Bevormundung Ich melde mich, wenn ich einen geonkelt kriegen möchte

Urlaub, Garderobe, Frisur: Männer neigen dazu, Frauen ungefragt Ratschläge zu erteilen. In Japan scheinen sie dagegen ein Mittel gefunden zu haben: Dort kann man sich Onkel nach Bedarf mieten.

Wer hat's erfunden? Takanobu Nishimoto! Er hat das Unternehmen "Miet-Onkels" gegründet.
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Wer hat's erfunden? Takanobu Nishimoto! Er hat das Unternehmen "Miet-Onkels" gegründet.

Eine Kolumne von


Aus Japan kommen immer so geile Erfindungen. Haikus, Pokémon, flauschige Roboterrobben. Jetzt gibt es eine neue japanische Weltverbesserungsmaßnahme, und sie könnte schlauer nicht sein: "Miet-Onkel". Ein Service, bei dem man sich einen mittelalten Mann mietet, der zuhört und Ratschläge fürs Leben gibt. So ein "Ossan" ist 45 bis 55 Jahre alt und ist kein Therapeut, kostet aber auch weniger und hilft in allen möglichen Fällen - bei Beziehungsproblemen oder wenn man nicht weiß, wie man sich beim Vorstellungsgespräch benehmen soll.

Nun könnte man sagen: Ha, ha. Das machen die doch eh. Wenn ich einen Mann will, der mir erklärt, was ich mit meinem Leben machen soll, brauche ich gar keine Hotline. Von mittelalten Männern kriege ich ungefragt Ratschläge bezüglich meiner beruflichen Tätigkeit, Urlaubs-, Garderoben- und Frisurplanung, bezüglich meiner Ernährung und der Häufigkeit meiner sexuellen Erlebnisse, und das in beruhigender Regelmäßigkeit.

Vielleicht würde ich diese Ratschläge in Japan nicht kriegen und vielleicht sind deswegen die Miet-Onkels gut für Japan, kann sein, aber ich hab von ihnen jetzt schon was gelernt, ohne je einen gemietet zu haben. Danke, Onkels.

Wenn nämlich Männer hierzulande dieser Art von unerbetener Ratgeberei nachgehen, begegnen sie immer öfter dem Vorwurf des "Mansplaining" und manchmal sogar berechtigterweise.

Frauen werden nicht gehört, Männer schwadronieren

Der Begriff "Mansplaining" beschreibt nicht nur ein Problem, er ist auch eins. Ursprünglich war er dazu gedacht, folgendes Phänomen zu beschreiben: Eine Person (eventuell eine Frau), die eigentlich alleine klarkommt, sich auf einem Gebiet gut auskennt und keine Hilfe braucht, bekommt von einem Mann trotzdem einen monologartigen Vortrag zu einem bestimmten Thema, von dem er eigentlich gar nicht mehr Ahnung hat als sie und vielleicht sogar weniger.

Der Begriff entwickelte sich im Englischen kurz nach der Veröffentlichung eines Essays von Rebecca Solnit: "Men explain things to me". (Sie erzählt darin eine Szene, in der ein Partygastgeber versuchte, sie zu überzeugen, unbedingt ein bestimmtes Buch über einen Fotografen zu lesen, und nicht checkte, dass sie selbst die Autorin dieses wichtigen Buchs war, von dem er nur eine Rezension kannte. Solnit sieht darin ein wiederkehrendes Muster von Frauen, die nicht gehört werden, und Männern, die hochmütig schwadronieren, wobei sie auch sagt, dass Frauen bisweilen auch so schwadronieren können.)

Irgendwann in den letzten zwei Jahren wurde der Begriff "Mansplaining", der selbst nicht von Solnit stammt und dem sie eher ambivalent gegenübersteht, so halbwegs ins Deutsche übernommen, aber eben nur halbwegs, und seitdem hat er dieselbe Entwicklung durchgemacht, die alle englischen Begriffe machen, die in feministischen Kontexten ins Deutsche übertragen werden: Sie werden doppelt scheiße gefunden. Erst gibt es ein paar Leute, die finden, dass da ein Begriff etwas beschreibt, für das es keinen passenden deutschen Begriff gibt - Gender, Empowerment, Rape Culture, Victim Blaiming, Slut Shaming.

Der Begriff wird verwendet und wird geläufiger, und dann gibt es eine größere Menge Leute, die findet: Was für ein Quatsch. Obwohl Wörter wie "googeln", "snoozen" und "liken" geschmeidig in den Wortschatz der meisten Leute übergegangen sind, wirken Wörter wie "Gender" oder eben "Mansplaining" auf viele immer noch bizarr und damit doppelt fremd: englisch und feministisch, bäh. Und dann bekommt ein Begriff wie "Mansplaining" plötzlich die Bedeutung: Männer sollen nie wieder was erklären und eigentlich generell lieber die Klappe halten, ungefähr 3000 Jahre lang, einfach für die Gerechtigkeit.

Hier eilt uns nun - ganz seinem Wesen gemäß - der japanische Onkel zu Hilfe. Weil es die japanischen Miet-Onkels gibt, eröffnet sich eine komplett neue Möglichkeit des Umgangs mit Mansplainern.

Das geht so:

Übungsdialog zur Vermeidung von Über-Onkelung:

Mansplainer: "Was ich also die ganze Zeit sagen will, ist, dass du wirklich dringend..."

Person A: "Hab kein Geld mit, sorry."

Mansplainer: "Was?"

Person A: "Ich kann deine Onkel-Dienste nicht bezahlen."

Mansplainer: "Oh, das musst du nicht! Ich erkläre es dir so. Dein Problem ist..."

Person A: "Nein, Danke, das kann ich nicht kostenlos annehmen, das ist ein zu wertvoller Dienst. Und ich hab ja noch nicht mal was gebucht. Ich melde mich, wenn ich einen geonkelt kriegen möchte."

Bei Bedarf wiederholen. Fertig.

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insgesamt 209 Beiträge
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FerrisBueller 27.09.2016
1. Getantet?
Gibt es dass auch als Tante? Also eine Frau mittleren Alters, die einem Mann permanent erzählt, was er alles falsch macht und dabei nicht die geringste Ahnung hat, wie man es besser machen könnte?
trompetenmann 27.09.2016
2. Bitte, bitte, aufhören...
...es ist unerträglich. Natürlich müssen Frauen ständig bevormundet werden, das liegt in der Natur der Sache. Und selbstverständlich ist ein Vorfall stellvertretend für alles und immer und generell. Immer. Frau S. tut mir wirklich leid. Der Planet, auf dem sie lebt, muss wirklich schrecklich sein.
m82arcel 27.09.2016
3.
Wie lautet denn der Begriff dafür, dass Feministinnen Dinge zum Problem erklären, die keines sind?
MoorGraf 27.09.2016
4. sehr, sehr cool!
trifft es auf den Punkt! Danke für die Kolumne
Christoph 27.09.2016
5.
Frauen äußern sich natürlich nur dann zu Themen, wenn sie wirklich was Substantielles beizutragen haben. /Ironie off
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