Margarete Stokowski

"Nafri"-Debatte Fragen bleiben erlaubt

Kaum stellt Grünen-Chefin Simone Peter eine Nachfrage zum Kölner Polizeieinsatz, wirft man ihr Weltfremdheit vor. Dabei sind tatsächlich noch einige Fragen zu dem Vorgehen offen.
Silvesternacht in Köln

Silvesternacht in Köln

Foto: Maja Hitij/ Getty Images

Wenn man Räuber und Gendarm spielt, muss man sich entscheiden, auf welcher Seite man steht, sonst funktioniert das Spiel nicht. Aber die restliche Zeit des Jahres darf man eine differenzierte Haltung zur Polizei haben. Das ist schön, aber offenbar auch kompliziert.

Tina Hassel, Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios, schrieb auf Twitter , nachdem Grünen-Chefin Simone Peter die Frage nach einem Racial Profiling der Polizei aufgeworfen hatte: "Wie weltfremd kann man sein, jetzt den Polizeieinsatz in Köln zu kritisieren?" Im "Flensburger Tageblatt"  hieß es: "Nein, statt öffentlicher Kritik gebührt den Polizeibeamten nur eines: Ein Dankeschön."

Das ist ein bisschen bizarr angesichts der Tatsache, dass Simone Peter  nicht gesagt hatte, dass die Polizei aus lauter Rassisten besteht, sondern zunächst, dass sie erfolgreich gearbeitet hat. Und dann noch den Satz: "Allerdings stellt sich die Frage nach der Verhältnis- und Rechtmäßigkeit, wenn insgesamt knapp 1000 Personen allein aufgrund ihres Aussehens überprüft und teilweise festgesetzt wurden."

Das ist ein Satz mit "wenn". Heißt auch: Wenn sich herausstellt, dass die Leute nicht nur nach Aussehen beurteilt wurden, stellt sich die Frage nach der Verhältnis- und Rechtmäßigkeit vielleicht gar nicht. Eigentlich hat Peters also nichts besonders Heftiges gesagt. Trotzdem wurde sie vielfach kritisiert und beleidigt, und fühlte sich gezwungen, ihre Haltung noch mal auf Facebook  klarzustellen: Gute Arbeit von der Polizei, bitte kein Racial Profiling, danke.

Vielleicht ist das ein besonders typisches Beispiel dafür, wie aufgeladen die Diskussion um Rassismus verläuft. Peter sagt, es könnte sein, dass die Polizei rassistisch gehandelt hat, zack, jemand postet ein Bild auf ihrer Facebookseite , wo steht, dass jetzt wohl auch weiße Schneemänner verboten werden, weil, haha, Rassismusverdacht. Und dann gibt es natürlich noch Beatrix von Storch , die suggeriert, dass die Alternative zu Racial Profiling eben "Massenvergewaltigung deutscher Frauen" sei, und man ahnt, dass dazwischen irgendwo ein paar Nuancen verloren gegangen sind.

"Nordafrikaner" oder "kriminelle Nordafrikaner"

Zwischen "Die Polizei besteht ausschließlich aus Heldinnen und Helden" und "Die Polizei ist rassistisch und verdächtigt unschuldige Nordafrikaner" gibt es noch die Möglichkeit, dass die Kölner Polizei es erfolgreich geschafft hat, die Menge von Verbrechen weitaus niedriger zu halten als im letzten Jahr, aber gleichzeitig möglicherweise zumindest in Einzelfällen auch ein Problem mit Rassismus hat.

Man kann der Polizei für ihren Einsatz danken und trotzdem Fragen haben. Es ist aus logischen Gründen schon nicht klar, ob das Verhalten der Polizei an Silvester das Einzige war, das eine Eskalation der Gewalt verhindern konnte, oder ob es auch auf eine Art gegangen wäre, die weniger Grund zur Beunruhigung geboten hätte.

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Stokowski, Margarete

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Ein Hinweis auf Probleme könnte die Tatsache sein, dass die Polizei sich nicht einig ist, was mit dem versehentlich rausgerutschten Wort "Nafri" gemeint ist: "Nordafrikaner" oder "kriminelle Nordafrikaner". Denn als "Nafri" bezeichnet man bei der Polizei offenbar manchmal "Menschen eines bestimmten Phänotyps" im Allgemeinen und manchmal nordafrikanische Intensivtäter, und es gibt da offenbar einen Unterschied, der relevant ist.

Falls es Rassismus bei der Polizei gibt, dann äußert er sich - wie beim Rest der Gesellschaft - nicht allein in einer falschen Wortwahl, die man bloß korrigieren müsste, sondern ist tief verankert und möglicherweise auch unbewusst. Es gibt nicht erst seit Silvester  Berichte , die nahelegen, dass in Deutschland etwas stattfindet, das für Betroffene ziemlich klar nach Racial Profiling aussieht, aber von der Polizei natürlich nicht so benannt wird, weil es verboten ist . Wir wären dann jetzt wohl so weit, darüber zu reden.