Körperkultur Nie wieder Pelz!

Haarlosigkeit ist nicht nur bei Frauen Trend: Immer mehr Männer entscheiden sich gegen den Körperpelz. Über die Rückkehr der aalglatten Typen in Kunst und Alltag.
Von Jenny Hoch

Auf der Alm gibt’s keine Sünde – heißt es. Eine gibt es aber doch, zumindest, wenn es sich um jene Berghütte handelt, auf die ProSieben mehrere B-Prominente zum Überlebenstraining schickte. Sie besteht darin, an gewissen Körperteilen wilden Haarwuchs zuzulassen. Wegen dieses anti-ästhetischen Vergehens geriet der Ex-Boxer René Weller in der Reality-TV-Sendung "Die Alm" in eine ziemlich haarige Situation: Als der damals 50-Jährige sich anschickte, nackt, wie Gott ihn schuf, und unter freiem Himmel in eine Badewanne zu steigen, stöhnte sein deutlich jüngerer Alm-Mitbewohner Detlev Soost im Angesicht der naturbelassenen Genitalien entsetzt auf: "Rasier' dir mal den Schwanz!"

Oder neulich im Kino: In July Delphys Intellektuellen-Beziehungskomödie "2 Tage in Paris" verwickelt ein Franzose die amerikanische Hauptfigur Jack in ein Gespräch über die Vor- und Nachteile des "ticket métro". "Ah, landing strip" kontert der Amerikaner lässig – wohl wissend, dass die Unterhaltung nicht etwa um den Pariser Nahverkehr kreist, sondern um Geschlechtsverkehr mit untenherum rasierten Frauen. "Ticket métro" oder "landig strip" werden Intimfrisuren genannt, bei der ein etwa zwei Finger breiter Schamhaarstreifen stehen bleibt, während rundherum alles glatt rasiert ist. Das Ganze sieht dann aus wie eine sorgfältig gefräste Landebahn - oder eben wie ein französisches U-Bahn-Ticket.

Piercings oder Tattoos sind passé, der neue Körperschmuck ist die Intimrasur. Die Anti-Pelz-Bewegung hat inzwischen regelrecht militante Züge angenommen, man kommt an ihr weder im Kino noch im Fernsehen und erst recht nicht im richtigen Leben vorbei. Die Werbung hat es lange genug vorgemacht, jetzt machen es die 15- bis 29-Jährigen nach: Nur das Haupthaar darf noch voluminös wallen, Achseln und Beine haben komplett haarfrei zu sein, die Intimzone wird zumindest ordentlich gestutzt. Und der Clou: Was früher reine Frauensache war, gilt längst auch für Männer. Sich kräuselndes Brusthaar, behaarte Achselhöhlen oder Geschlechtsteile gelten längst nicht mehr als Ausdruck männlicher Potenz. Ein Blick in die Saunabereiche der Republik zeigt: Auch Mann trägt unten ohne.

Vom Primaten zum militanten Depilierer

Laut einer Studie des Rasierklingenherstellers Wilkinson rasieren sich 60 Prozent der Frauen zwischen 20 und 29 Jahren den Genitalbereich, in Großstädten sind es sogar 81 Prozent. Eine Marktstudie von Philips hat ergeben, dass die Männer den Frauen dicht auf den Fersen sind: Auf die Frage, welche Körperteile am häufigsten rasiert werden, rangierte die "Leistengegend", wie der Konzern sich vornehm ausdrückt, mit 67 Prozent ganz vorn, gefolgt von den Achseln (rund 64 Prozent). Das Unternehmen hat deswegen einen Ganzkörper-Haarentferner herausgebracht, und es scheint, als habe die Männerwelt nur auf dieses Gerät gewartet: Kein anderes neues Produkt von Philips verkaufte sich im vergangenen Jahr so gut wie der "Bodygroomer".

Dass sich mit der neuen Haarlos-Mode gutes Geld verdienen lässt, hat sich schnell herumgesprochen. So bietet die Kette "Wax in the City" in inzwischen drei Filialen in Berlin und München die schnelle Enthaarung "Wax and go" ohne Voranmeldung an – selbstverständlich auch für den Herren. Einmal "Brazilian Hollywood Man", also das Komplettwaxing der Intimzone, ist dort für 33 Euro zu haben. Die Eröffnung des ersten Studios 2005 in Berlin Mitte war sogar der britischen "Times" eine Meldung wert. "Final cut for the hairy frauleins" titelte das Blatt und staunte über die Entwicklung der Deutschen von "entspannten weiße-Socken-und-Sandalen-tragenden Primaten" zu "militanten Depilierern".

Den Boom bekommt auch Aliki Gath zu spüren. Als sie vor 20 Jahren begann, in Hamburg nach altägyptischen Rezepten Halawa, eine Enthaarungspaste auf Zuckerbasis, herzustellen und zu vertreiben, stieß sie auf große Skepsis. "Ich bin in Ägypten geboren, und dort enthaaren sich Frauen und Männer schon seit mehr als dreieinhalbtausend Jahren", sagt die zierliche Frau. In jeder Familie gäbe es mindestens eine Person, die die Technik beherrscht. Man enthaare sich einerseits aus hygienischen, andererseits aus Glaubensgründen: "Für Muslime gehört die Entfernung der Achsel- und Schamhaare bis heute zu den Regeln ihrer Religion".

Körperhaar als politisches Statement

Die Kurse, in denen Aliki Gath heute ihre Enthaarungskünste weitergibt, sind inzwischen heiß begehrt. Dabei sind es längst nicht nur Kosmetikerinnen, die sich in die orientalische Art der Haarentfernung einweihen lassen. "Zu mir kommen Mütter mit ihren Töchtern und viele Paare, die lernen wollen, sich gegenseitig zu enthaaren" - am ganzen Körper, versteht sich.

So wie Jon Bandrabur. Der 16-jährige Gymnasiast benutzt Halawa, um sich die Achselhaare restlos zu entfernen, seine Mutter hilft ihm dabei, die schmerzhafte Prozedur zu bewältigen. "In meiner Klasse enthaaren sich alle", erzählt er, "und die die es nicht machen, die werden verarscht. Ist doch eklig, da Haare zu haben." Die Intimzone enthaart er sich zwar noch nicht, doch auch das sei bei seinen Mitschülern, weiblichen wie männlichen, Gang und gäbe.

Tatsächlich ist die Komplettrasur, die im Orient, aber auch in Nord- und Südamerika zum Körperpflege-Standardprogramm zählt, in Deutschland ein relativ neues Phänomen. Zwar rasierte sich die deutsche Frau von Welt schon in den fünfziger Jahren Achseln und Beine und benutzte Schweißblätter in der Kleidung, aber diese Form der Körperpflege war mit der weiblichen Emanzipationsbewegung zunehmend verpönt. In den sechziger und siebziger Jahren schließlich, wurde üppig sprießendes Körperhaar zum politischen Statement der sexuell befreiten Frau.

Erst später, mit zunehmender Amerikanisierung, galten buschige Achselhaare als ästhetischer Affront und wurden fortan abrasiert. Die Schamhaare waren von dieser Rasierwelle zunächst aber nicht betroffen. Die Intimrasur stand abseits in der Schmuddelecke und war höchstens was für Pornodarsteller, Prostituierte oder Schwule.

Männer - optimal gestylt

Wie gesellschaftsfähig die Intimrasur inzwischen geworden ist, zeigt sich etwa in der U-Bahn: "Eine schöne glatte Haut ohne störende Körperhaare ist ein wichtiges Merkmal attraktiver Menschen", erinnert ein Institut für dauerhafte Haarentfernung auf großen Plakaten die Fahrgäste an das aktuelle Schönheitsideal. Gleich daneben bietet unter dem Slogan "Keine falsche Scham" eine auf Schönheitsoperationen im Intimbereich spezialisierte Klinik ihre Dienste an.

Für die Psychologin Ada Borkenhagen, die an der Universität Leipzig weibliche Identitätsstörungen erforscht, ist diese Entwicklung zweischneidig: "Einerseits werden die Genitalien durch die Intimrasur sichtbarer, was zu mehr Selbstbewusstsein führen kann, das sich wiederum auf die sexuelle Befriedigung positiv auswirken kann, andererseits unterliegt nun auch dieses Körperteil rigiden Schönheitsnormen." Was das bedeutet, lässt sich an der aktuellen Mode leicht erkennen: Vermeintlich zu wulstige Schamlippen stören in engen Röhrenjeans plötzlich ebenso wie ein nicht der Size-Zero-Norm entsprechender Hintern. Das bisher dunkel umwölkte Bermuda-Dreieck der Schamgegend wird zunehmend einem ästhetischen Imperativ unterworfen.

Und wie ist das bei den Männern? Warum werden echte Kerle plötzlich en masse zu Kosmetikbenutzern und Intimrasierern? Der Soziologe und Geschlechterforscher Michael Meuser beobachtet seit Mitte der neunziger Jahre die verstärkte Aufmerksamkeit der Männer für ihren eigenen Körper. "Die männliche Selbstinszenierung hat sich radikal gewandelt, seitdem Männerzeitschriften wie 'GQ' oder 'Men's Health" das Wissen vermitteln, wie man seinen Körper optimal pflegt, stylt und präsentiert", sagt Meuser. Männer unterlägen verstärktem Erfolgsdruck nach dem Motto: Wer seinen Körper nicht unter Kontrolle hat, hat auch im sonstigen Leben keine Kontrolle. Von einer "Krise der Männlichkeit" will Meuser aber nicht sprechen. Dennoch drückt sich in dem neuen, haarlosen Körperbild eine Verschiebung der Geschlechterverhältnisse aus: "Männliche Dominanz ist nicht mehr selbstverständlich", bestätigt Meuser.

Es gibt aber jenseits gesellschaftlicher Veränderungen, hygienischer und religiöser Gründe noch eine andere, wesentlich banalere Erklärung, warum Männer so gerne auf den Zug der Intimrasierer aufspringen. Frank Sommer, der weltweit erste Professor für Männergesundheit an der Universitätsklinik in Hamburg-Eppendorf hat sie parat. Er beobachtet in seiner Sprechstunde seit Jahren Männer mit rasierter Scham quer durch alle Altersklassen und Schichten und sagt: "Der Penis wirkt dadurch optisch einfach größer."