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24. August 2013, 09:36 Uhr

S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle

Softporno oder Vampire? Was darf's sein?

Eine Kolumne von

Kakerlaken und Leserforen im Netz wird es auch dann noch geben, wenn Vierbeiner und Feuilletons längst ausgestorben sind. Und das ist absolut in Ordnung so. Wer braucht schon Kulturkritiker für die Wahl zwischen Vampirromanen und SM-Kitsch?

Die Zeichen sind so klar, dass man wirklich nicht mehr von eleganten Hinweisen eines höheren Wesens reden kann. Täglich sterben 130 Tier- und Pflanzenarten aus, das Klima, der verschwindende Lebensraum, der Tourismus, die Pestizide. Sie wissen schon: Die Stärksten überleben!

Es werden wohl die Kakerlaken sein. Statt Hundesalons eben Läden, die Kakerlaken-Shampoo und kleine Anzüge verkaufen, mit denen wir unsere sechsbeinigen Lieblinge vor dem Matschwetter schützen, das mit Ausnahme dreier Hitzewochen herrscht.

Intellektueller Sprung: Der britische "Independent" hat die Kulturkritiker seiner Sonntagszeitung entlassen, andere Zeitungen werden ihm folgen, bevor sie völlig zu Grunde gehen. Unter Buchbloggern wird das absehbare Sterben der herkömmlichen Kritik mit einem Schulterzucken kommentiert. Twitterin @annisLesezimmer schreibt in @Buchkolumne: "Kann ich nur bestätigen. Verlasse mich auch lieber auf die Meinung meiner Mitleser, als auf die eines verkopften Buchkritikers".

Früher hätte ich mich über solche Grabgespräche gefreut, denn lange galten mir, wie den meisten Autorinnen und Autoren, Kritiker als Feinde. In 99 Prozent der Rezensionen fühlt man sich falsch verstanden, einem Prozent fühlt man sich oft in lebenslangem Hass verbunden, der drollig ist - beziehungsweise war. Und Kritiker, die sich in einen verbissen haben und nicht ruhen, ehe einer der beiden übrigbleibt: Jeder, der etwas auf sich hält, hat davon ein oder zwei. Meiner hieß Herr Böttiger. Ob er noch lebt? Oder inzwischen eine Umschulung macht?

Die Artenvielfalt stirbt weiter aus

Die Dünkelhaftigkeit des Literaturbetriebs, das Vorbeischreiben am Leser, die verzweifelte Eitelkeit, die Schiebereien, Klüngeleien, das kann man alles furchtbar finden. Und dennoch ist es nun, kurz vor dem Ende, ein wenig traurig, denn es bedeutet: Die Artenvielfalt stirbt weiter aus. Es bleibt: das Netz. Das Volk. Das Blog.

Es gibt gute Buchblogs und erfolgreiche. Die erfolgreichen widmen sich der Besprechung von Fantasy-, Liebes- und Kriminalbüchern. Es überlebt: das Forum. Die Amazon-Bewertungen sind ein Durchschnitt durch das mittelmäßige Menschenhirn. "Zu kompliziert", "verstehe die Aussage nicht", "viel zu deprimierend" heißt es bei Büchern, die mir Freunde sind.

Jubelnd äußern sich die Leser über ein neues drolliges Hitler- oder Pferdebuch. Wunderbar, dass man es kann - grauenhaft, wenn Verbrauchermeinungen das einzige Korrektiv in der Kultur werden. Hatte ich mir mit meiner Aussage, zeitgenössische Kunst würde von Experten in den Kanon befördert, schon viele Freunde gemacht, gilt es doch auch in allen anderen Bereichen unseres Lebens. Für irgendetwas werden Studien doch gut gewesen sein. Zum Beispiel, um sich in Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft und Raketenbau ein wenig auszukennen.

Keiner muss den Empfehlungen eines Literaturwissenschaftlers folgen, aber als Gegenentwurf zur eigenen Meinung war sie ab und zu hilfreich. Es gab sogar immer wieder Kritiker, die sich neben "Shades of Grey" und "Harry Potter" anstrengender Bücher annahmen, die sie einigen Lesern zugänglich machten. Ich bezweifle, dass es "Ulysses" und "Der Mann ohne Eigenschaften" heute gäbe. Kein großer Verlust, werden die meisten sagen. Es gibt doch tolle Vampirbücher, die unsere Sprache sprechen. Und so ist es eben jetzt.

Spitzen und Tiefen unserer Gesellschaft werden von der Evolution beseitigt. Was bleiben wird, sind die Kakerlaken und der durchschnittliche Mensch mit einem durchschnittlichen Gehirn. Mit Tischmanieren und einer kompletten Nicht-Infragestellung des regulativen kapitalistischen Systems, das uns gerade umgibt.

Zombies, die arbeiten und im Anschluss organisches Essen verzehren, Unterhaltungsbücher konsumieren, Unterhaltungsfilme schauen, Rad fahren und sterben.

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