Margarete Stokowski

Körperbild bei Frauen Mehr dicke Mädchen in Leggings!

Busen zu klein, Hintern zu dick und dann auch noch unrasiert: Frauenkörper bleiben nie unkommentiert. Deshalb fühlen Frauen sich oft so, als ob irgendwas mit ihnen nicht stimmt. Das muss sich ändern. Ein Manifest.
Regisseurin Taryn Brumfitt

Regisseurin Taryn Brumfitt

Foto: Majestic

Angeblich sind die Gedanken frei, aber manchmal sind sie auch tonnenschwer. Ein solcher Gedanke ist: Wenn ich 5/10/20 Kilo weniger wiegen würde, wäre mein Leben besser. Millionen Menschen tragen diesen Gedanken mit sich herum, jahrzehntelang. Sie haben gute Vorsätze und ein schlechtes Gewissen. Irgendwann zwischen 60 und 70 Jahren geben sie auf, irgendwann sterben sie. Wenn man mit alten Leuten spricht, am Ende ihres Lebens, dann hört man niemals den Satz: "Ich hätte mir im Leben wirklich mehr Gedanken machen sollen, ob ich nicht zu fett war."

Frauen sind besonders gut in dieser Art von sinnloser Qual. Die australische Regisseurin Taryn Brumfitt hat für ihren Dokumentarfilm "Embrace" (läuft grad im Kino, bitte gucken) Frauen auf der Straße gebeten, ihren Körper in Kürze zu beschreiben. Die meisten sagten Sachen wie: "bisschen zu dick", "fett", "abstoßend", "unangenehm". Eine Frau erzählte ihr, sie war noch nie mit ihrem Kind schwimmen, weil sie sich nicht traut, einen Badeanzug anzuziehen. Eine andere hatte seit Jahren keinen Sex mehr, weil sie nicht nackt sein wollte vor ihrem Partner. Brumfitt selbst nahm an einem Bodybuilding-Wettbewerb teil und stellte fest: Selbst diese Frauen, die ihre Körper maximal unter Kontrolle haben und sich zu perfekten Maßen trainiert haben, mäkeln immer noch an sich rum.

Selbstgemachtes Leid

Und sie tun es nicht nur selbst. Frauenkörper in der Öffentlichkeit bleiben nie unkommentiert. Am Wochenende lief auf ProSieben "Schlag den Star", eine Spielshow mit der Sängerin Lena Meyer-Landrut und dem Model Lena Gercke. Auf Twitter konnte man im Sekundentakt Bewertungen ihrer Körper lesen. Sie hätten "Minibrüste" oder einen "Kinderkörper", wären "widerlich". Eine Frau schrieb, sie würde "denen gerne mal das Make-up abkratzen und schauen wie sie dann aussehen". Die Frauenzeitschrift "Jolie" fragte : "Wann hört das elendige Bodyshaming endlich auf?". Eine berechtigte Frage von einem Magazin, das zu großen Teilen daraus besteht, zu erklären, wie man Augenringe überschminkt und wie viele Kalorien man durch Beischlaf verbrennt ("Werdet schlank durch Sex!"), mit direkter Vergleichsmöglichkeit zur Körperelite ("Wie viel wiegt Selena Gomez? Wir verraten euch die Maße der Stars und Models").

Wir haben uns an dieses Leid gewöhnt, aber alles davon ist selbst gemacht. Jetzt im Sommer überlegen sich wieder reihenweise Frauen, wie sie ihre Körper möglichst gut verstecken können - nicht aus religiösen Gründen, sondern aus Scham, nicht perfekt genug zu sein. Was für eine elende Scheiße. Deswegen hier ein Manifest.

1. Für mehr dicke Mädchen in Leggings! Kleidung ist für Menschen da und nicht umgekehrt. Jedes dicke Mädchen in Leggings ist eine Demo für mehr Vielfalt. Diese Art von Demo muss nicht angemeldet werden. Wenn Sie Ihre sogenannte Bikinifigur in einer Sekunde erreichen wollen, dann geht das mit dem simplen Trick, zu sagen: Reicht jetzt auch mal. Der perfekte Tag kommt nie. Also kann er auch heute sein.

2. Wer starrt, verliert. Brustwarzen existieren. So ziemlich alle Menschen haben welche. Sehr viele, vor allem junge Frauen tragen BHs, die sie nicht ausstehen können, obwohl sie genauso gut ohne rumlaufen könnten, wenn nicht - die sogenannte Gesellschaft wäre. Nicht wenige Männer behaupten, sie würden abgelenkt, wenn sie die Brustwarzen von Frauen durchs T-Shirt sehen würden. Kompletter Schwachsinn, und hinfälliger, je häufiger es passiert. Bitte konzentrieren Sie sich auf den Straßenverlauf. Danke.

3. Apropos Männer: die auch. Männer haben auch Brüsteprobleme. Viele versuchen das zu verstecken, was auf Englisch "moobs " heißt. Muss nicht sein. Immer raus damit. Sieht man eh. Der dreihunderttausendste Magazintext darüber, ob Männer im Sommer kurze Hosen oder Flipflops tragen "dürfen": Bitte nicht schreiben.

4. Haare am Körper: normal. Immer noch bestehen ca. 17 Prozent feministischer Arbeit (Quelle: Gefühl) darin, die Frage zu beantworten, wie das jetzt mit der Behaarung ist und ob es unfeministisch oder feministisch ist, sich zu enthaaren oder nicht. Es ist, kurzgefasst: scheißegal. Unfeministisch ist, sich über Körper von anderen zu beschweren, außer sie sitzen auf dir drauf und sind zu schwer.

5. Alter ist Erfahrung, Lachen über Alter ist Dummheit. Der menschliche Körper weiß, dass er irgendwann stirbt, deswegen zieht es ihn ab einem gewissen Alter in Richtung Erdmittelpunkt. Das ist von der Natur so gedacht, deswegen fängt alles an zu hängen. Das soll so.

6. FKK, Neuversion: das Fasten von Körper-Kommentaren. Menschen, die andere Menschen aufgrund ihres Körpers abwerten, sind der größte als unpolitisch geltende Scheißverein der Welt. Die unelegante Sache mit "als unpolitisch geltend" kommt da rein, weil es selbstverständlich ein politischer Akt ist, wenn man Menschen wegen ihres Aussehens ein Stück Welt verwehrt. Das ist der Moment, wo Freiheit stattfindet oder eben nicht stattfindet. Kommentare über die Körper anderer Leute sind nur gerechtfertigt a) durch medizinisches Fachpersonal, b) wenn man gefragt wurde oder c) wenn man aufs Maul bekommen möchte.

7. Keinen Hass kaufen. Die britische Autorin Laurie Penny hat mal geschrieben: "Wenn alle Frauen dieser Erde morgen früh aufwachten und sich in ihren Körpern wirklich wohl- und kraftvoll fühlten, würde die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbrechen." Es gehört zum Frausein im Kapitalismus, Unmengen von konsumierbarem Zeug angeboten zu kriegen, das den Körper optimieren soll - obwohl er in den allermeisten Fällen schon okay ist. Ein Teil dieses Zeugs sind Magazine, die Frauen erklären, welche Mängel sie haben und wie sie sie in drei Schritten loswerden, wobei sie idealerweise gleichzeitig Cupcakes backen und ihrem Partner einen blasen. Bevor Sie ein solches Heft kaufen, fragen Sie sich: Möchten Sie heute Geld für den Erhalt des Patriarchats spenden? Darauf gibt es nur eine sinnvolle Antwort: Nö. Heute nicht, und morgen auch nicht.

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