Mahnmal für NSU-Terror in Köln "Ein Haus, das von Nazis nicht angegriffen werden kann"

Im Herzen der türkischen Gemeinde explodierte 2004 die Nagelbombe in der Kölner Keupstraße. Ein Mahnmal soll an den Anschlag erinnern - doch es ist bisher Entwurf geblieben. Nun soll eine Ausstellung Bewegung bringen.

Ulf Aminde/ Museum Ludwig Köln

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Es ist 15.56 Uhr, als die Bombe explodiert. Mehr als fünf Kilogramm Sprengstoff pressen rund 700 Zimmermannsnägel in Gebäude, Autos und menschliche Körper, noch in 100 Meter Entfernung.

Fensterscheiben zerbersten, Glassplitter werden zu Geschossen. Die Sprengkraft legt einen Friseursalon in Schutt und Asche. Zehn Zentimeter lange Metallstifte bohren sich durch Arme, Beine und Gesichter. Blut mischt sich mit Staub, Schreie mit dem Lärm einer gut besuchten Geschäftsstraße.

Vier Schwerverletzte, 18 Leichtverletzte: Das ist an jenem 9. Juni 2004 die Bilanz des Nagelbombenanschlags an der Keupstraße in Köln, mitten im Herzen der türkischen Gemeinde. Wie durch ein Wunder kommt niemand ums Leben.

Was die Opfer an jenem Tag noch nicht wissen: Für viele von ihnen war dies erst der erste Akt eines Traumas, das sich über Jahre ziehen wird. Was folgen wird, sind Verhöre, Verdächtigungen, Zweifel, Anschuldigungen. Ängste und Rufe von Rassismus werden verhallen. Von Racheakten wird die Rede sein. Von Kriminalität im Migranten-Milieu. Sicherheitsbehörden werden die Täter im Umfeld der Opfer suchen. Familien werden überwacht, Betroffene eingeschüchtert. Erst sieben Jahre später, im November 2011 wird klar sein: Der Anschlag war ein rechtsextremer Terror-Akt, verübt vom "Nationalsozialischen Untergrund" (NSU).

Dass die Geschichte des Kölner Nagelbombenanschlags nicht nur eine von rechtsextremistischem Terror ist, von Behördenversagen und Rassismus, sondern vor allem eine von migrantischen Betroffenen, die sich wieder und wieder von Politik und Gesellschaft im Stich gelassen fühlen, wird an diesem Donnerstag, rund 15 Jahre nach dem Attentat, im Kölner Museum Ludwig deutlich.

Dort wird für die kommenden vier Wochen das Modell für das geplante Mahnmal ausgestellt, das an den Keupstraßen-Anschlag und ein weiteres NSU-Bombenattentat in Köln erinnern soll. Doch ebenso wie die Aufklärung der Anschläge zieht sich auch die Umsetzung des Mahnmals - auf Kosten der Opfer.

2016 wurde ein Wettbewerb für das geplante Mahnmal ausgelobt. Der Entwurf des Berliner Künstlers Ulf Aminde, eine Verbindung von Realität und Multimedialität, überzeugte sowohl Anwohner als auch Politiker: Ein Betonfundament, das auf sechs mal 24 Metern dem Grundriss des 2004 zerstörten Friseursalons entspricht, soll zur Begegnungsstätte werden.

An virtuellen Wänden sollen Besucher mittels einer Augmented-Reality-App die Geschichte der Anschläge und der Betroffenen nachvollziehen können. Die Wände sollen mit der Zeit weiter wachsen, sollen aus der migrantischen Perspektive Rassismus dokumentieren, aber auch kulturelles Zusammenleben. Studierende, Anwohner, Künstler: Sie alle sollen in einem regelmäßigen kurativem Filmfestival Material beisteuern können.

Das geplante Mahnmal ist bis heute lediglich Modell geblieben

Die neuen, virtuellen Wände sollen dort entstehen, wo rechtsextreme Terroristen alte eingerissen haben: in Sichtweite des Anschlagsortes an der Keupstraße. Das neue Haus, so der Künstler, soll eines der Solidarität und der Diversität werden, "ein Haus, das von Nazis nicht angegriffen werden kann".

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NSU-Anschlag in der Keupstraße: Explosion mit langem Nachhall

Doch das geplante Mahnmal ist bis heute lediglich Modell geblieben. Der favorisierte Standort, das unbebautes Areal eines ehemaligen Güterbahnhofs, befindet sich im Besitz privater Investoren. Die Gedenkstätte ist zwar prinzipiell, aber nicht in ihrer geplanten Form in den Bebauungsplan integriert. Die Eigentümer fühlen sich nicht ausreichend informiert, die Stadt gibt sich handlungsunfähig, die Anwohner prangern das Planungsdebakel an.

In Gesprächsrunden, offenen Briefen und den Medien schieben sich Vereine, Architekten, Künstler, Investoren und Politiker seit Jahren gegenseitig die Verantwortung zu. Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker schlägt vor, das Mahnmal an anderer Stelle zu errichten, doch die Interessensgemeinschaften halten dagegen. Noch einmal wollen sich die Opfer nicht verdrängen lassen. Die Situation scheint festgefahren.

"Wir an der Keupstraße haben uns damals allein gelassen gefühlt"

Die Ausstellung, so die Hoffnung vieler Beteiligter, soll nun Bewegung in die Angelegenheit bringen, die Zivilgesellschaft mit einbeziehen. "Diese Diskussion ist wichtig für die Stadtgesellschaft", betont Yilmaz Dziewior, Direktor des Museum Ludwig. Auch Ahmed Edis vom Kölner Integrationsrat sieht die Ausstellung als Chance: "Wir wollen alle Parteien an einen Tisch bekommen und eine Lösung entwickeln."

Schon das Modell von Amindes Installation ist eine Aufforderung. Zum Hinsehen. Zuhören. Partizipieren. Es lädt ein, sich zu bewegen, immer wieder um das unscheinbare Podest herum, während sich auf dem Tablet in der Hand Bilder aufbauen - von der Keupstraße, von denen, die jahrelang keine Stimme hatten.

Bereits im Maßstab 1:10 lässt sich erahnen, wie wichtig das Mahnmal nicht nur für die Anwohner sein könnte, sondern für eine Stadt, in deren Selbstverständnis von Toleranz und Weltoffenheit blinde Flecken keinen Platz haben. "Wir an der Keupstraße haben uns damals allein gelassen gefühlt", erinnert sich Mitat Özdemir, Vertreter der Initiative "Herkesin Meydani - Platz Für Alle". Nun wünscht er sich, dass das Mahnmal "zur Chefsache erklärt wird". So allein und ungehört wie 2004 ist er dabei längst nicht mehr.



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