S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Die Angst vorm "Homo-Dollar"

Wenn der böse Google-Konzern und das böse Israel Geld für etwas ausgeben, dann muss es ja um Manipulation gehen! Aber wo ist das Problem? Was ist so falsch daran, Homosexuelle als Zielgruppe zu pflegen?

Gleichgeschlechtliches Paar: "Pinkwashing" als liberale Geste?
DPA

Gleichgeschlechtliches Paar: "Pinkwashing" als liberale Geste?

Eine Kolumne von


Jetzt kann ich endlich nachvollziehen, wie es ist, sich über einen Artikel aufzuregen, den man nicht mal richtig zu Ende gelesen hat. Geschweige denn verstanden.

Ich weiß nicht genau, worum es der Autorin in einem kürzlich in einer Schweizer Tageszeitung publizierten Text mit der Überschrift "Der Homo-Dollar rollt" geht, der mit dem schwungvollen Appell endet: "Es ist die Instrumentalisierung von emotionalen Bedürfnissen wie Zuneigung und Akzeptanz zugunsten der Marktwirtschaft, die hier passiert. Und es ist schließlich eine Art von humanitärem Engagement, das - zumindest in der westlichen Welt - erstens wenig anstößig und zweitens auch noch preiswert ist, die Google da betreibt. Zu sagen, dass die Liebe weltweit leben soll, ist billiger, als Bewässerungsanlagen in Afrika zu bauen, und bringt erst noch ein paar pinke Sympathie-Dollars. 'Legalize Love' ist eine liberale Geste, genauso liberal wie David Camerons Bekenntnis zur Homo-Ehe. Und irgendwie sind das doch einfach die falschen Allianzen, wenn man ein bisschen queeren Stolz in sich trägt."

Ende.

Die Autorin kritisiert die Homo-Ehe, also nein, sie hat etwas gegen die Ehe im Allgemeinen, findet aber, dass Homosexuelle cooler sein sollen als Heterosexuelle und die Ehe für sich ablehnen. Was ja mal ein Gedanke ist, den man haben kann. Man kann alles uncool finden. Kinder bekommen, Ehe schließen, Eigenheime anzahlen, Rente. Man kann diese ganzen bürgerlichen Stereotype ablehnen. Muss man aber nicht. Ich finde, das soll jeder halten, wie er mag. Wer eine hübsche, kitschige Ehe will, soll sie eingehen können, gleichgeschlechtlich, heterosexuell, wir müssen nicht mehr, aber alle sollen dürfen dürfen.

Nächster überraschender Punkt - Trommelwirbel: Israelkritik. Jetzt haben die Israelis sehr viel Geld investiert, um Homosexuelle aus aller Welt als Touristen anzulocken. Natürlich kommen auch Palästinenser im Text vor, die, nebenbei bemerkt, wenn sie homosexuell sind, gerne nach Tel Aviv flüchten.

Im Text herumeiern

Krasses Zeug. Die Israelis investieren nicht in Olympische Spiele oder in Familienurlaub, sondern bewerben ihr Land als Randgruppen-Ferien-Destination. Nicht um die Welt ein wenig normaler zu machen, sondern, natürlich, um von ihrer Politik abzulenken, über die wir hier natürlich alle bestens Bescheid wissen.

Ich halte dagegen, dass es mir lieber ist, wenn Geld in die PR für eine lange Zeit verfolgte Minderheit fließt als in ein weiteres bescheuertes Sport-Event. Oder in ein Alstervergnügen oder neue Stadien oder Kirchentage.

Dass große Firmen - der nächste Punkt, der zusammenhangslos in dem zitierten Text herumeiert - Homosexuelle als attraktive Zielgruppe für sich entdeckt haben, gar als Werbeträger - so what? Unsere heutige Welt wird von Geld dominiert, und je öfter wir deswegen Homosexuelle sehen, um so normaler wird deren Anblick vielleicht irgendwann für alle. Die Menschen werden heute zunehmend von großen Firmen beeinflusst, deren Einkommen so hoch sind wie die ganzer Länder. Ob gut oder schlecht, es ist so, und diese manipulative Kraft für die Erreichung einer Normalität aller Lebensformen einzusetzen, finde ich prächtig.

Wenn Kinder bereits mit Groß-Events Homosexueller und Anzeigenmotiven mit Homosexuellen aufwachsen, braucht es irgendwann keine Trennung mehr. Kein queer mehr, kein Außenseiterstatus mehr, dessen Wegfall in dem zitierten Text bedauert zu werden scheint.

So, das war mein erster Forenbeitrag. Macht Spaß. Ich bleibe dran.



insgesamt 40 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mendorvaldez 13.07.2013
1. Berg vs. Berg
Der kritisierte Artikel könnte auch von einer jüngeren Sybille Berg stammen. Deshalb ist es schön hier einen Reifeprozess feststellen zu können.
Earendil77 13.07.2013
2. Pinkwashing erklärt
Ich versuch's zumindest mal. ---Zitat--- Natürlich kommen auch Palästinenser im Text vor, die, nebenbei bemerkt, wenn sie homosexuell sind, gerne nach Tel Aviv flüchten. ---Zitatende--- Ja. Um sich dort großenteils als illegalisierte Sexarbeiter durchschlagen zu dürfen. Denn ein legaler Aufenthaltsstatus oder gar Asyl ist für schwule Palästinenser (geht da m.W. hauptsächlich um Schwule und weniger um Lesben) im sooo homofreundlichen Israel leider nicht drin. Entsprechend rechtlos und ungeschützt sind die Leute gegenüber Freiern und anderen, denn von der Polizei haben sie höchstens die Abschiedung zu erwarten. Warum flüchten die eigentlich nach Israel? Nun, erstmal wegen der bei Palästinensern und auch sonst im arabischen Raum verbreiteten Homophobie, die Homosexualität als westlichen Import imaginiert. (Paradoxerweise, war doch schwuler Sex im arabischen Raum jahrhundertlang weit verbreitet und weitgehend akzeptiert, während Homophobie tatsächlich ein westlicher Import ist.) Der israelische Geheimdienst macht sich die palästinensische Schwulenfeindlichkeit zunutze, indem er gezielt Schwule als Kollaborateure anwirbt. Die kann man nämlich hervorragend erpressen - welcher Palästinenser will schon, dass seine Familie von seinen Affären erfährt? In der Konsequenz werden schwule Palästinenser inzwischen generell als Kollaborateure angesehen, verfolgt und nicht selten ermordet. Womit das Erpressungspotential weiter steigt. Sozusagen eine Win-Win-Situation für Mossad und palästinensische Schwulenhasser, für schwule Palis dagegen eine Katastrophe. Während also Israel die bedrohliche Situation für schwule Palästinenser in den besetzten Gebieten schamlos ausnutzt und Geflüchteten die kalte Schulter zeigt (von der wenig schmeichelhafte Situation auch für israelische Homosexuelle in Jerusalem und anderen ultraorthodox dominierten Gegenden ganz zu schweigen), stellt es sich gleichzeitig als Paradies für Homosexuelle dar und rechtfertigt damit - das einzige weltoffene, tolerante Land der Region, die "eizige Demokratie im Nahen Osten!" - nicht zuletzt die Besatzungspolitik. Diese zynische Verlogenheit, das ist Pinkwashing, und das ist in der Tat widerlich. Zur elenden Situation von geflüchteten palästinensischen Schwulen in Israel: Homosexualität: Wir Kinder vom Busbahnhof | ZEIT ONLINE (http://www.zeit.de/2012/33/Schwule-Palaestinenser-Tel-Aviv)
mamuschkaone 13.07.2013
3.
Grausiger artikel. Garnicht mal wegen dem inhalt, sondern vor allem wegen dieser unsaeglich wirren argumentationsstruktur. Sie bieten "frauenhassern" immer wieder steilvorlagen, wenn sie ihre texte nicht auf argumenten, sondern unterstellungen und gefuehlen, "die sie so wahrnehmen" , fussen.
Milmo 13.07.2013
4. So ...
Zitat von sysopDPAWenn der böse Google-Konzern und das böse Israel Geld für etwas ausgeben, dann muss es ja um Manipulation gehen! Aber wo ist das Problem? Was ist so falsch daran, Homosexuelle als Zielgruppe zu pflegen? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/kolumne-von-sibylle-berg-kein-queer-mehr-a-910445.html
... wird es wohl sein.
teufelsküche 13.07.2013
5. Na ja
Zitat von sysopDPAWenn der böse Google-Konzern und das böse Israel Geld für etwas ausgeben, dann muss es ja um Manipulation gehen! Aber wo ist das Problem? Was ist so falsch daran, Homosexuelle als Zielgruppe zu pflegen? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/kolumne-von-sibylle-berg-kein-queer-mehr-a-910445.html
ein wenig befremdlich ist es schon, daß ausgerechnet Israel auf die rosa Schiene schwenkt, bis zur Regierung Rabin war das ein eher rechtsfreier Raum für Schwule (die es ja laut jüdischem Glauben gar nicht gibt bzw zu geben hat). Bis in die 80er gab es noch die "Sodomiegesetze". Tel Aviv gilt als sehr schwulenfreundliche Stadt, aber Tel Aviv ist nicht Israel.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.