Kommentar Wieso Jauch Recht hat

Günther Jauch lässt sich nicht mit dem Ersten ein - das kann man verstehen. Ein Moderatorenjob bei der ARD ist keine Verhandlungssache, sondern ein Staatsakt. Der Sender nervte mit Forderungen und viel Gerede.

Von Peer Schader


Man kann natürlich der Meinung sein, dass jemand, der für "Glücksspiele, Lebensversicherungen oder weiß der Teufel was Reklame machen" will (MDR-Chef Udo Reiter), einfach nicht dafür geeignet sei, zugleich eine Polit-Talkshow im Ersten zu leiten. Oder man kann kritisieren, dass dieser Jemand nebenbei noch bei einem Privatsender moderiere (WDR-Chefin Monika Piel).

In diesem Fall muss man die ARD natürlich dazu beglückwünschen, dass sie nicht locker lassen wollte in den Verhandlungen mit Günther Jauch, der nun doch nicht Nachfolger von Sabine Christiansen werden will.

Oder man ist der Ansicht, dass es langsam auch mal jemandem bei der ARD auffallen müsste, dass es keinen Sinn macht, seine künftigen Stars bereits Monate im Voraus öffentlich zu zerreden, weil die sonst die Lust verlieren könnten.

Jetzt hat Jauch die Lust verloren. Noch bevor es überhaupt losgegangen ist. Und man kann das nur zu gut verstehen, wenn über Monate diskutiert wird, was man künftig als Moderator alles zu tun und zu lassen habe. Ein Moderatorenjob bei der ARD ist keine Verhandlungssache, eher ein Staatsakt. Seitdem im vergangenen Sommer bekannt wurde, dass Jauch im Ersten talken soll, gab es ständig neue Forderungen: wie der Vertrag aussehen soll, wie und ob Jauch werben darf und wer über die Sendung zu verfügen hat.

Änderung der Zuständigkeit geplant

Offenbar waren es am Ende nicht einmal die so oft zitierten Werbeverträge, an denen die Zusammenarbeit gescheitert ist. "Alle meine Werbeverträge hatte ich bereits gekündigt oder auslaufen lassen. Diese Zugeständnisse zeigen, wie sehr ich an dem Format am Sonntagabend interessiert war", erklärte Jauch in einer Stellungnahme.

Dass seine Sendung allerdings der ARD-Chefredaktion unterstellt werden sollt, hat ihm nicht in den Kram gepasst – weil er nicht zum "Spielball der politischen Farbenlehre innerhalb der ARD" werden wollte. Was Jauch meint, ist: Bei der ARD ist man gewohnt, sich einzumischen. Die Redaktion von "Sabine Christiansen" kann ein Lied davon singen. Intendanten, Rundfunkräte, Programmchefs – alle haben ihre Interessen, manche glauben sich profilieren zu müssen, manche mahnen zurecht.

Christiansen gehört mit ihrer Sendung offiziell zum Bereich Unterhaltung in der ARD, was gerne kritisiert wird, weil der Talk deshalb nicht von der Chefredaktion gesteuert werden kann und deshalb oft zu lax geführt ist. Im SPIEGEL hat sich der seit Anfang Januar amtierende ARD-Chef, SR-Intendant Fritz Raff, gerade dafür ausgesprochen, das zu ändern. Noch mehr Einmischung als bei seiner Kollegin Christiansen wollte Jauch sich aber offenbar nicht zumuten.

"Die Welt geht nicht unter"

"Ich bin (…) in Sorge, ob es der ARD in Zukunft noch gelingen wird, einen Fernsehstar ähnlichen Formats für sich zu gewinnen", kritisierte NDR-Intendant Jobst Plog "eine Reihe von Indiskretionen und Nachforderungen aus einigen Landesrundfunkanstalten und deren Gremien" zum Jauch-Vertrag.

In der ARD wollte man diesmal unbedingt einen Deal wie damals zwischen Harald Schmidt und der Sendertochter Degeto vermeiden, die den Vertrag an den ARD-Gremien vorbei schlossen. Anders scheint es aber nicht zu gehen.

Im SPIEGEL sagte Raff über Jauch: "Ich rechne fest damit, dass er kommt, aber ich sage auch: Ohne Jauch geht die ARD-Welt nicht unter." Am Donnerstag erklärte Raff: "Vielleicht gibt es zu einem späteren Zeitpunkt eine Gelegenheit, doch noch zusammen zu kommen." Ob die ARD überhaupt so richtig verstanden hat, was passiert ist?



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