Kölner Möbelmesse Wohnst du noch, oder erlebst du schon?

Vorbei sind die Zeiten, da man auf Sitzmöbeln nur saß: Eine Messe in Köln zeigt Sessel mit eingebauten TV-Monitoren und Liegestühle mit Schreibtischfläche. Doch wenn die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit zerfließt, wohin soll man fliehen? Natürlich ins Barbiezimmer.


Köln - Die Zirbe und der Diamant - bislang hatten sie nicht allzu viel miteinander zu tun. Jetzt aber sind sie das Traumpaar, das für seligen Schlaf sorgt. Das Holz der Kiefernsorte drosselt die Frequenz des Herzschlags, während das Mineral – eingelassen in Holzteller, auf denen die Matratze liegt – vitalisierend wirken soll.

Das Schlafgerät mit dem medizinisch-esoterischem Mehrwert wird derzeit auf der Einrichtungsmesse "imm cologne" vorgestellt. Es sieht nicht eben hip aus und ist doch in gewisser Hinsicht trendy. Es ist Ruhestätte und Therapeutikum zugleich. Es ist also wie etliche der 100.000 in Köln gezeigten Einrichtungsgegenstände ein Multitasker.

Möbel sind nicht mehr nur Möbel. Sie sind Andockstationen für Erlebnisse. Ganz nach dem Motto: Wohnst du noch, oder erlebst du schon?

Eine weitere Schlafstatt ist eingespannt in einen ovalen Holzrahmen, so dass das gesamte Bett durch leichte Gewichtsverlagerungen zum Schaukeln gebracht werden kann. Während diese "Private Cloud" des Herstellers Kloker auf die Sehnsucht nach dem frühkindlichen Wiegeerlebnis setzt, baut ein anderer Produzent auf die einschläfernde Wirkung des TV-Programms. Er zeigt Betten, in deren Fußteil Fernsehbildschirme integriert sind.

"Wir sind always on"

Natürlich können auch Sitzmöbel mehr, als nur eine Sitzgelegenheit zu bieten. In die Sofas von Bruno Remz sind Beleuchtungskörper eingebaut, und aus der Sitzfläche lassen sich Polsterelemente herausnehmen, die umgedreht als Tablett funktionieren. Mitunter sind Rückenlehnen als Bücherregal gestaltet (Cor), oder in die Armlehnen wurden Computerbildschirme eingelassen (Artanova). Und sogar Liegestühle haben schräg ausklappbare Flächen – ideal für die Schreibtischarbeit unter freiem Himmel.

Doch für was spricht der Vormarsch dieser Multifunktionsmöbel?

Offensichtlich passen sie sich unseren Gewohnheiten an. Wir wollen nicht zwischen Musik-, Arbeits-, Esszimmer und Terrasse wählen. Wir wollen überall alles machen. Und überall soll das elektronische Equipment greifbar sein. Selbst im Garten wollen wir googeln oder mal eben im Netz nachsehen, ob's wirklich gleich anfängt zu regnen, und auch in der kuscheligsten Sofaecke beruflich wichtige E-Mail nicht verpassen.

Trendexperte Peter Wippermann schreibt dazu in seiner aktuellen Stilwerk-Studie: "Traditionelle Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit werden zunehmend durchlässiger: Wir sind always on."

Adrenalin-Küche zum Vollgaskochen

Klar also, dass wir auch beim Kochen nicht abschalten wollen. So hat die Porsche-Design-Küche (Poggenpohl) ein integriertes Audio-Video-System. Die schnieke Männer-Kochstation ist zwar nicht zum ersten Mal zu sehen, zieht aber durch die Rasanz ihrer kantigen Karosserie mit den dominanten Aluminiumprofilen und cool spiegelnden Glasflächen viel Aufmerksamkeit auf sich. Auf prestigebewusste Freizeit-Brutzler zielend, ist sie die Adrenalin-Küche für alle, die eher selten, aber mit Vollgas kochen.

So ein Statussymbol ist natürlich zu schade, um versteckt zu werden. "Die Küche dient", so Poggenpohl-Chefdesigner Manfred Junker, "zunehmend als Erlebnis- und Repräsentationsraum, der immer mehr Menschen in seine Mitte zieht." Wächst doch nach dem Muster des Lofts der Bereich zwischen Küche, Wohnzimmer und Terrasse ohnehin immer stärker zu einem fließend strukturierten Raum zusammen.

Unterdessen verschwistern sich in der anderen Hälfte des Apartments Schlafzimmer, begehbarer Schrank und Bad. In diesen privaten, intimeren Gefilden wird relaxt. Hier, im ganz persönlichen Wellness-Areal, gleicht man aus, was Wippermanns Trendstudie als "Defizite aus der virtuellen Präsenz" benennt und mit "fehlende physische Nähe und Substanz" beschreibt.

Phantasie töten sie bestimmt

So ist auch die Wanne nicht mehr nur zum Waschen da. Die Firma Ruhe & Raum präsentiert ein spektakulär in ein Schlafzimmer integriertes Badebecken. Ein breiter Rand aus geöltem Holz umschließt es, und aus einem Baldachin-Paneel (entworfen von Philippe Starck für Axor/hansgrohe) sickern softe Duschtropfen wie Balsam aus einer wundertätigen Wolke. Von Fliesen und kühl-metallischen Armaturen ist nichts zu sehen. Die Wanneninstallation – zu haben für etwa 12.000 Euro - gleicht eher einem verträumten Indoor-Teich als einer schnöden Körperreinigungs-Location. Und das gesamte Schlaf-Bade-Areal könnte gut als privates Tiefenentspannungs-Spa durchgehen.

Das Aufmöbeln mit Erlebnissurrogaten macht auch vor dem Kinderzimmer nicht halt. Die Firma Wellemöbel hat in Kooperation mit dem Spielzeughersteller Mattel ein Mädchenzimmer kreiert, das von rosarotem Puppenstuben-Charme überzuckert auch den Wohnbedürfnissen der Barbie-Puppe entspricht – etwa durch besonders kleine Accessoire-Fächer und Miniaturkleiderstangen, so dass die Puppenmode neben den Kindersachen im Schrank ihren eigenen Platz hat.

Man kann die Barbiesierung des Kinderzimmers als naheliegenden Coup raffinierten Cross-Marketings begreifen. Oder man sieht sie als perfide Ausweitung des kindlichen Habenwollen-Impulses. Phantasietötend aber ist sie bestimmt. Passé die Idee, Opas Zigarrenschachtel und Mamas Cremetöpfe in Puppenmöbel zu verwandeln.

Die kreativen Köpfe von Morgen wachsen in der Barbie-Ideal-Welt sicher nicht auf.


"imm cologne" - Publikumstage 24. und 25. Januar, Messegelände Köln



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.