S.P.O.N. - Der Kritiker Verzweifeltes Gelächter am Rand des Abendlandes

Gib dem Affen Zucker: Auf ihrem Album "Mania Regressia" spielen die Jewish Monkeys mit jüdischen Klischees und antisemitischer Wirklichkeit. Ein Soundtrack für die Panik-Attacken unserer Tage.

Jüdische Affen also, und die Frage ist gar nicht: Dürfen die sich so nennen, weil sie Juden sind und das ein Witz ist, und dürfen das andere nicht, weil sie keine Juden sind und das eine Beleidigung wäre. Denn diese Frage allein schon nimmt den Spaß aus der Gegenwart und macht sie zum Untertan von Fanatikern, Angsthasen und anderen Spielverderbern.

Aber so ist die Zeit, Schulkinder wandern durch Berlin in Polizeibegleitung, weil sie Juden sind und weil ab und zu welche erschossen werden, Journalisten schreiben darüber, dass es für sie keine Zukunft in diesem Land gibt, weil sie Juden sind, und ihr Ton ist gar nicht mal bitter, sie haben das ja schon erlebt, seit 2000 Jahren und womöglich jede Nacht, in ihren Albträumen.

Dann sind sie schreiend aufgewacht, so wie ihre Eltern, die zurückgekommen sind in dieses Land, und die Söhne und Töchter verstanden nicht, warum - es gab die Lager, es gab die Lügen, sie lebten unter Mördern und mussten sich verstecken, damit die Mörder sich nicht gestört fühlten.

Einige sind dann trotzdem geblieben, die Söhne und Töchter der Opfer, die keine Opfer mehr sein wollten und keine traurigen Novemberjuden, die dem Gedenken dienten - sie blieben, weil, weil sie halt schon mal da waren und einen Job fanden oder sich verliebten oder London zu britisch fanden und Tel Aviv zu heiß und sich nach New York nicht trauten.

Ein Album voller Liebe, Wut und guter Laune

Einige aber sind auch gegangen, vor Jahren schon, es ist die Frage, die sich für jeden Juden stellt, wenigstens so lange es Israel noch gibt - und auch darum geht es mal wieder in diesen verrückten Tagen, wenn sich der ganz normale und wissenschaftlich erwiesene deutsche 15-bis-20-Prozent-Antisemitismus mit dem islamischen Israelhass auf der Straße trifft und formiert und marschiert und skandiert: "Kindermörder Israel".

Es hat sich eben etwas verändert, es gab eine Disruption in den Tagen von Gaza. Die Isolation Israels ist spürbarer geworden und damit auch die Angst vieler Juden: Wie also geht es weiter mit dem "fuck'n Middle East", wie es die Jewish Monkeys ausdrücken, diese Post-Klezmer-, Post-Pop-, Post-Alija-Band aus Tel Aviv - sie haben ein Album gemacht voller Liebe, Wut und guter Laune, das so heißt, wie sie selbst sind: zart zerstörte Kindsköpfe, und das eine Art Soundtrack bietet für die Panikattacken unserer Tage. "Mania Regressia".

Wenn sie nun in ihren Songs vom Krieg erzählen, die "Jewish Monkeys", dann klingen sie wie Joseph Heller, der Schriftsteller des großen Anti-Krieg-Romans "Catch-22", der wusste, dass Moral und Wahrheit etwas ist für die Couchsurfer unter den Welterklärern: "Leave our land, and we won't break your jaw", swingen da "die Araber" zum Sound von Harry Belafonte, "they killed us in Europe, we need real estate", halten "die Juden" dagegen, mit dem zischelnden Akzent der Neuankömmlinge.

"Banana Boat vs. Hava Nagila" heißt der Song: Es ist das Privileg der Kunst, sich über die Politik lustig zu machen und trotzdem politisch zu sein - und genau auf diesem Terrain bewegen sich die "Jewish Monkeys". Sie singen von Liebe und wippen dazu im Takt der eigenen Auslöschung, sie sind fatalistisch und verloren und singen ausgerechnet auf Jiddisch dagegen an, sie sind zum Teil schon in den Neunzigerjahren aus Deutschland nach Israel gegangen und stürzen sich mit fröhlicher Verzweiflung in das absurde Theater aus Öl, Religion und Hass, das sie umgibt.

"Mania Regressia" ist damit mehr als die Musik, die es da zu hören gibt, alte und eher abwegige Songs mit neuem geopolitischem Feuer wie "Caravan Petrol" oder der satirische Hit "Johnny is the Goy for Me", ein großes heiter-verzweifeltes Gelächter am Rand des Abendlandes.

"Mania Regressia" formuliert darüber hinaus in verschiedenen Varianten eine einzige, einfache Frage mit gewissen politischen Folgen: Mögt Ihr lieber lebende oder tote Juden?