr bezahlen: das ist dann einfach ein Ablasshandel für sogenannte Klimasünden, und Ablasshandel findet selbst die katholische Kirche vorgestrig, also bitte.