S.P.O.N. - Der Kritiker Manche nennen es Journalismus

Der Umgang mancher Journalisten mit ihrem Kollegen Glenn Greenwald, dem Kontaktmann des NSA-Enthüllers Edward Snowden, offenbart eine tiefe Krise der Medien: Deren ökonomisch gefährdete Grundlage zerstören sie auch noch inhaltlich.

Glenn Greenwald ist ein Held unserer Tage, und einigermaßen erschütternd daran ist, dass er dazu nicht allein durch seine Recherchen, Kolumnen, Kontakte zum NSA-Whistleblower Edward Snowden und anderen geworden ist - es waren auch die Medien, die Journalisten, die Kollegen, die ihn dazu gemacht haben: indem sie ihr eigenes Metier verraten, ihren Ethos vergessen, ihre Daseinsberechtigung verloren haben.

Zuerst schien es nur wie ein amerikanischer Irrläufer, ein Flackern aus Pundit-Country, einer dieser schrägen Fernsehmomente, die sich in letzter Zeit zu häufen scheinen: Im Juni musste sich Greenwald in der NBC-Sendung "Meet the Press" fragen lassen, warum er, der Edward Snowden "geholfen und unterstützt habe", nicht gleich mit angeklagt wird - ein NBC-Journalist also, der Journalismus kriminalisiert, die Arbeit eines Kollegen entwertet und Recherche praktisch unter Generalverdacht stellt, das war selbst im Land des temporären geistigen Shutdowns ein ziemlicher Querschläger.

Paranoia ersetzt das Denken

Aber Paranoia ist eben keine verdrehte Wirklichkeit, Paranoia ist keine verbogene Weltsicht, Paranoia ist kein Symptom von Angst und Unsicherheit - Paranoia, das zeigte diese erste Episode der Einschüchterung, erzeugt selbst Angst und Unsicherheit, Paranoia erschafft sich eine eigene Welt, Paranoia ersetzt das Denken und wird so zum Agenten der Macht: Wenn man sich heute diesen kurzen, historischen Schlagabtausch auf YouTube  anschaut, wirkt es wie eine Fahrt durch die Geisterbahn der Postdemokratie.

Die Szene war deshalb so gespenstisch, weil Greenwald härter, direkter, auch unhöflicher befragt wurde als etwa bei Politikern üblich - und es war kein Ausrutscher, es hat fast schon so etwas wie Methode. Denn das Ganze wiederholte sich, Anfang Oktober, als die BBC sich zum "Lakaien des Sicherheitsstaats" machte, wie das der Blogger Alistair Fairweather nannte: "Warum", fragte die erfahrene Journalistin Kirsty Wark,  "sollten Sie der Schiedsrichter sein, was im Interesse der Öffentlichkeit ist und was der nationalen Sicherheit dient?"

Weil es sein Job ist, Kirsty! Manche nennen es Journalismus.

Was ist da also passiert? Es wiederholte sich noch einmal, Anfang dieser Woche, als ein Kolumnist der britischen Zeitung "The Independent" erklärte,  er hätte Snowdens Enthüllungen nicht veröffentlicht - denn wenn der Geheimdienst MI5 "warnt, dass das nicht im nationalen Interesse ist, wer wäre ich, ihnen nicht zu glauben?"

Glenn Greenwald nannte das in seiner letzten Kolumne für den "Guardian" den "perfekten Grabspruch für Establishment-Journalismus" - einen Tag später verabschiedete er sich genau von dieser Art von klassischem Journalismus und gab bekannt, dass er in Zukunft für den Ebay-Milliardär Pierre Omidyar arbeiten werde, der eine eigene, digitale Journalismus-Plattform entwickelt: Um, wie Omidyar etwas pathetisch, aber nicht ganz unplausibel sagte, die Demokratie zu bewahren.

Seltsame, schauprozesshafte Panik

Seltsam an der Sache ist nun nicht, dass sich ein Medienstar unserer Zeit einen neuen Arbeitgeber sucht, seltsam ist auch nicht, dass im Jahr 2013 ein Philantrop, Aktivist und Carnegie unserer Tage auf die Idee kommt, selbst etwas zu tun, wo er einen institutionellen Mangel beobachtet. Seltsam ist eher die schauprozesshafte Panik, mit der Teile, immerhin liberale Teile der englischen und amerikanischen Medien einen Kollegen verfolgen, der, wie es die BBC-Frau mehr feindlich als anerkennend sagte, "verantwortlich", "responsible" ist für die Snowden-Enthüllungen.

Wie ist denn dieses Gift in die Köpfe von Journalisten gedrungen? Wie können sie in einem freien Land tatsächlich solche Orwell-Sätze schreiben, dass der Staat schon wissen wird, was gut für uns ist? Ist das nur die Angst um die eigene Position, die Angst vor der medialen Herausforderung durch "das Internet"? Reicht das als Erklärung etwa für den klebrigen Populismus von Kirsty Wark, die sich zur Sprecherin der von ihr vermuteten schweigenden Mehrheit der Briten machte, die sich doch "durchaus sicher fühlen", so sagte sie es, durch die Spionage von NSA und GCHQ?

Was ist los mit einem Journalismus, der die Grundlagen, die ökonomisch gefährdet sind, inhaltlich gleich selbst zerstört?

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