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"Tannhäuser"-Inszenierung: Gesundheitsgefährdende Kunst

Foto: Marius Becker/ dpa

"Tannhäuser"-Skandal Im Land der Täter und Sanitäter

Die Deutschen ermordeten sechs Millionen Juden, aber wenn man sie daran erinnert, rufen einige neuerdings den Arzt. Weil Zuschauern übel wurde, setzte die Düsseldorfer Oper eine umstrittene "Tannhäuser"-Inszenierung ab. Ob die wirklich ein Skandal ist? Mag sein. Ihre Absetzung ist sicher einer.

Der Komponist Richard Wagner war ein ekelhafter Antisemit, seine Opern wurden von führenden Köpfen des nationalsozialistischen Politiker-Packs geliebt und zum Inbegriff deutscher Kultur-Wertarbeit verklärt. Deshalb liegt es ziemlich nahe, zwischen Wagners möglicherweise genialem musikalischem Werk und den Verbrechen der Nazis Verbindungen herzustellen.

Viele Filmemacher und Musiktheaterregisseure tun das seit Jahrzehnten. In Hollywood und im deutschen Kino wurden Auftritte nationalsozialistischer Oberschurken und Bilder von den Massendeportationen der Juden mit schwelgerischen Wagner-Klängen unterlegt, Dutzende von Wagner-Regisseuren, viele glühende Fans seiner Musik, haben sich in Inszenierungen mit Wagners Rassenwahn und dem Wagner-Kult, den die Nazis trieben, beschäftigt - manchmal intelligent, oft plakativ und stets ganz zu Recht.

Der Regisseur Burkhard Kosminski, 51 Jahre alt und im Hauptjob Schauspielintendant in Mannheim, hat am vergangenen Samstag in Düsseldorf sein Debüt als Opernregisseur präsentiert. Eine "Tannhäuser"-Inszenierung, in der ziemlich zu Beginn einige Statisten zu sehen waren, die sich in Glaskästen bewegten. In denen stieg weißer Rauch auf, was offensichtlich an die Gaskammern der nationalsozialistischen KZs erinnern sollte. Wenig später sah man den Darsteller des Tannhäuser eine Familie erschießen.

Schon während der Premiere gab es laute Proteste im Zuschauerraum, auf der Premierenfeier wurde Kosminski heftig attackiert. Ob seine Aufführung wirklich skandalös ist, wie manche Kritiker meinten, oder hochinteressant und erschütternd, wie andere schrieben, lässt sich nun nicht mehr überprüfen. Denn wer nicht in der Premierenvorstellung war (auch ich war nicht dort), der wird diesen Skandal-"Tannhäuser" nie zu sehen bekommen. Am Mittwoch hat der Düsseldorfer Opernintendant Christoph Meyer verkündet, dass er alle weiteren Vorstellungen der Kosminski-Inszenierung kippt. Der "Tannhäuser" wird künftig nur noch konzertant gespielt.

Der zürnende Kulturbürger

Besonders bemerkenswert an dieser Absetzung ist deren Begründung. Ausschlaggebend, so Meyer, waren nicht negative Kritikerstimmen oder die Kampagne der Lokalzeitung "Rheinische Post", die sogar den israelischen Botschafter in Deutschland, Yakov Hadas-Handelsman, zu der ziemlich kühnen, weil sehr allgemeinen Stellungnahme veranlasste: "Jegliche Verwendung von Nazi-Symbolen in einem solchen Rahmen ist fehl am Platz." Entscheidend, so Meyer, sei allein gewesen, dass "einige Szenen, insbesondere die sehr realistisch dargestellte Erschießungsszene, für zahlreiche Besucher sowohl psychisch als auch physisch zu einer offenbar so starken Belastung geführt haben, dass diese Besucher sich im Anschluss in ärztliche Behandlung begeben mussten". Er habe die "Tannhäuser"-Arbeit gekippt, weil "wir eine solch extreme Wirkung unserer künstlerischen Arbeit nicht verantworten können".

Wie immer es um Kosminskis nicht mehr zu beurteilende Regiekunst im Fall "Tannhäuser" bestellt sein mag: Diese Argumentation setzt im Kulturkampf zwischen Regisseuren und denen, die ihre Arbeit ablehnen, neue Maßstäbe. Jahrzehntelang haben deutsche Theaterbesucher nach dem Staatsanwalt oder nach der Politik gerufen, wenn ihnen eine Inszenierung nicht gefiel, wenn sie ihre religiösen oder sittlichen Gefühle verletzte. Es war fast immer vergebens. Selbst als der große Musiktheater-Erneuerer Hans Neuenfels vor über 30 Jahren in Verdis "Aida" das Liebespaar Aida und Radames in einer Gaskammer ihr Leben ausröcheln ließ (was in einer Verdi-Oper keineswegs näher liegt als bei Richard Wagner), blieb, so erzählen uns die Älteren, diese legendäre Frankfurter Inszenierung auf dem Spielplan - trotz aller wütenden Proteste. Der zürnende Kulturbürger von heute aber ruft nicht nach Justiz und Obrigkeit, er ruft nach dem Sanitäter.

Mindestens zehn Premierenbesucher, so wird in Düsseldorf berichtet, hätten sich nach der Premiere in ärztliche Betreuung begeben müssen. Das hat für die Absetzung gereicht. Die Deutschen haben in ihrer jüngeren Geschichte sechs Millionen Juden umgebracht, aber wenn sie im Jahr 2013 auf einer Opernbühne daran erinnert werden, rufen sie nach dem Onkel Doktor.

Selbst wenn einer oder mehrere der Zuschauer wirklich medizinischer Betreuung bedurften - für die Streichung einer Regiearbeit kann das nicht ernsthaft als Begründung dienen. Die "Tannhäuser"-Aufführung, so schrieb der Kritiker Frank Pommer in der sehr bürgerlichen Tageszeitung "Rheinpfalz", "mutet uns drastische Bilder zu. Sie mutet uns zu, über das Werk nachzudenken, sie verstört uns und konfrontiert uns mit der deutschen Geschichte, indem sie Tannhäusers Sünde als deutsche Urschuld schlechthin zeigt."

Pommer schrieb, seiner Meinung nach sei Kosminskis Regiearbeit in entscheidenden Punkten nicht geglückt, doch sei sie selbst im Irrtum von beeindruckender Stringenz und "erschüttere die Zuschauer". Diese Erschütterung wird künftig in Düsseldorf nicht mehr stattfinden, sozusagen auf ärztliche Empfehlung. Wenn dieses Beispiel Schule macht, werden wir auch im Kino, im Theater und im Museum bald keine Bilder von den Verbrechen der Nazis mehr sehen dürfen. "Die Belastung", werden die Zensoren wie der Düsseldorfer Opernchef Meyer sagen, "ist nicht zu verantworten."

Lesen Sie dazu auch ein Interview mit "Tannhäuser"-Regisseur Burkhard Kosminski im kommenden SPIEGEL.
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