S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Menschen mit Angst und solche ohne

Die einen reden berechtigt von Heimat und Werten, die anderen von Toleranz. Dazwischen ist ein Graben mit Vorurteilen gefüllt. Wir brauchen aber keinen Hass - sondern sorgfältige politische Überlegungen, an denen alle teilhaben können.

Eine Kolumne von


Nach meinem letzten Aufsatz bekam ich viele wohlmeinende Leserzuschriften. Die meisten VerfasserInnen schienen nur die Überschrift gelesen zu haben, denn ich möchte nicht daran glauben, dass ein Aufruf zur Menschlichkeit so viel Erregung hervorruft.

Ja, ich gebe zu, ich werde ungeduldig, wenn ich Autoren lese, die über vorfahrenbedingte Nachteile des Intellekts anderer schreiben. Ich werde nervös, wenn ich vor Asylantenheimen demonstrierende Menschen sehe und an die denke, die in diesem Heim sitzen. Ich gebe zu, ich verachte Homophobie, und es fällt mir schwer, tolerant und ruhig zu bleiben, wenn Deutsche, die nicht in Deutschland geboren wurden, oder Menschen, die in den muslimischen Glauben geboren wurden, generell als Fundamentalisten und als jene, die unsere Frauen vergewaltigen und unsere Werte ablehnen, bezeichnet werden.

Dann verlässt mich die Fähigkeit, mich in andere zu versetzen. Nicht in andere Deutsche, sondern in andere, die auf ihr gutes Recht bestehen, rassistische, sexistische Kommentare mit dem Satz "Das muss doch mal gesagt werden" zu beginnen. Oft endeten die mit "Ihr verdammten Linken" beginnenden Zeilen mit Phrasen, die "Stolz auf unsere Werte" beinhalteten.

2013 von links und rechts zu reden und etwas anderes als geografische Richtungen zu beschreiben, ist aus der Zeit gefallen. Heute kann man doch fast nur mehr Menschen mit Angst und solche ohne unterscheiden. Die einen fürchten sich vor dem Untergang der Welt, vor dem Verlust ihrer selbst, die anderen glauben an die Lernfähigkeit der Menschen und ahnen, dass eine Welt mit bald acht Milliarden Menschen nicht mehr die gleiche wie vor nur 20 Jahren sein kann. Und es Lösungen geben muss, die nicht mit Kriegen enden.

Diese beiden Gruppen stehen sich nun so gegenüber wie damals links und rechts und hören einander nicht zu. Die einen reden berechtigt von Heimat und Werten, die anderen von Toleranz. Dazwischen ist ein Graben mit Vorurteilen gefüllt. Die einen glauben daran, dass Hass auf jede Minderheit gestoppt werden muss, bevor er sich ausbreitet. Auf der anderen Seite herrscht die Angst vor einer Welt, die wir alle nicht kennen. Angst vor Völkerwanderungen, vor dem Islam, den Juden, auseinanderbrechenden Familien und untergehenden Werten. Der größte Wert in Europa ist die Demokratie, in die wir per Zufall geboren wurden.

Deutschland ist ein Sozialstaat, der nicht wegen der sogenannten Sozialschmarotzer untergeht. Es geht den Einkommensschwächeren, den Arbeitslosen, den Alleinerziehenden, den Dreifach-Jobbern nicht schlechter, weil das Land Asylbewerber aufnimmt oder weil es Homosexuelle gibt, die heiraten. Der Sozialstaat geht unter, weil alle sich demokratisch auf eine Regierung geeinigt haben, die den nicht regulierten Kapitalismus forciert und den sozialen Gedanken der Demokratie langsam untergräbt. Für die berechtigte Frustration der Mehrheit muss nun ein Ventil her. Ein Schuldiger. Das kennt man aus der Geschichte und wirklich nicht nur aus der deutschen. Heimat ist eine großartige Sache. Sie ist vertraut, sie stiftet Identität, aber das Aussehen der Heimat ändert sich, so wie alles. Und das werden wir mit Hass nicht aufhalten können. Sondern nur mit sorgfältigen politischen Überlegungen, die alle hier, in einem phantastischen freien Land, treffen können.



insgesamt 118 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
gemüseflüsterer 07.12.2013
1. Wahre Worte
die von so vielen bereits gesagt wurden. Hören will sie dennoch kaum jemand. Aufstehen und Tun wollen noch weniger und so bleibt alles wie es ist. Leichte Opfer sind immer die Anderen. Aber wer macht denn Meinungen? Zum großen Teil die schreibende Zunft. Also Attacke, ein neuer Journalismus ist gefragt, kein angepasstes Duckmäusertum.
zursachet 07.12.2013
2. Wow!
Zitat von sysopDPADie einen reden berechtigt von Heimat und Werten, die anderen von Toleranz. Dazwischen ist ein Graben mit Vorurteilen gefüllt. Wir brauchen aber keinen Hass - sondern sorgfältige politische Überlegungen, an denen alle teilhaben können. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/kolumne-von-sibylle-berg-ueber-die-spaltung-der-gesellschaft-a-937172.html
Wow - Danke Frau Berg für diesen Beitrag. Besonders der Wandel von ehemals links und rechts zu Angst und Hoffnung und Toleranz spiegelt m. Meinung nach die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung treffsicher wieder. Wir brauchen den globalen gesellschaftlichen Wandel und eine Abkehr von dem " immer mehr" Kapitalismus unserer Zeit, dann gibt es auch eine Hoffnung für die Menschheit.
kirtomy 07.12.2013
3.
Sehr geehrte Frau Berg, Sie sprechen von einem phantastischen, freien Land, von Demokratie. Kann es sein, dass Sie nicht in Deutschland leben?
spon-facebook-10000115620 07.12.2013
4. Was wäre die Welt nur ohne.....
....unsere Gutmenschen. Gefallen Sie sich eigentlich selbst so gut darin, jeden Tag im spiegel so eine "objektiv" gesehen gute, hilfsbereite, moralisch einwandfreie, tolerante, weltoffene Person zu sein und fühlen Sie sich deswegen berufen, in der völlig egozentrierten Meinung, der Rest der Welt zu heilen? Sind Sie sich der Tatsache bewusst, dass jeder Mensch (auch Sie) völlig egoistisch stets so agiert, wie es zur Erlangung seines persönlichen Zufriedenheitsmaximuns nötig ist. Freuen Sie sich doch bitte einfach darüber, für sich den Kunstgriff der Illusion eigener Hochwertigkeit vollendet zu haben und versuchen Sie bitte nicht ständig, das Recht auf Meinungsäußerung anderer mit Ihrem selbstgegebenen Vorrecht auf Vorrang Ihrer erhabenen, gutmenschlichen Meinung zu demontieren. Sie sind genau so wenig "gut" wie jeder andere Mensch.
cato. 07.12.2013
5.
Zitat von sysopDPADie einen reden berechtigt von Heimat und Werten, die anderen von Toleranz. Dazwischen ist ein Graben mit Vorurteilen gefüllt. Wir brauchen aber keinen Hass - sondern sorgfältige politische Überlegungen, an denen alle teilhaben können. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/kolumne-von-sibylle-berg-ueber-die-spaltung-der-gesellschaft-a-937172.html
Frau Berg Demokratie umfasst erheblich mehr als den sozialen Gedanken, der ohnehin ein Fremdkörper innerhalb der Demokratie ist und eher im Widerspruch mit fundamental demokratischen Prinzipien wie der Gleihheit vor dem Gesetz, dem Recht auf Eigentum, der freien Entfaltung etc. steht. Und der Link der ihre Meinung stützen soll, befasst sich mit der Untergrabung der Rechte des Bundestages.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.