S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Richtig anstrengend

Über das, was man sagt und wie man es sagt, ständig nachzudenken - das kostet Kraft. Und macht einen am Ende müde, gehemmt und verrückt. Darf man das so sagen?

"Deutschland geht voran." So heißt ein beknackter Werbeslogan für irgendwas. Vielen Bewohnern des Landes wohnt ja der Wunsch inne, alles besonders gut zu machen. Wir könnten jetzt ergründen, warum das so ist, könnten irgendwas mit der preußischen Erziehung behaupten, aber dann ist der Platz hier verbraucht, und wir sind auch nicht schlauer. Denn am Ende käme nur heraus, dass jeder Mensch von sich glaubt, besonders hervorragend zu sein, egal wo auf der Welt.

Die Eigenschaft zur Sorgfalt, es besonders gut machen zu wollen, die man in Deutschland für sich reserviert hat, ist durchaus angenehm. In vielen Bereichen. In manchen aber auch ein wenig anstrengend. Während ein Teil der jungen Menschen gerade versucht, besonders gute Nazis zu werden, hält der andere Teil mit dem Wettbewerb um den politisch korrektesten Menschen dagegen.

Mir behagt die Idee der politischen Korrektheit, denn die meint, dass man über das, was man sagt und wie man es sagt, nachdenkt. Es könnte im guten Fall bedeuten, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft, Geschlechts, Menschen mit Behinderung und ohne, ins Gespräch kommen und sich freundlich auf Dinge hinweisen. Ich wusste auch nicht, dass schwarze Menschen "schwarze Menschen" genannt werden wollen, bis sie es mir sagten. Und ich sage dann doch: Danke, das merke ich mir.

Mehr Raum für Vielfalt

Sich selber pausenlos auf politische Korrektheit zu hinterfragen, macht allerdings müde, gehemmt und am Ende verrückt. Darf man das sagen? Im Falle eines Versehens droht die gesellschaftliche Ächtung. Ich glaube, der Moderatorin Sarah Kuttner ist das passiert. Jedem kann das passieren. Egal welcher Hautfarbe, welchem Geschlecht, welcher Rand- oder Nichtrandgruppe er oder sie angehört. Shit happens. Wir machen Fehler, und der Diskurs, den es zum Glück gibt, kann helfen, sie zu erkennen. Auch wenn das Erkennen mitunter ein wenig mühsam ist. Auf Twitter schrieb die gehörlose Julia Probst jüngst:

Julia Probst @EinAugenschmaus 

Ich mag Alexandra Maria Lara, und sie ist ne echte Frau. Ich mag es NUR nicht, wenn Nichtbehinderte Menschen mit Behinderung spielen im Film.

Kurz frage ich mich, was eine echte Frau ist und ob ich mich diskriminiert fühle. Und dann denke ich über den weiteren Inhalt der Mitteilung nach. Wenn nur eine Behinderte die Rolle der Stephanie in "Der Geschmack von Rost und Knochen" spielen dürfte, die am Anfang des Filmes beide Beine verliert, wie spielt die behinderte Schauspielerin dann den Part, wenn die Beine noch vorhanden sind? Muss man also eine Darstellerin suchen, die irgendwann Beine hatte, damit sie den Verlust glaubwürdiger darstellen kann?

Ich möchte keineswegs martensteinen, aber mitunter komme ich an meine Grenzen. Tun wir ja alle früher oder später. Und statt darauf zu beharren, dass man Sachen schon immer so oder so formuliert und getan hat, dass die Erde schon immer eine Scheibe war und der Mond von einem Mann bewohnt wird, ist es für den Verstand erfrischend, neue Argumente zu hören.

Das funktioniert nur leider nicht über einen Shitstorm oder über Twitter und Facebook. Und darum mein Wunsch für dieses Jahr: mehr Raum in den Medien für Behinderte, für Menschen welcher Randgruppen auch immer, mehr Raum für Vielfalt. Ich möchte nicht beleidigt werden, wenn ich einen Fehler mache, sondern begreifen, ich möchte lernen und am Ende explodieren vor Wissen. (Mit Sorge erwarte ich den Shitstorm von ehemals Explodierten.)

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Foto: SPIEGEL ONLINE