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Kodak: Rost an den Lampen, Risse im Asphalt

Foto: Catherine Leutenegger

Kodak-City-Fotografin Leutenegger "Wie eine Reise in die Vergangenheit"

Blattgold an den Wänden, Auslegeware auf dem Boden: Die Schweizer Fotografin Catherine Leutenegger zeigt das Ende des früheren Technologie-Vorreiters Kodak - und einer ganzen Stadt.

SPIEGEL ONLINE: Frau Leutenegger, Sie sind nach Rochester im US-Bundesstaat New York gefahren, wo das Fotografie-Unternehmen Kodak entstanden und ist und 2012 Konkurs anmelden musste. Welchen Eindruck hatten Sie von der Stadt?

Leutenegger: Es war ziemlich traurig und deprimierend dort. Ich war das erste Mal im März 2007 da - vielleicht hat das trübe Wetter meinen Eindruck von einer grauen Stadt noch verstärkt. Das Zentrum, Downtown Rochester, ist ziemlich klein. Im Finanzviertel gibt es einige Bürotürme, aber kaum Menschen auf der Straße. Ich kam gerade aus Manhattan, wo ich seit einigen Monaten lebte, da hat mich die Leere der Stadt sofort runtergezogen.

SPIEGEL ONLINE: Haben die Menschen verstanden, warum Sie dort Fotos machten?

Foto: José Gonzalez

Catherine Leutenegger, Jahrgang 1983, lebt und arbeitet als Fotografin in Lausanne. Im Jahr 2007 nahm sie an einem Artist in Residency Programm teil und lebte sechs Monate in New York City. Mit "The Kodak City" zeigt sie die Veränderungen, die die digitale Revolution mit sich bringt. Zudem beschäftigt sie sich generell mit dem Thema Fotografie im Wandel der Zeit.

Leutenegger: Die Einwohner der Stadt haben schon verstanden, dass ein großer Umbruch in der Geschichte der Fotografie stattfindet und dass es wichtig ist, diese Revolution festzuhalten. Aber es war schwer, Kodak verständlich zu machen, was ich zeigen wollte. Es war nicht leicht, die Erlaubnis dafür zu bekommen, im Unternehmen fotografieren zu dürfen.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Leutenegger: Kodak wollte nicht, dass ich etwas zeige, durch das das Ansehen des Unternehmens beschädigt werden könnte. Auf dem Industriegelände wurde ich die ganze Zeit begleitet. Es war nicht einfach, die Arbeiter vom künstlerischen und historischen Wert meines Projektes zu überzeugen. Die hatten mit anderen Problemen zu tun, sie wollten das Image eines führenden Unternehmens aufrechterhalten.

SPIEGEL ONLINE: Wie sah es im Unternehmen aus?

Leutenegger: In den Verwaltungs- und Produktionsgebäuden schien es, als wäre die Zeit stehen geblieben. Die Angestellten haben an uralten Computern gearbeitet. Solche, die man in den Achtzigerjahren benutzte, mit einem schwarzen Bildschirm und weißen Buchstaben. Es war wie eine Reise in die Vergangenheit.

SPIEGEL ONLINE: Und die Mitarbeiter?

Leutenegger: Für die Mitarbeiter schien das normal zu sein. Sie wirkten schüchtern, redeten kaum. Nur die Leute, die nicht mehr im Unternehmen tätig waren, sprachen mit mir offen über Kodak.

SPIEGEL ONLINE: Was haben sie Ihnen gesagt?

Leutenegger: Kodak habe einen großen Managementfehler begangen, den Einstieg in die digitale Fotografie verschlafen und sich strategisch falsch ausgerichtet. Das Unternehmen habe diesen schnellen Wandel im Konsumverhalten nicht erwartet. Viele ehemalige Mitarbeiter haben aber auch gesagt, dass sie ihren Job und das Unternehmen geliebt haben. Teil von Kodak zu sein, hieß, einen Job fürs Leben zu haben - ein gutes Leben zu führen.

SPIEGEL ONLINE: Der Gründer von Kodak, George Eastman, hat Rochester geprägt. Er gab Tausenden Menschen eine Arbeit und investierte sein Geld in das Bildungssystem, das kulturelle Leben und die Verbesserung der Gesundheitsvorsorge. Wer war Eastman?

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Foto: seen.by

Catherine Leutenegger: Er war ein Held seiner Zeit. Er war sehr großzügig, wollte das Leben seiner Angestellten verbessern. Er wusste: Nur wer gebildet und gesund ist, macht auch gute Arbeit. Eastman hat in die Zukunft und in die Region investiert. Er holte Wissenschaftler aus der ganzen Welt nach Rochester. Er war ein Visionär.

SPIEGEL ONLINE: Er nahm sich 1932 das Leben und hinterließ einen Abschiedsbrief. Haben Sie ihn gelesen?

Leutenegger: Ja, er schrieb: "Für meine Freunde. Ich habe meine Arbeit getan. Warum warten?", dann schoss er sich ins Herz. Das ist doch wie in einem amerikanischen Film. Sein ganzes Leben war wie ein Film. Er hat sich für seine Firma aufgeopfert. Er wollte eine Kamera entwickeln, die jeder bedienen konnte. Das hat er geschafft. Dann war Schluss. Leider hatten seine Nachfolger keine vergleichbaren Visionen.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren fünf Jahre später noch mal in der Stadt. Was hat sich verändert, als Sie zurückkehrten?

Leutenegger: In der Stadt selbst habe ich kaum Veränderungen bemerkt. Aber Kodak musste Geschäftsräume an andere Unternehmen vermieten und das Gelände umbenennen. Außerdem waren viele Gebäude nicht mehr da. Sie wurden gesprengt. Für Kodak war es billiger, die leerstehenden Häuser zu zerstören, als sie stehen zu lassen. Sonst hätten sie eine Steuer darauf zahlen müssen. Die Leere dort, die war schon seltsam.

Das Interview führte Kristin Haug für das Fotoportal seenby 

Die Homepage der Fotografin finden Sie hier. 

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