Margarete Stokowski

Demonstrationen Frauenrechte, scha-la-la-la-la!

Twittern und Selfies machen ist das neue Flugblätterverteilen: Warum man "Pussyhats" und andere bunte Protestformen gegen Trump nicht madig machen sollte. Wir brauchen das alles - und noch viel mehr!
"Women's March" in Denver

"Women's March" in Denver

Foto: Michael Rieger/ dpa

Es gibt diese Zeilen von Hölderlin, in denen es heißt: "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch." Erfahrungsgemäß stimmt das leider nicht. Das Rettende ist manchmal gar nicht da, und manchmal macht es sich auf den Weg, aber die Rettenden beschimpfen sich gegenseitig, machen sich gegenseitig ihre Rettungsringe madig und am Ende haben alle keinen Bock mehr.

Es ist eigenartig undemokratisch, für Vielfalt zu kämpfen und dann Vielfalt von Protesten nicht anzuerkennen. Seit der Widerstand gegen US-Präsident Trump einen neuen Höhepunkt erreicht hat, gibt es auch entsprechend mehr von denen, die denken, dass sie wissen, wie man es macht. Kann sein, dass es manchmal stimmt. Kann aber auch sein, dass es kontraproduktiv ist, anderen ihren Widerstand madig zu machen, und von kritisch sein zu madig machen ist der Weg oft kurz.

Für manche Leute war es die erste Demo ihres Lebens

Nach dem Women's March gegen Trump gab es, ähnlich wie bei den Demos direkt nach der Wahl, die verständliche Kritik: Warum protestiert ihr erst jetzt? Warum nicht, sagen wir mal, vor der Wahl? Guter Punkt, einerseits. Andererseits: Besser spät als nie. Und besser in der ersten Woche von vier Jahren als in der letzten. Für manche Leute war es die erste Demo ihres Lebens. Immerhin.

Eine andere Kritik zielte auf die Pussyhats , die viele der Demonstrierenden trugen, und die eine Reaktion auf die "Grab them by the pussy"-Geschichte waren: Pinke Mützen mit Katzenöhrchen, also zum einen ein Wortspiel und zum anderen etwas Niedliches mit Vulvabezug. Das kann schon wehtun. Da machen Leute jahrzehntelang politische Bildungsarbeit, Aktivismus und Wissenschaft, sie erklären in einem beachtlichen Teil ihrer Lebenszeit, was es mit Feminismus und Sex und Gender auf sich hat, und warum es nicht gut ist, Frauen auf ihren Körper oder gar auf ihre Genitalien zu reduzieren. Und dann macht ein gruseliger Typ einen scheußlichen Spruch und Abertausende Frauen setzen sich eine Muschimütze auf den Kopf, und zack: Scha-la-la-la-la-la, Frauenrechte!

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"Women's March": Frauen marschieren gegen Trump

Foto: Lucas Jackson/ AP

Ich versuche mir seitdem, Massen von Männern mit, sagen wir mal, Phalluszylindern (ist das doppelt gemoppelt?) vorzustellen, die für Gerechtigkeit marschieren, aber es fällt mir schwer. Man kann die Pussyhats schon bizarr finden. Andererseits waren sie leicht zu kriegen und gut sichtbar, also für ein politisches Symbol nicht das Schlechteste.

Es gibt Tausende Arten, sich zu Feminismus zu bekennen. Seit ein paar Jahren gibt es diese "This is what a feminist looks like"-Shirts. Sollen die Leute machen. Ich würde so was nicht anziehen. Zum einen, weil ich gern hätte, dass es keine große Rolle mehr spielt, wie Feministinnen denn nun aussehen, denn darüber reden wir seit über hundert Jahren. Und zum anderen, weil ich es meinen Gegnern nicht gönne, mich dabei zu sehen, wie ich in einem "This is what a feminist looks like"-T-Shirt heulend an der Bushaltestelle sitze.

Apropos heulen. Eine weitere Kritik, die nicht neu, aber gerade wieder oft zu hören ist, ist die an vermeintlichem Wohlfühlprotest: Ihr geht nur auf Demos, um Selfies auf Demos machen zu können. Oder: Ihr seid zu faul für Demos und könnt nur Hashtags. Aber Widerstand muss nicht unbedingt wehtun und anstrengend sein. Er sollte wirkungsvoll sein, das ja. Aber hart ist das Leben schon, und was soll noch alles hart sein?

Niemand muss in Parteien eintreten, wenn er keinen Bock hat

Ich glaube nicht, dass man Leute damit rumkriegt, dass man ihnen sagt, sie sollen in Parteien eintreten, statt Hashtags und Selfies zu machen. Das ist so Achtzigerjahre! Twittern ist, wenn man es gut macht, eine neue Form von Flugblätterverteilen, und das haben einige große Widerstandskämpferinnen und -kämpfer getan.

Rechte Politikerinnen und Politiker schaffen es immer wieder, Leute rumzukriegen, für die sie eigentlich nicht da sind. Eigentlich würde man meinen, es verbietet sich von alleine, die AfD zu wählen, sobald man das Risiko mit sich rumträgt, eines Tages arbeitslos, alleinerziehend oder ungewollt schwanger zu sein, und das trifft für fast alle Menschen zu. Sowohl Trump als auch die AfD schaffen es, den Leuten viel vorzumachen, aber eines werden sie nie schaffen, glaubwürdig zu erzählen: dass sie für Vielfalt und Solidarität sind. Und genau das sind unsere stärksten Waffen.

Niemand muss in Parteien eintreten, wenn er keinen Bock hat. Es gibt Leute, die machen es sich zur Aufgabe, andere über die Möglichkeiten von Zivilcourage und zivilem Ungehorsam zu informieren. Es gibt Leute, die mögen es nicht, mit Schildern auf Demos zu gehen und bringen stattdessen Getränke und Erste-Hilfe-Utensilien  zu den Demonstrierenden. Es gibt Leute, die es sich - unter anderem - zur Aufgabe gemacht haben, Fake News als solche zu enttarnen, wie die Leute von "Correctiv". Es gibt Leute, die keinen Fake News hinterherrecherchieren können, aber an "Correctiv" spenden . Es gibt Leute, die sich zusammentun, um Hetze im Internet zu widersprechen . Es gibt Leute, die singen am Flughafen was von Woody Guthrie, weil es gerade ganz gut passt: "This land was made for you and me."  Wir brauchen die alle und noch mehr.

Eine Bewegung ist für neu dazukommende Leute nicht dann attraktiv, wenn sie die genialsten Mützen oder eloquentesten T-Shirt-Sprüche trägt, sondern wenn sie offen ist, Widersprüche auszuhalten und dazuzulernen - und auch, Fehler zu verzeihen, eigene und die von anderen. Gilt ja alles für Menschen irgendwie auch, vor allem das mit den T-Shirts.