S.P.O.N. - Helden der Gegenwart Wir werden doch alle mal undicht

Die "Titanic" hat Ärger, weil sie auf dem Titelblatt einen prominenten Senior im eingenässten Gewand zeigt. Fragt sich nur, warum. Denn es ist doch löblich, wenn ein Magazin mal deutlich macht, welche Gebrechen uns im hohen Alter erwarten - und was das für die Gesellschaft heißt.

Eine Kolumne von Silke Burmester


Liebe Macher des "Titanic"-Magazins,

Ganz, ganz herzlich möchte ich mich bei Ihnen bedanken, dass Sie so mutig waren, und das schwierige Thema "Alter" aufgegriffen haben. Ja, dass sie es sogar zum Titelthema gemacht haben! Ich erlebe immer wieder, wie schwierig es doch ist, Mitmenschen für dieses Thema zu interessieren.

Zwar wird unablässig vom demografischen Wandel gesprochen, aber was es wirklich heißt, mit Alten zu leben, was es im Alltag bedeutet, mit Demenzkranken klar kommen zu müssen und vor allem was es heißen wird, wenn Gebrechliche in diesem Land zahlenmäßig den Ton angeben - man denke nur an die Scharen überforderter Senioren an den Fahrkartenautomaten des öffentlichen Nahverkehrs, die Massen an Rollatoren, mit denen sie im Supermarkt die Gänge versperren - an dieses heiße Eisen trauen sich nur wenige heran. Die Kirche greift die Problematik ab und zu mal auf und auch die Fachpublikationen des Pflegesektors, in der breiten Öffentlichkeit aber suche ich eine Auseinandersetzung vergeblich.

So würde ich gern mal einen Artikel darüber lesen, wie es eigentlich sein kann, dass Menschen, die nicht mehr laufen können, noch Autofahren. Also eines, das mit Fußpedalen bedient wird. Oder darüber, dass ein großer Teil der Rentner das Leben nach dem Motto "high sein - frei sein" verbringt, also vollgepumpt mit Psychopharmaka. Und Auto fährt. Oder über die Problematik, die sich daraus ergibt, dass viele männliche Alzheimerpatienten im Zuge ihrer Erkrankung einen stark ausgeprägten Sexualtrieb entwickeln. Und Schamgefühl nicht mehr kennen.

Anstrengend, diese Alten!

Ja, das sind Themen, die in der öffentlichen Diskussion ausgespart werden. Themen, die unter den Tisch gekehrt werden, weil sie unangenehm sind. Stattdessen werden wir aktuell überschwemmt mit Filmen und Büchern, in denen lustige Alte noch einmal Krawall machen. In denen sie noch einmal auf die Kacke hauen. Was früher der spaßige Film-Affe "Unser Charly", die putzige Robbe "Robbie" oder Eddie Murphy sind heute die Oldies: Liebenswerte Hausgenossen, über deren Unfähigkeit und Schrulligkeit man sich schüttelt vor Lachen.

Das aber ist nur die eine Seite des Alters. Eine, über die es sich vorzüglich amüsieren lässt, wenn man nicht betroffen ist. Umso mehr freut es mich, dass Sie es gewagt haben, aus diesem Kanon auszuscheren und die andere, die problematische Seite zu thematisieren!

Als Tochter eines Vaters mit Alzheimer, der zuletzt in die Ecken pinkelte, bin ich sehr angetan davon, wie es Ihnen mit so einfachen Mitteln gelingt, das Problem zu veranschaulichen: Es ist anstrengend mit diesen Menschen. Alte Leute können einen in den Wahnsinn treiben. Man weiß nie, was sie als nächstes tun. Und das Schlimmste: Sie veranstalten die größte Sauerei und finden das auch noch lustig.

Auf ganz simple Art gelingt es Ihnen, die Fragen in den Raum zu werfen, die wir als Gesellschaft behandeln müssen. Fragen wie: Wer kümmert sich? Soll man die Alten einfach machen lassen? Welche Kost ist die Richtige? Wann ist eine Wohngruppe geeignet? Geht Gefahr von ihnen aus?

Ich weiß, dass Sie sich mit Ihrer Titelwahl - ein alter, prominenter Herr in einer Art Nachthemd, der sich eingemacht hat - nicht nur Freunde gemacht haben. Viele Menschen finden das Cover respektlos, manche sagen schlicht, es sei unter der Gürtellinie. Vor allem die Kirche sieht die Menschenwürde missachtet. Ich aber frage mich, ob es nicht genau solche Bilder braucht, um die Problematik ins Bewusstsein zu rücken, dass manche alte Menschen nicht mehr ganz dicht sind. Dass sie schlichtweg zu alt sind, um Entscheidungen zu treffen, die zeitgemäß sind. Entscheidungen, die eine Gesellschaft in ihrer Werteausrichtung voranbringen, statt sie im Mittelalter zu verankern.

Ich möchte Ihnen wie gesagt, ganz herzlich zu der Entscheidung des Titelthemas gratulieren, das in Ihrem Fall zwar wohl weniger aus Mut denn aus Übermut geboren ist und denke, die vielen empörten Reaktionen zeigen: Wir als Gesellschaft müssen uns überlegen, wie wir die Pflege so organisieren, dass der alte Mensch seine Würde behält, auch, wenn er nicht mehr alles so gut unter Kontrolle hat. Nicht nur um des alten Menschen Willen, auch um unseretwillen.

In diesem Sinne: Ein herzliches Dankeschön und gute Nerven!

insgesamt 61 Beiträge
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Seite 1
Marbot 15.07.2012
1.
Ja soo hab ich das noch gar nicht gesehen, aber so gesehen, haben sie recht, Frau Burmester. ;-) "Als Tochter eines Vaters mit Alzheimer, der zuletzt in die Ecken pinkelte, bin ich sehr angetan davon, wie es Ihnen mit so einfachen Mitteln gelingt, das Problem zu veranschaulichen: Es ist anstrengend mit diesen Menschen. Alte Leute können einen in den Wahnsinn treiben. Man weiß nie, was sie als nächstes tun. Und das Schlimmste: Sie veranstalten die größte Sauerei und finden das auch noch lustig." (Zitat) Naja, in die Ecken pinkeln und es lustig finden können auch junge Männer, die mehr Alkohol getrunken haben, als sie vertragen können. Ich habe es (lang, lang ist's her), selbst auf einer Party erlebt. Auch die anderen "Ärgernisse", die sie ansprechen, sind nicht unbedingt altersgebunden. Ich frage mich, womit man besser klar kommt, mit einem Alten, der seine eigenen Unzulänglichkeiten lustig findet oder mit einem, der zusätzlich noch aggressiv wird und wütet. Schau mer mal, wie (und ob überhaupt) meine Kinder es mit mir aushalten werden, wenn es soweit ist. Dauert nicht mehr lange. ;-))
AndyDaWiz 15.07.2012
2. Schon im ersten Beitrag...
Zitat von MarbotJa soo hab ich das noch gar nicht gesehen, aber so gesehen, haben sie recht, Frau Burmester. ;-) "Als Tochter eines Vaters mit Alzheimer, der zuletzt in die Ecken pinkelte, bin ich sehr angetan davon, wie es Ihnen mit so einfachen Mitteln gelingt, das Problem zu veranschaulichen: Es ist anstrengend mit diesen Menschen. Alte Leute können einen in den Wahnsinn treiben. Man weiß nie, was sie als nächstes tun. Und das Schlimmste: Sie veranstalten die größte Sauerei und finden das auch noch lustig." (Zitat) Naja, in die Ecken pinkeln und es lustig finden können auch junge Männer, die mehr Alkohol getrunken haben, als sie vertragen können. Ich habe es (lang, lang ist's her), selbst auf einer Party erlebt. Auch die anderen "Ärgernisse", die sie ansprechen, sind nicht unbedingt altersgebunden. Ich frage mich, womit man besser klar kommt, mit einem Alten, der seine eigenen Unzulänglichkeiten lustig findet oder mit einem, der zusätzlich noch aggressiv wird und wütet. Schau mer mal, wie (und ob überhaupt) meine Kinder es mit mir aushalten werden, wenn es soweit ist. Dauert nicht mehr lange. ;-))
...beginnt die "Vereinfachung" im Interesse einer Leugnung. Das eine hoert schnell wieder auf, das andere kommt ggf halbstuendlich, jahrelang. Und besoffene Alte, vollgepumpte Alte, unselbstaendige autofahrende Alte etc gibt es in Massen. === Wie zur Bestaetigung: Gerade vorgestern bin ich hinter einem Rentner hergefahren, der bei staerkerem (Gegen-)Verkehr in den Ortschaften auf einer schnurgeraden Bundesstrasse einer ansonsten wenig belebten deutschen Gegend 35kmh und ausserhalb 50kmh gefahren ist. Als ich ihn endlich ueberholen konnte, gab es LICHTHUPE. Vorige Woche gleiches Bild. Da hat der Rentner hinter dem Steuer seine Brille geputzt...
HansCh 15.07.2012
3. Mobbing ...
Nachdem "Medien" wie Pardon und später Titanic jahrelang politischen Journalismus verwechselt haben mit Verunglimpfung Andersdenkender, Bezeichnung als "Birne" oder kürzlich "Undicht", haben sich solche Verunglimpfungen anderer Menschen auch im Internet massenhaft festgesetzt. Erst sehr zögerlich, nachdem wohl auch sie selbst und Angehörige betroffen waren, haben "Linke" erkannt, dass es da eine Fehlentwicklung gibt und letzteres als Mobbing behandelt. Bestimmte Opferkreise, Kirche, Konservative, ... müssen aber immer noch mit solchen "Infantilitäten" rechnen.
Schwarzer_Rabe 15.07.2012
4.
Zitat von sysopDPADie "Titanic" hat Ärger, weil sie auf dem Titelblatt einen prominenten Senior im eingenässten Gewand zeigt. Fragt sich nur, warum. Denn es ist doch löblich, wenn ein Magazin mal deutlich macht, welche Gebrechen uns im hohen Alter erwarten - und was das für die Gesellschaft heißt. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,844214,00.html
Ob eine äußerst provokanten Darstellung in der Titanic, die den Papst im beschmutzten Gewand zeigt, der richtige Anlass ist, zumindest halb ernsthaft die Probleme unserer alternden Gesellschaft zu diskutieren, halte ich für zweifelhaft. Natürlich ging es den Titanic-Machern nicht im geringsten darum, wie auch Frau Burmester wohl bewußt sein dürfte. Was im Gewand der Satire daherkommt, ist äußerst respektlos gegenüber den Anhängern der christlichen und besonders der katholischen Religionsgemeinschaft gegenüber. Kritik am Verhalten von Religionsvertretern und Gläubigen, ob in schriflticher Form oder als Karikatur, ist selbstverständlich völlig legitim, aber was soll an der Darstellung des Papstes in kotverschmierten Kleidern kritisch und hinterfragend? Nichts! Ziel war ganz offensichtlich, einen billigen Lacher zu erzeugen unter dem Mäntelchen der ach so aufgeklärten Religionskritik. Und wer das nicht zum Brüllen komisch findet, ist natürlich ein naiver, unaufgeklärter Spießer. Wäre ein hochrangiger islamischer Geistlicher derart dargestellt worden, würde es jetzt wahrscheinlich von allen Seiten Kritik hageln (nicht nur von moslemischer Seite) und die äußerst unsensible Provokation, die ja keinerlei politisch-gesellschaftliche Aussage hat, kritisiert werden. Für Christen scheinen allerdings nicht dieselben Spielregeln zu gelten wie für den Umgang mit Muslimen und Juden.
flaviussilva 15.07.2012
5. alles nur Werbung....
Zitat von HansChNachdem "Medien" wie Pardon und später Titanic jahrelang politischen Journalismus verwechselt haben mit Verunglimpfung Andersdenkender, Bezeichnung als "Birne" oder kürzlich "Undicht", haben sich solche Verunglimpfungen anderer Menschen auch im Internet massenhaft festgesetzt. Erst sehr zögerlich, nachdem wohl auch sie selbst und Angehörige betroffen waren, haben "Linke" erkannt, dass es da eine Fehlentwicklung gibt und letzteres als Mobbing behandelt. Bestimmte Opferkreise, Kirche, Konservative, ... müssen aber immer noch mit solchen "Infantilitäten" rechnen.
Die Titanic ist ein Blättchen mit einer Auflage von nicht mal 100.000 Stück im Monat. Also ständig von der Pleite bedroht. Die Publicity wo die grade bekommen, nur weil der Papst persönlich seine Aufmerksamkeit auf sie richtet, ist für das Blatt doch ein warmer Regen und die nächsten Auflagen verkaufen sich sicher auch wieder besser. Hätte die katholische Kirche über die Ausgabe einfach hinweggeschaut, hätte kein Schwein von der Sache Notiz genommen und das Blatt wäre der Pleite wieder einen Schritt näher. Als Tipp, einfach Cool bleiben und drann denken, es gehören immer zwei dazu, einer der beleidigt und einer der sich beleidigen lässt.
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