Kultur

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Kommentar von Klaus Staeck

"Der Schwarze Peter ist bei uns"

Ist Osama Bin Laden nicht eigentlich ein hausgemachter Teufel der westlichen Welt? Und warum dürfen wir darüber nicht reden? Wir müssen es, sonst produzieren wir ihn immer wieder neu, warnt der Heidelberger Polit-Grafiker Klaus Staeck.

Donnerstag, 11.10.2001   05:55 Uhr

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Heidelberg - Über meinem Schreibtisch hängt jetzt wieder eine Postkarte von Joseph Beuys. Sie zeigt die Zwillingstürme des World Trade Center mit seinem handschriftlichen Zusatz "Cosmos" und "Damian" - den Schutzheiligen der Ärzte und Apotheker. Sie entstand nach einer gemeinsamen USA-Reise im Januar 1974 auf dem Höhepunkt der ersten weltweiten Energiekrise. Auch damals war viel von Schock die Rede, der aber schließlich von ebenso kurzer Dauer war wie viele Menetekel zuvor.

Diesmal haben sich jedoch die Ereignisse tiefer in unser Bewusstsein eingegraben. Dennoch habe ich Zweifel, ob sie auch zu nachhaltigen Verhaltensänderungen führen werden und nicht schon bald wieder das ewige vertraute "Weiter so" triumphiert.

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Noch ist die anhaltende Erregung auch deshalb so groß, weil der Terror nun endgültig in unseren Vorgärten angekommen ist. Der Schrecken begleitet uns künftig hautnah. Wir können ihn nicht mehr wie bisher in entlegene Entfernungen delegieren. Doch statt umzudenken, fangen wir zunächst an, Selbstzensur zu betreiben.

Natürlich habe ich am 11. September überlegt, ob ich mein Bush-Plakat "Visit America - Home of the Climate Killers" angesichts der schrecklichen Bilder aus New York vorerst zurückziehen müsste. Greenpeace ließ es während der letzten Weltklimakonferenz in Bonn an Litfasssäulen anschlagen. Aber ist die Aussage durch den Bombenterror falsch geworden? Davon kann keine Rede sein. Deshalb kein Rückzieher.

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Streit und Auseinandersetzung über zentrale Fragen der Gesellschaft sind elementare Bestandteile unseres Demokratieverständnisses. Man wird nicht zum Sympathisanten des Terrors, wenn man Kritikwürdiges kritisiert und im allgemeinen Kriegsgeschrei auf Meinungsfreiheit und Differenziertheit besteht. Bei uns ebenso wie in den USA und in jedem anderen Teil der Welt - erst recht in der so genannten freien Welt.

Die Keule der Sympathisantenhetze ist aus den siebziger Jahren noch in schlechter Erinnerung. Machte sich doch jeder als Freund des Terrors verdächtig, der sich dem Mainstream bestimmter Massenmedien und Politiker verweigerte. Aber auch die offiziell proklamierte "uneingeschränkte Solidarität" mit den Vereinigten Staaten darf das Recht auf Kritik nicht aushebeln.

Wir tun im Gegenteil gut daran, zusammen mit den Amerikanern Fragen zu stellen und auf Antworten zu bestehen. Antworten zu einer gerechten Weltwirtschaftsordnung, zu den trüben Quellen religiös motivierter Attentäter, zu den Folgen einer immer hemmungsloser agierenden neoliberalen Machtideologie. Schließlich waren es amerikanische Autoren, die als Erste nach den Ursachen von so viel Hass fragten, die den USA in weiten Teilen der Welt entgegenschlägt.

Schon ein Blick auf die gewalttätigen Auseinandersetzungen in Nordirland macht deutlich, dass die allzu fixe Aufteilung der Welt in Regionen der Zivilisation und eine Zone der Barbarei als Markierung globaler Frontlinien nicht taugt. Sind es nicht mindestens zwei Zivilisationen, die sich in Nordirland nun schon seit Generationen feindselig gegenüberstehen?

Wir beteiligen uns an einer internationalen Jagd auf die Hintermänner intelligent agierender Verbrecher, die allerdings in Teilen der Welt als Märtyrer verehrt werden. Das macht die Sache so kompliziert. Mag der Islam alles in allem eine friedliche Weltreligion sein, so ist nicht zu leugnen, dass er sich im 21. Jahrhundert offenbar besser als vergleichbare Religionen - die ihre blutrünstigen Phasen weitgehend hinter sich haben - auch als Plattform für das militante Wirken menschenverachtender Fanatiker mit politischem Anspruch eignet.

Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts war die Eskalation der Gewalt auf der Achse Nord-Süd nur eine Frage der Zeit. Denn zu wenige nahmen die Prophezeiungen und Warnungen Willy Brandts ernst - nachzulesen in seinem erschreckend aktuellen Nord-Süd-Bericht. Aber alles Fernsehen, das wir haben, hat uns nie dazu gebracht, richtig in die Ferne zu sehen und geholfen, Weitblick zu entwickeln. Wir sind kurzsichtig geblieben und werden weiter kurzsichtig gemacht.

Die überzogenen Angriffe christdemokratischer Politiker auf den Fernsehmoderator Ulrich Wickert, der sich den Luxus einer eigenen Meinung leistete, beweisen, es geht längst um die Verteidigung der bürgerlichen Freiheiten gegen den Feuereifer der Sicherheitsfundamentalisten in allen politischen Lagern. Wir leben weder im Krieg noch führen wir einen Kreuzzug gegen das so genannte Böse. Folglich gilt in Deutschland auch kein Kriegsrecht.

Gut und Böse sind Kategorien der Ratlosigkeit, Bankrotterklärungen bei der Suche nach Erklärungen und Lösungen. Genauso wenig kann die ultimative Antwort auf den Terrorismus nur eine militärische, sondern muss eine politische, vorrangig nahostpolitische, sein. Fundamentalismus, noch dazu gepaart mit Nationalismus und religiösem Wahn, bleibt eine todbringende Krankheit, die es weltweit zu überwinden gilt. Aber zur Heilung gehört auch die Prophylaxe. Es ist höchste Zeit, an die Zeit nach Osama Bin Laden zu denken. Denn als Bösewicht vom Dienst wird er bald ausgedient haben. Und was dann? Es gibt noch viele Zauberlehrlinge aus eigenen Werkstätten, die es zu stoppen gilt. Doch damit ist der Schwarze Peter wieder bei uns.

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